„Seid euch nicht so sicher“: Pflegerin und Enkel betrügen Krankenkasse – AOK Hessen meldet Rekord
Ganze Familie beim Kassenbetrug erwischt – wie eine Pflegerin und ihr Enkel die AOK um 72.000 Euro brachten
Stand: 16.07.2026, 20:36 Uhr
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Noch nie gab es so viele Betrugsfälle im deutschen Gesundheitswesen wie jetzt. Die AOK Hessen zieht Bilanz mit erschreckenden Zahlen.
Kassel – Es war kein anonymer Betrüger von außen, der die AOK Hessen um 72.000 Euro brachte – es war eine Pflegerin, die Patienten kannte und das Wissen über sie nutzte, wie die dpa berichtet. In 33 Fällen rechnete sie Verhinderungspflege ab, die sie nie erbracht hatte. Ihr Enkel, der im selben Pflegedienst arbeitete, war in den Betrug verwickelt. Die Frau wurde inzwischen zu 22 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und verlor ihren Job. Ein Familienunternehmen des Betrugs – und kein Einzelfall. Solche Fälle, sagt Heike Degenhardt-Reinmold, die das zehnköpfige Prüfteam der AOK Hessen leitet, seien in den vergangenen Jahren „hundertfach“ vorgekommen.

Denn der Fall steht für ein weit größeres Problem: Die AOK Hessen hat in den Jahren 2024 und 2025 so viele Betrugshinweise registriert wie noch nie in ihrer Geschichte. „Noch nie gab es so viele Hinweise auf Fehlverhalten im Gesundheitswesen wie in den Jahren 2024/25“, meldet das Prüfteam in seinem aktuellen Tätigkeitsbericht, der der dpa vorliegt. 1232 Verdachtsfälle gingen ein, zehn Prozent mehr als im Zwei-Jahres-Zeitraum davor. Die gesicherten Forderungen stiegen um 45 Prozent auf rund 4,8 Millionen Euro.
Rekordschaden bei Krankenkassen: Versicherungsbetrug greift um sich
Die AOK Hessen steht damit nicht allein: Wie die KKH Kaufmännische Krankenkasse auf ihrer Website meldet, verzeichnete auch sie für 2024 einen Rekordschaden von 5,4 Millionen Euro. Laut Monitor Versorgungsforschung entstanden auch der AOK Rheinland/Hamburg in den Jahren 2024 und 2025 Schäden von rund acht Millionen Euro. Bundesweit meldete das Bundeskriminalamt 2024 20.553 Fälle von Abrechnungsbetrug – ein massiver Anstieg gegenüber den 2169 Fällen des Vorjahres.
Und laut einer internationalen Studie, auf die die KKH in ihrer Pressemitteilung verweist, liegt die tatsächliche Schadensdunkelziffer bei rund 6,19 Prozent der jährlichen Gesundheitsausgaben – das entspräche allein in Deutschland etwa 18,5 Milliarden Euro.
Besonders bei der Verhinderungspflege wird getrickst
Besonders anfällig ist die sogenannte Verhinderungspflege – genau jene Leistung, die die Pflegerin und ihr Enkel missbrauchten. Die Pflegeversicherung übernimmt dabei die Kosten für eine Ersatzpflegekraft, wenn die reguläre private Pflegeperson – etwa wegen Krankheit, Urlaub oder Überlastung – ausfällt. Wie das Bundesgesundheitsministerium mitteilt, wurden die Regelungen seit dem 1. Juli 2025 grundlegend reformiert:

Die Budgets für Verhinderungs- und Kurzzeitpflege wurden zu einem gemeinsamen Jahresbetrag von bis zu 3539 Euro zusammengelegt, die frühere sechsmonatige Vorpflegezeit entfällt, und die maximale Nutzungsdauer wurde von sechs auf acht Wochen pro Jahr verlängert. Anspruch besteht ab Pflegegrad 2. Der Zugang ist bewusst niedrigschwellig gehalten – und genau das macht die Leistung zum bevorzugten Ziel für Betrüger.
