Gaga oder genial? Mit Steer-by-Wire über die Indoor-Kartbahn
Gaga oder genial? Mit Steer-by-Wire über die Indoor-Kartbahn

Peugeot dreht am Rad: Im schweren e-2008 geht es mit dem Steer-by-Wire-System des kommenden 208 über eine enge Indoor-Kartbahn in Frankfurt. Eine Testfahrt der besonderen Art.
Bild: Sven Krieger / Stellantis Germany
- Martin Westerhoff
27. Juli 2026, 06:07 Uhr
Als Autojournalist habe ich im Laufe der Jahre schon so einige verrückte PR-Aktionen erlebt. Aber was sich
Peugeothier in Frankfurt hat einfallen lassen, grenzt auf den ersten Blick an Wahnsinn: Mit einem ausgewachsenen Elektro-SUV sollen wir eine winklige Indoor-Kartbahn befahren. Die erstreckt sich zu allem Überfluss auch noch über zwei Etagen.
Doch hinter diesem etwas gaga anmutenden Stunt verbirgt sich ein technisches Statement. Der neue
Peugeot 208, seines Zeichens Bestseller im B-Segment, feiert 2027 Debüt. Und sein Technik-Highlight wird eine Steer-by-Wire-Lenkung in Kombination mit dem futuristischen Hypersquare-Lenkrad.
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Wer das verstehen will, muss kurz zurückblicken: Ende 2025 gaben die Franzosen mit dem Polygon Concept einen ersten Vorgeschmack auf den nächsten 208 – und präsentierten die radikale Lenkrad-Revolution Hypersquare erstmals der Weltöffentlichkeit.
Während Hersteller wie
Mercedesoder
Lexussolch aufwendige Lenksysteme ohne mechanische Verbindung zu den Rädern derzeit in größeren und teureren Segmenten anbieten, geht Peugeot bewusst den umgekehrten Weg: Der Hersteller bringt die High-Tech-Lösung in einen Kleinwagen.
Steer-by-Wire für den Stadtverkehr
Warum? Jüngere Käuferschichten seien neuen Technologien gegenüber deutlich aufgeschlossener. Vor allem aber spiele Steer-by-Wire genau dort seine größten Trümpfe aus, wo es täglich richtig eng wird: im städtischen Verkehrsraum. Beim Einparken reicht künftig eine Drehung von maximal 170 Grad in jede Richtung. Das lästige Rumrudern und Umgreifen am Lenkrad entfällt komplett, weil die Lenkübersetzung elektronisch gesteuert wird und damit flexibel anpassbar ist.

Enge Kurven, rutschiger Belag, wenig Platz: Die Kartbahn soll die Vorteile der neuen Lenktechnik demonstrieren.
Bild: Sven Krieger / Stellantis Germany
Um Hypersquare im wahrsten Sinne des Wortes greifbar zu machen, stehen wir in der Eco-Kart-Halle in Frankfurt. Rund 600 Meter Länge, verteilt auf drei unterschiedliche Ebenen, gespickt mit 15 engen Kurven. Die Fahrbahn? Ein rutschiger Spezialbelag, auf dem normalerweise Elektro-Karts um Bestzeiten driften. Wir dagegen stehen vor einem ausgewachsenen Peugeot e-2008, der als Technologieträger dient. 4,30 Meter lang, 1,77 Meter breit – und 1623 Kilogramm schwer. Dazu auch noch 115 kW (156 PS) stark.
Lenksystem des künftigen 208 ist fast fertig
Das Besondere: Unter seinem unscheinbaren Blech arbeitet das brandneue Lenksystem, das laut Entwicklern bereits zu über 90 Prozent dem Serienstand des künftigen 208 entspricht. Damit ist es gegenüber dem Polygon Concept deutlich weiterentwickelt. Die Challenge des heutigen Tages: Eine komplette Runde über die verwinkelte Piste fahren, ohne dabei die Hände vom eckigen Lenkrad nehmen zu müssen.
Fahrertür öffnen und hinters Steuer schwingen. Vom sonst schicken Infotainment der Serie ist in diesem Technik-Mule nichts mehr übrig. Auf dem großen Mitteldisplay rattern schnöde Code-Zeilen und kryptische Systemchecks durch. Neben mir auf dem Beifahrersitz hat Pierre Yves Etienney, der Leiter des Programms 208 bei Peugeot, Platz genommen. Ein kurzes Nicken, ein "Go" von ihm und wir stromern los.
Wie ein Elefant im Porzellanladen
Die Lenkung fühlt sich im ersten Moment fast schon zu leichtgängig an, was sicherlich zum großen Teil an dem glatten Fahrbahnbelag liegt. "Nutze die volle Streckenbreite zum Anfahren der Kurven", rät mir Etienney. Beim Drehen des Lenkrads scheint die programmierte Übersetzung zunächst noch linear zu reagieren. Doch auf den letzten paar Grad, kurz vor dem Volleinschlag, lenken die Vorderräder plötzlich überproportional stark ein – und wir bekommen so die Kurve. Erstaunlich mühelos und ohne umzugreifen geht es weiter um die nächsten Ecken, anschließend die Rampe rauf zum höhergelegenen Streckenabschnitt.
Auf dem Zentraldisplay des Technik-Mules laufen statt Navigation und Apps zahlreiche Systemdiagnosen.
Bild: Sven Krieger / Stellantis Germany
Einige Kurven später wird es kniffelig. Bei der Abfahrt in Richtung Hallenboden steuern wir auf eine fiese, stark hängende Linkskurve zu. "Bitte langsam und möglichst weit innen fahren", warnt der Ingenieur nun eindringlich. Kein Wunder: Käme der 1,6-Tonner einmal seitlich ins Rutschen, wäre der Kontakt mit der Streckenbande unvermeidbar.
Enge Schikane als dickes Ende
Das wirklich dicke Ende wartet dann kurz vor der Start- und Zielgeraden: eine extrem enge Links-rechts-Schikane. Für die wuseligen Karts ist das die langsamste und nervigste Passage der Halle. Und für den riesigen e-2008? Ich lenke hart ein – trotzdem geht uns schlicht und ergreifend der Platz aus. Der Wendekreis lässt sich eben nicht einfach wegprogrammieren.
Also anhalten und den Rückwärtsgang einlegen. Aber, und das ist das Entscheidende: Am Lenkrad umgreifen muss ich dennoch nicht. Einmal kurz zurücksetzen, das SUV neu ausrichten, und wir quetschen uns durchs Nadelöhr. Mission erfüllt!
Die Vorteile von Steer-by-Wire im Stadtverkehr oder Parkhäusern liegen auf – oder vielmehr in – der Hand: Lästige Kurbeleien mit Umgreifen entfallen. Es wird spannend, wie sich das Seriensystem im kommenden 208 bei Autobahntempo verhält. Laut Entwickler Etienney wird die Übersetzung mit zunehmender Geschwindigkeit angepasst, um das Steuer nicht versehentlich zu verreißen. Und wer nicht will, muss auch nicht: Den 208 wird es parallel mit klassischer Lenksäule geben.
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