Gerechtigkeitsforscher im Interview: „Die Politik muss dafür sorgen, dass die Belastungen gerechter verteilt werden“


Stand: 25.10.2026, 20:26 Uhr

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dpatopbilder - 24.10.2026, Frankreich, Paris: Zahlreiche Demonstranten ziehen von der Porte d'Italie in Richtung Porte de Vincennes. Foto: Marcus Golejewski/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Rund 800.000 Menschen waren laut Schätzungen der Gewerkschaft CGT in Frankreich auf der Straße. © Marcus Golejewski/dpa

Europa protestiert gegen hohe Preise, marode Infrastruktur und eine Politik, die viele nicht mehr erreicht. Der Gerechtigkeitsforscher Stefan Liebig über verletzte Gerechtigkeitsgefühle und die Gefahr der Resignation.

Mangelnde Unterstützung, mangelnde Wertschätzung – vieles kann dazu führen, dass Menschen sich in ihrem Gerechtigkeitsgefühl verletzt fühlen. Die europaweiten Proteste zeigen, wie sich diese Gefühle äußern können. Dass sich die Prinzipien dahinter in den einzelnen Ländern unterscheiden, erklärt der Soziologe Stefan Liebig im Gespräch.

Herr Liebig, „Arbeit, Frieden, Umwelt, Sozialstaat, Verfassung!“ – mit diesem Kampfruf haben in Italien Hunderttausende gegen die Regierung Meloni demonstriert. Auch in Frankreich, Spanien, Portugal und Belgien gehen Menschen auf die Straße. Erleben wir eine europäische Revolte gegen soziale Ungerechtigkeit?

Dazu muss man sich die Situation in den einzelnen Ländern anschauen. In Frankreich gibt es beispielsweise eine Protestkultur, die relativ schnell sehr heftig und aggressiv werden kann. Das haben wir schon bei den Gelbwesten erlebt. Auch die Gruppen, die die Proteste tragen, unterscheiden sich von Land zu Land. Von einer gemeinsamen europäischen Bewegung würde ich deshalb noch nicht sprechen.

Aber die Klagen ähneln sich: hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten, marode Schulen und Unis. Sind das nicht gemeinsame Nenner?

Natürlich haben die Sozialproteste unmittelbar mit dem Gerechtigkeitsempfinden zu tun. Und das reagiert auf reale Erfahrungen.

Und wann wird aus empfundener Ungerechtigkeit soziale Wut?

Ungerechtigkeitsempfinden führt nicht zwangsläufig zu Unruhen. Da müssen weitere Faktoren hinzukommen. Die Unzufriedenheit muss sich an einem bestimmten Thema kristallisieren und es braucht Gruppen, die den Protest vorantreiben. Menschen, die sich längerfristig ungerecht behandelt fühlen, neigen sogar eher dazu, sich zurückzuziehen, statt aktiv zu werden. Bei jungen Menschen ist das anders. Sie sind schneller bereit, ihrer Wut auf Demonstrationen Luft zu machen.

Obwohl eine große Mehrheit der Deutschen die aktuell geplanten Sozialreformen für ungerecht hält, ist es hier noch ziemlich ruhig. Warum?

Weil Deutschland eine andere Protestkultur hat. Unsere gesellschaftlichen Konflikte werden durch Sozialpartnerschaft und Föderalismus viel stärker auf verschiedenen Ebenen verhandelt. Wir haben ein dezentrales System mit vielen Kontroll- und Ausgleichsmechanismen. In Frankreich konzentriert sich dagegen sehr viel Macht in Paris. Auch die Sozialpartnerschaft ist dort anders organisiert. In Deutschland werden Konflikte in kleinere Einheiten zerlegt und schon im Vorfeld entschärft.

Bei den Protesten sind auffallend viele junge Menschen dabei. Zeigt sich hier auch ein Generationenkonflikt?