Blanko-Rezepte, nicht durchgeführte Behandlungen, falsche Abrechnungen – und es werden immer mehr Versuche
Neben dem Familien-Fall aus der Pflege dokumentiert die AOK Hessen noch dreistere Methoden. Ein bundesweit tätiger Lieferant für Verbandmittel ließ blanko unterschriebene Rezepte nachträglich selbst bedrucken und löste damit Bestellungen aus. „Diese Masche flog auf, weil eine Vielzahl der Verordnungen ein identisches Druckbild aufwies, obwohl diese von weit entfernten Praxen ausgestellt worden waren“, erklären die Fahnder. Allein für das Jahr 2025 fordert die AOK in diesem Fall 857.000 Euro zurück.
In einem weiteren Fall rechnete ein Physiotherapeut Behandlungen ab, die er nie durchgeführt hatte – die Signaturen der Versicherten waren gefälscht, „und noch nicht einmal besonders gut“, wie die Prüfer nüchtern feststellten. 44 Verordnungen waren betroffen, die Forderung beläuft sich auf knapp 12.000 Euro. Wie die Monitor Versorgungsforschung berichtet, deckte die AOK Rheinland/Hamburg zudem einen Fall auf, bei dem rund 1000 Rezeptfälschungen für sogenannte Lifestyle-Medikamente wie Ozempic oder Mounjaro abgerechnet wurden – offenbar für den Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt.
„Die Betrugsmechaniken und Tatbestände haben sich in den vergangenen Jahren kaum verändert“, hält die AOK fest. Neu ist das Ausmaß. Die Zahl der Strafanzeigen stieg um 24 Prozent auf 195. Auch bei der Techniker Krankenkasse nehmen die Hinweise zu, das Schadensvolumen bleibt dort laut einer Sprecherin aber in etwa konstant.
703 der 1232 Hinweise bei der AOK Hessen kamen aus externen Quellen – etwa über ein anonymes Online-Meldeportal. Degenhardt-Reinmold setzt auf diese Unterstützung: „Solche Hinweise sind wichtig. Wir sind dankbar für aufmerksame Bürger. Letztlich zahlen wir doch alle die Rechnung.“ Ohne solche Tipps hätten die Prüfer bei der schieren Masse an Abrechnungen kaum eine Chance, Luftbuchungen zu entdecken. Künftig könnte Künstliche Intelligenz helfen, Widersprüche automatisch aufzuspüren – systematisch eingesetzt wird sie bei der AOK bislang aber noch nicht. Stattdessen verlässt sich das Team auf erfahrene Mitarbeiter, die fast alle Varianten des Abrechnungsbetrugs bereits kennen – darunter auch den Klassiker, Leistungen für längst Verstorbene abzurechnen.
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Wer einen Betrugsverdacht hat: Die Krankenkassen bitten um Mithilfe
Wer selbst einen konkreten Verdacht hat, kann diesen melden: Wie der GKV-Spitzenverband auf seiner Website erklärt, sind alle gesetzlichen Krankenkassen gemäß § 197a SGB V verpflichtet, Stellen zur Bekämpfung von Fehlverhalten im Gesundheitswesen einzurichten. Hinweise können dort direkt und auch vollständig anonym eingereicht werden.
Erhärtet sich ein Verdacht, schalten die Prüfer die Staatsanwaltschaft ein. „Das ist sehr mühsam“, sagt Degenhardt-Reinmold. Jede einzelne Tat müsse belegt werden, bei betagten oder dementen Pflegebedürftigen sei das besonders schwierig. Dass es dennoch zu Verurteilungen kommt, wertet sie als klares Signal – auch an Familien wie jene Pflegerin und ihren Enkel: „Das sendet die Botschaft: Seid euch nicht so sicher.“ Die Krankenkassen warnen auch vor einer üblen Telefon-Abzocke. (Quellen: dpa, monitor-versorgungsforschung.de, bundestag.de, bundesgesundheitsministerium.de, KKH, gkv-spitzenverband.de) (jh)