"Andere Lösung, als Gewalt": So funktionieren Deradikalisierungsprogramme


Menschen trauern und legen Blumen und Beileidsbekundungen an einen der Tatorte im Berliner Tiergarten, zwei Tage nach dem Anschlag auf die Feiern des 48. Berliner Christopher Street Day (CSD) mit einer Toten und 29 teils schwer Verletzten.

AUDIO: Nach CSD-Anschlag: Helfen Deradikalisierungsprogramme überhaupt? (3 Min)

Extremismusprävention

Nach Anschlag auf CSD: Was bringen Deradikalisierungsprogramme?

Stand: 28.07.2026 09:02 Uhr

Wie lässt sich verhindern, dass Menschen immer tiefer in extremistische Ideologien abrutschen? Seit dem Anschlag auf den Berliner CSD wird darüber wieder intensiv diskutiert. Bund und Länder finanzieren Demokratie- und Deradikalisierungsprogramme, die Radikalisierung früh erkennen und Gewalt verhindern sollen. Doch wie funktionieren sie? Und wie wirksam sind sie tatsächlich?

von Sarah Bötscher, MDR AKTUELL

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Die Organisatorin des CSD Leipzig hatte nach dem Anschlag im Interview mit MDR AKTUELL kritisiert, dass Demokratieprojekten die Gelder gekürzt würden. Dabei brauche es diese Angebote dringend, um Hass entgegenzuwirken und Toleranz zu stärken.

Das sieht auch Maik Reichel so, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen-Anhalt. Dort setzen viele Projekte schon früh an: Mit Workshops an Kitas und Schulen, Angeboten in Jugendzentren oder Fortbildungen für Lehrkräfte, die Anzeichen von Radikalisierung erkennen sollen.

Prävention muss früh ansetzen

Einen Anschlag wie in Berlin könne politische Bildungsarbeit allein aber nicht verhindern, sagt Reichel: "Das wäre weit gefehlt, aber Sie können natürlich dort schon frühzeitig anfangen, Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es andere Lösungen gibt als Gewalt. Wie will ich miteinander umgehen, will ich alles gleich im Streit mit der Faust austragen oder kann man es versuchen, erstmal auf dem verbalen Wege? Sie müssen frühzeitig anfangen und das vor allem kontinuierlich."

Doch gerade das sei oft schwierig. Viele Projekte sind auf langfristige Arbeit ausgelegt, Fördergelder werden dagegen meist nur befristet bewilligt.

CSD-Täter war "nicht wirklich zugänglich"

Aber wie sieht es bei Menschen aus, die stark radikalisiert sind? Wer bereits straffällig wurde, kann während oder nach einer Haftstrafe Deradikalisierungsprogramme angeordnet bekommen. Sie sind verpflichtend und sollen dabei helfen, sich von extremistischen Ideologien zu lösen.

Damit das gelingt, kommt es aber vor allem auf den richtigen Zeitpunkt an, betont Kristin Weber vom Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen: "Deradikalisierungsprogramme können grundsätzlich helfen. Sie wirken aber vor allem dann, wenn Radikalisierungsprozesse frühzeitig erkannt werden."

Weber fügt hinzu: "Wenn man jetzt auf den Fall von Abdul B. schaut, dann zeigt sich, dass es bereits zwei Gespräche gegeben hat und er nicht wirklich zugänglich gewesen ist. Dass es sich um eine Person handelt, die bereits eine sehr feste Radikalisierung innehatte. Dann kann man davon ausgehen, dass es sehr schwierig ist, an diese Person ranzukommen."

Und vieles spiele sich heute online ab, sagt Weber. Vor allem der Islamische Staat nutze Social-Media-Plattformen gezielt, um junge Menschen anzusprechen.

Erfolge von Deradikalisierungsprogrammen bleiben oft unsichtbar

Wie erfolgreich Deradikalisierungsprogramme tatsächlich sind, lasse sich allerdings nur schwer messen, sagt Linda Schlegel vom Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung: "Wie bei allen psychologischen Phänomenen, wir können den Leuten nicht in den Kopf gucken. Es ist schwer zu erkennen, ob jemand sein Denken wirklich verändert hat."

Ein möglicher Zugang seien Verhaltensänderungen, denn die könne man sehr viel besser beobachten: "Da sehen wir auf jeden Fall, dass Distanzierungsbemühungen einen positiven Effekt haben. Also: Ich wende mich von der Gruppe ab, ich baue ein neues soziales Umfeld auf. Das sind die Indikatoren, um zu entscheiden, ob das erfolgreich war, weil es eben so schwierig ist, das Denken zu messen."

Trotzdem hält Schlegel solche Programme für unverzichtbar. Denn oft werde nur über die Fälle gesprochen, in denen Gewalt verübt wurde. Wie viele Straftaten verhindert werden konnten, bleibe dagegen meist unsichtbar.