Unterschiede ja, einen Konflikt sehe ich nicht. Es hat eher mit den Erfahrungen der vergangenen fünf, sechs Jahre zu tun. Angefangen mit der Corona-Pandemie, unter der die Jüngeren besonders gelitten haben. Dazu kommt die wirtschaftliche Situation. Selbst in Deutschland wird es für junge Menschen zusehends schwierig, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – auch für Universitätsabsolventen. In anderen Ländern ist die Situation noch gravierender. Und gerade die besser Gebildeten gehören häufig zu den Trägern solcher Proteste.

Schlechte Zukunftsaussichten treiben die jungen Menschen auf die Straße?

Interessant ist dabei eine Veränderung bei den Wertvorstellungen der Generationen. In der Soziologie unterscheiden wir zwischen materialistischen und postmaterialistischen Werten. Bei den einen geht es um Sicherheit, niedrige Inflation, Ruhe und Ordnung, bei den anderen um Mitbestimmung und freie Meinungsäußerung. In den 1980er und 1990er Jahren waren junge Menschen eher postmaterialistisch orientiert, die Älteren dagegen materialistisch …

… und das hat sich verändert?

Das hat sich nahezu umgekehrt. Meine ALLBUS-Analysen über gut 40 Jahre zeigen, dass die Jungen wieder stärker materielle Sicherheit einfordern, während die einst postmaterialistischen Kohorten ihre Werte ins Alter mitgenommen haben. Das spiegelt schwierigere wirtschaftliche Bedingungen und Krisenerfahrungen wider.

Gilt diese Entwicklung auch für andere europäische Länder?

Ich vermute, dass es da ähnlich ist. Junge Menschen haben überall in Europa ähnliche Krisen erlebt: unsichere Arbeitsmärkte, Inflation, die Pandemie mit geschlossenen Schulen.

Früher gab es das Zukunftsversprechen, dass es den Kindern besser gehen wird als den Eltern. Das gibt es nicht mehr?

Dieser Abstand ist inzwischen geschrumpft. Ein anderer Befund ist ebenfalls interessant: Die Einschätzung der eigenen Lebenssituation und die Bewertung der Lage des Landes klaffen deutlich auseinander. Menschen beurteilen ihre persönliche Situation deutlich positiver als den Zustand Deutschlands. Das zeigt ein anderes Gerechtigkeitsproblem: Viele Menschen fühlen sich nicht nur ungerecht behandelt, weil sie zu wenig haben oder ihre wirtschaftliche Existenz bedroht sehen. Sondern auch, weil sie den Eindruck haben, nicht gehört zu werden. Sie glauben, Sozialreformen kämen anderen zugute, während sie selbst die Lasten tragen müssten.

Aber das ist doch nicht nur ein Gefühl. Die geplanten Sozialreformen zum Beispiel gehen deutlich auf Kosten der Frauen – im Familien-, Pflege- und Gesundheitsbereich.

Das ist leider so. Wobei für das Verhalten der Menschen entscheidend ist, was sie selbst für Realität halten. Wenn ich glaube, ungerecht behandelt zu werden, hat das Konsequenzen. In der Gerechtigkeitsforschung sprechen wir von Verfahrensgerechtigkeit. Dabei geht es nicht nur darum, ob jemand 100 Euro mehr oder weniger hat. Sondern darum, ob Menschen gehört und respektvoll behandelt werden. Genau daran mangelt es gegenwärtig.

Wenn die Wissenschaft das längst weiß, warum macht die Politik dann seit Jahrzehnten das Gegenteil? Bundeskanzler Merz beleidigt die Arbeitnehmer:innen. Gerhard Schröder hat Sozialhilfeempfänger:innen als unproduktiv und wertlos beschimpft. Anschließend ist die Zahl der Nichtwähler:innen drastisch gestiegen.

Ob das die Wahlbeteiligung senkte, ist schwer zu belegen. Heute ist die Lage anders. Jetzt gibt es die AfD und andere extreme Parteien, die davon profitieren. Und die werden nicht nur von Menschen gewählt, die materiell schlecht dastehen. Entscheidend ist das Gefühl: Ich werde nicht gesehen, meine Interessen und Bedürfnisse werden von der Politik nicht wahrgenommen.

In Europa bedeutet Gerechtigkeit nicht für alle dasselbe. Welche Unterschiede gibt es zwischen den Ländern?

