Frankfurt: Gemeindezentrum St. Nicolai als vorbildliches Gebäude nominiert


Der kleine Platz neben der Kirche St. Nicolai an der Waldschmidtstraße im Frankfurter Ostend ist erst seit ein paar Monaten zugänglich: Auf der einen Seite befindet sich ein Wohnhaus, vor dem Bänke zum Verweilen einladen, auf der anderen Seite ermöglichen große Fenster den Blick in den Saal der evangelischen Gemeinde. In der Mitte steht ein kleiner Baum, in der Ecke befindet sich der Eingang zum neuen Gemeindezentrum, zu dem Büros und Gruppenräume gehören.

Der Blick nach oben eröffnet eine ungewöhnliche Ansicht: Die Gebäude sind über ein Dach mit einem ovalförmigen Ausschnitt verbunden. Durch die Öffnung gut erkennbar sind der unter Denkmalschutz stehende Kirchturm sowie das Tonnengewölbe über dem Saal, das man bei zeitgenössischen Bauten eher selten sieht.

„Wir sehen das Gemeindehaus als Teil der Kirche“

Noch vor wenigen Jahren sah das Areal neben der markanten Kirche ganz anders aus. Dort stand das alte Pfarrhaus mit Gemeindesaal und Wohnungen. Schon 2008 sei klar gewesen, dass etwas passieren müsse, berichtete Pfarrer Wolfgang Löbermann bei der Eröffnung des Neubaus Anfang des Jahres. Es hat aber etwas gedauert, bis eine Lösung entwickelt und realisiert wurde. Als Partner hat der Evangelische Regionalverband die Wohnbaugenossenschaft Frankfurt gewonnen, die in der Umgebung bereits 150 Wohnungen hat. Die Nachbarschaftsabstimmung für das neue Wohnhaus ließ sich so leichter regeln.

Preiswürdiges Ensemble: Das neue Wohnhaus und die alte Kirche sind über das eingeschossige Gemeindezentrum verbunden.
Preiswürdiges Ensemble: Das neue Wohnhaus und die alte Kirche sind über das eingeschossige Gemeindezentrum verbunden.Frank Röth

2017 hat das Frankfurter Büro Turkali Architekten mit seinem Entwurf für Gemeindezentrum und Wohnhaus den Architekturwettbewerb gewonnen. Prämiert wurde unter anderem die Idee, den neuen Gemeindesaal direkt an die in den Fünfzigerjahren nach Kriegszerstörungen neu gebaute Kirche anzuschließen. „Wir sehen das Gemeindehaus als Teil der Kirche“, sagt der Architekt Zvonko Turkali. Es geht dabei nicht nur um die symbolische Verbindung, sondern auch um eine optimierte und flexible Nutzung der Flächen. Sogar die Kirche selbst gewinnt durch den eingeschossigen Anbau: Die bunten Glasfenster im Seitenschiff, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, sind hinterleuchtet und kommen besser zur Geltung als bisher.

9,3 Millionen Euro kostet das Gesamtprojekt

Die Verbindung zwischen der Kirche und dem sich unterordnenden Gemeindehaus wird auch durch die verwendeten Materialien deutlich: So wurde außen die Natursteinfassade weitergeführt, im Inneren erinnern Parkett und Betonwerkstein an den älteren Bau. „Aber wir wollten nicht, dass das Gemeindehaus wertiger ist als die Kirche“, sagt Turkali und verweist auf die Wände aus schlichtem Sichtbeton.

Architekt Zvonko Turkali im Hof vor dem Gemeindesaal
Architekt Zvonko Turkali im Hof vor dem GemeindesaalFrank Röth

Die vier Tonnengewölbe über dem 145 Quadratmeter großen, holzvertäfelten Saal orientieren sich am Raster der Kirchenfenster, durch die Oberlichter in der Decke können die Besucher des Saals auch von dort aus den Kirchturm erspähen. Dank der großen Glasfronten sieht man von außen, was im Gemeindesaal passiert. „Es entsteht eine Verbindung zum öffentlichen Raum“, sagt Turkali. Bei schönem Wetter kann der Saal vollständig zum Hof hin geöffnet werden. „Wir wollten dem Platz eine Decke geben“, erläutert Turkali das Verbindungselement zwischen Gemeindezentrum und Wohnhaus. Die runde Form habe mit Gemeinschaft zu tun. Um niemanden auszuschließen, werde der Hof nicht mit einem Zaun zur Straße hin abgetrennt.

9,3 Millionen Euro hat das Gesamtprojekt nach Angaben des Evangelischen Regionalverbands gekostet. Wenige Monate nach der Eröffnung wurde der Gebäudekomplex jetzt für die von Finanzministerium und Architektenkammer vergebene Auszeichnung „Vorbildliche Bauten im Land Hessen“ nominiert. In diesem Jahr werden Bauvorhaben gewürdigt, bei denen es um Zwischenräume, Schnittstellen und Übergänge geht.

„Wir freuen uns sehr über die Nominierung“, sagt Cora Lehnert, Vorstand der Wohnbaugenossenschaft Frankfurt. „Es ist ein tolles Ensemble geworden.“ 15 Drei- und Vierzimmerwohnungen sind neben dem Gemeindezentrum über einer gemeinsamen Tiefgarage entstanden. „Wir wollten ein Angebot für Familien schaffen“, sagt Lehnert. Denn in der Umgebung verfüge die Genossenschaft überwiegend über kleinere Wohnungen. Die Nachfrage sei groß trotz der Miete, die wegen der Baukosten bei 20 Euro je Quadratmeter liegt. „Wir hätten alle Wohnungen doppelt und dreifach vermieten können“, sagt Lehnert. Die Lage am Zoo und an der U-Bahn ist attraktiv. Und aus den oberen Geschossen blickt man nicht nur auf die Kirche, sondern auch auf die Skyline.