Wir unterscheiden vier grundlegende Gerechtigkeitsprinzipien: das Leistungs-, das Bedarfs-, das Gleichheits- und das Anrechtsprinzip. Das Leistungsprinzip bedeutet: Wer mehr arbeitet oder leistet, soll auch mehr bekommen. Nach dem Bedarfsprinzip soll der Staat Menschen helfen, die sich nicht selbst versorgen können oder unverschuldet in Not geraten. Das Gleichheitsprinzip verlangt Gleichbehandlung. Und beim Anrechtsprinzip geht es darum, dass Menschen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Position oder bestimmter Merkmale besondere Ansprüche haben sollen. Da gibt es beispielsweise Menschen, die im Brustton der Überzeugung erklären, Männer sollten mehr verdienen als Frauen.

Diesen Unsinn kennen wir.

Weil sie Männer sind, meinen sie, ihnen stehe mehr zu. Oder Menschen, die glauben, Deutsche hätten grundsätzlich mehr Ansprüche als Nichtdeutsche. Auch das sind Gerechtigkeitsvorstellungen, die wir als Wissenschaftler ernst nehmen müssen. Wir können nicht einfach sagen: „Ihr seid ja blöd.“

Nein, aber man kann sagen, dass das patriarchale und rassistische Vorstellungen sind.

Klar, das können Sie machen. Fragt sich nur, ob sich dadurch die Einstellungen ändern. Tatsächlich unterscheiden sich die europäischen Länder darin, wie sie diese vier Gerechtigkeitsprinzipien gewichten. In Deutschland dominieren das Leistungs- und das Bedarfsprinzip. Wir erwarten, dass der Staat Menschen in Not unterstützt, aber auch, dass sich Leistung lohnt und diejenigen mehr bekommen, die sich stärker anstrengen. In Frankreich dagegen hat das Gleichheitsprinzip mehr Gewicht.

Und bei uns sind Leistungs- und das Bedarfsprinzip verletzt?

Ja, für die aktuelle Situation in Deutschland ist entscheidend, dass diese beiden zentralen Gerechtigkeitsprinzipien aus Sicht vieler Menschen nicht mehr angemessen berücksichtigt werden. Viele Menschen arbeiten viel und bekommen dafür vergleichsweise wenig. Gleichzeitig sehen sie, dass andere, die sehr reich sind, nichts tun müssen und trotzdem viel Geld bekommen. Das ist eine Krise des Leistungsprinzips. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Belastungen gerechter verteilt werden.

Was ja durch eine Reichen- und angemessene Erbschaftssteuer durchaus möglich wäre …

Beim Bedarfsprinzip gibt es ein anderes Problem: Hilfe für Bedürftige wird akzeptiert, aber an Gegenseitigkeit geknüpft. Erhalten andere scheinbar Leistungen ohne Gegenleistung, schwindet die Akzeptanz. Stichwort Migration. Solche Wahrnehmungsmuster – egal wie berechtigt sie sind – muss die Politik ernst nehmen statt sie wegzuschieben. Darin liegt aus meiner Sicht ein wesentlicher Grund für den Erfolg der AfD: Sie thematisiert Dinge, die Menschen wahrnehmen und empfinden, während die demokratischen Parteien Schwierigkeiten haben, darüber zu sprechen.

In vielen europäischen Ländern wird mehr Geld für Rüstung ausgegeben, während es bei Wohnungen, Schulen und Krankenhäusern fehlt. Ist das ein neuer Gerechtigkeitskonflikt? Wenn soziale Sicherheit gegen militärische aufgewogen wird?

Wenn wir die gegeneinander ausspielen, bekommen wir ein Problem. Ich glaube, Russland hat großes Interesse daran, dass die europäischen Demokratien in Krisen geraten. Das ist eine Möglichkeit, ein Land in die Knie zu zwingen. Autoritäre Systeme können ihre Bevölkerung mit Gewalt kontrollieren. In Demokratien ist der gesellschaftliche Zusammenhalt dagegen eine Achillesferse.

Weil sich eine Demokratie auch von innen aushöhlen lässt. Aber aus dieser Perspektive ist es doch dann ziemlich dumm, was die Politik derzeit mit der starken Betonung aufs Militärische macht.

Dumm ist vor allem, dass sie die Menschen nicht ausreichend wertschätzt und den Ausgleich zwischen den gesellschaftlichen Gruppen vernachlässigt. Denn es gibt ein ganz grundlegendes menschliches Gerechtigkeitsempfinden. Wenn Menschen in Gruppen zusammenleben, muss jeder seinen Beitrag leisten. Stellen Sie sich eine Gruppe von Jägern in der Steinzeit vor. Die einen strengen sich an, um einen Bären zu erlegen, während andere nichts tun, hinterher aber das größte Stück Fleisch beanspruchen. Die Angst, dass andere sich auf unsere Kosten bereichern, ist tief in uns verankert.

Wir müssen also den Bären gerecht aufteilen?

Gerechtigkeitsregeln helfen uns zu erkennen, wann wir ausgenutzt werden. Und wenn Menschen das Gefühl haben, ausgebeutet zu werden, ziehen sie sich zurück. Bleiben wir bei der Jagdgruppe: Wenn ich mich ausgenutzt fühle, kann ich die Gruppe verlassen …

… und den Bären allein erlegen?

Genau. In unseren Gesellschaften ist das schwierig. Die meisten Menschen bleiben, wo sie sind. Aber sie haben andere Möglichkeiten: Sie machen nur noch Dienst nach Vorschrift, engagieren sich nicht mehr, wählen eine Partei, die sich gegen das bestehende System richtet – oder begehren auf, indem sie auf die Straße gehen.

„In Demokratien ist der gesellschaftliche Zusammenhalt dagegen eine Achillesferse.“

Porträtfoto von Stefan Liebig, Mann in grauem Jackett, schwarzer Brille vor einem Baum.

Stefan Liebig ist Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Sozialstrukturanalyse und Umfragemethodik an der Freien Universität Berlin. © privat

Stefan Liebig ist Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Sozialstrukturanalyse und Umfragemethodik an der Freien Universität Berlin.

Er forscht zu sozialer Ungleichheit und dazu, wie Menschen Gerechtigkeit wahrnehmen und bewerten.

Von 2018 bis 2022 leitete er das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) am DIW Berlin, zuvor war er Professor an der Universität Bielefeld.

dpatopbilder - 24.10.2026, Italien, Rom: Antikriegsaktivisten demonstrieren gegen die Aufrüstung und die Beteiligung Italiens an Kriegen im Rahmen einer von mehreren Protestaktionen in Italien, die von Gruppen aus dem gesamten politischen Spektrum organisiert wurden. Foto: Gregorio Borgia/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Den Demonstrationen in Rom schlossen sich auch Antikriegsaktivist:innen an. © Gregorio Borgia/dpa

epa13327728 People clean around the tents at a housing protest encampment in Puerta del Sol square in Madrid, Spain, 24 October 2026. The protesters are on their 28th consecutive day of demonstrations and intend to continue the protest, with the aim of extending it to other neighbourhoods.  EPA/SERGIO PEREZ

Der spanische Wohnungsprotest währt seit Wochen. © Sergio Perez/EPA

Protesters shout slogans during a demonstration calling for an increase to pensions and wages through central Madrid on October 24, 2026. The demonstration, held just over a month before a snap election on November 29, comes amid a political row over the sustainability of Spain's pension system and the cost of living, with Socialist Prime Minister Pedro Sanchez accusing the right of planning to weaken the current inflation-linked increases.(Photo by Oscar DEL POZO / AFP)

In Madrid heizen die Forderungen für bessere Löhne den Wahlkampf an. © Oscar Del Pozo/AFP

epaselect epa13328708 A man holds a placard which reads ‘No more fascism’ during a protest organised by 'Acampada', to demand decent housing for everyone, in Porto, Portugal, 24 October 2026. The protest for the right to housing and against the rising cost of living in Portugal began in the city of Porto on 10 October, and subsequently spread to Lisbon and several other Portuguese cities.  EPA/ESTELA SILVA

Gegen Faschismus und hohe Mieten gehen Menschen in Porto auf die Straße. © Estela Silva/EPA