Manager der New Yorker Philharmoniker: Was hat sein Dirigent mit Lionel Messi gemein?


Herr Tarnopolsky, was ist das Wichtigste, wenn man wie Sie eines der berühmtesten Orchester der Welt managt?

Das Schöne an meinem Beruf ist, dass es diese eine Sache nicht gibt. Die Vorstandsvorsitzenden traditioneller Unternehmen würden vielleicht sagen, es komme ihnen darauf an, den Marktanteil zu erhöhen. Oder ihr Produkt besser zu machen. Meine Aufgabe ist es, die besten Bedingungen für unsere Musiker und ihren Dirigenten zu schaffen, um in einem wunderschönen Konzertsaal eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. Das lässt sich nicht auf einen einzelnen Punkt reduzieren. Die Freude, die so entsteht, kann die Welt zu einem etwas besseren Ort machen, daran glaube ich fest. Die Macht der Musik ist unbeschreiblich.

Das klingt sehr poetisch. Aber auch Sie müssen ja rechnen. Streng ökonomisch betrachtet: Lohnt sich eine Europatournee, wie Sie sie gerade mit dem New York Philharmonic Orchestra hinter sich gebracht haben?

Ökonomisch gesehen, ist das ziemlich verrückt, was wir gerade gemacht haben: Etwa hundert Orchestermusiker mitsamt ihren wertvollen Instrumenten, ihren Noten und ihren Konzertanzügen für zehn Konzerte von New York nach Paris, Barcelona, Madrid, Berlin, Hamburg und Wien zu bringen, ist der reine Wahnsinn. Plus 30 weitere Mitarbeiter, Techniker, Mitglieder unserer Aufsichtsgremien und Unterstützer, die ebenfalls mit unterwegs sind. Wenn ich lediglich unsere Einnahmen und Ausgaben miteinander vergleiche, lohnt sich das nicht: Die Kosten der Tournee übersteigen die Einnahmen. In einem weiteren Sinne ist so eine Reise eine absolut notwendige Investition in die wirtschaftliche Zukunft unseres Orchesters. Die New Yorker Philharmoniker gingen erstmals im Jahr 1930 auf Europatournee, und diese Tradition fortzusetzen, ist wichtig für die Welt, in der wir heute leben. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Irgendjemand muss trotzdem für das fehlende Geld aufkommen.

Ja, das stimmt. In Amerika hat die Philanthropie eine lange Tradition, auch unser Orchester hängt zu einem großen Teil von großzügigen Menschen und Unternehmen ab. Unser aktuelles Budget beträgt 120 Millionen Dollar. Mindestens 50 Prozent davon entfallen auf Spender und Sponsoren, noch einmal rund zehn Prozent auf Erträge aus unserem Stiftungsvermögen und die restlichen 40 Prozent auf Einnahmen aus Ticketverkäufen und Ähnlichem. Ohne das Geld unserer Förderer könnten wir nicht überleben. Auch für unsere Europatournee haben wir Spenden eingeworben, die halfen, die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben zu schließen. Während unserer Reise habe ich zudem potentielle Spender zum Gespräch getroffen.

Das Sponsoring geht so weit, dass Ihr offizieller Titel lautet: „Linda & Mitch Hart President and CEO“. Kommt Ihnen das nicht bisweilen ein bisschen seltsam vor?

Nein, gar nicht. Linda Hart sitzt in unseren Aufsichtsgremien, sie und ihr Ehemann sind aber in erster Linie wahre Musikliebhaber, die viel für unser Orchester spenden. Und sie möchten, dass diese Großzügigkeit in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Weswegen ich mich bei offiziellen Anlässen mit meinem vollen Titel vorstelle. In Amerika ist das üblich. Auch Professuren können beispielsweise mit dem Namen eines Spenders verknüpft sein.

Wünschen Sie sich manchmal für Ihr Orchester mehr Geld vom Staat, so wie hier in Deutschland?

Ich bewundere das deutsche System. Es zeigt, dass Ihrem Land Orchester, Opernhäuser und Konzertsäle wichtig sind. Dahinter steht eine ethisch-moralische Überzeugung. Gleichzeitig sehen wir auch, dass sich die Dinge ändern könnten, wenn andere politische Parteien an die Macht kämen – so sehr dies auch zu bedauern wäre. Alles hat also zwei Seiten. In Amerika kommt es mehr auf die engagierten Bürger an sich an, die etwas für die Musik und für die Stadt tun wollen. Natürlich bekommen wir bei unseren Bildungsprojekten und für unseren laufenden Betrieb auch Unterstützung durch den Staat. Aber nicht im gleichen Ausmaß wie in Deutschland.

An der Spitze Ihres Orchesters steht mit Gustavo Dudamel seit September einer der bekanntesten Dirigenten der Welt. Wie hoch ist sein Gehalt?

Dazu machen wir keine Angaben, das ist vertraulich.

Dann lassen Sie es mich anders formulieren: Ist er sein Geld wert?

Ich wurde in Argentinien geboren, darum gestatten Sie mir die Analogie: Gustavo ist der Lionel Messi der Musik. Natürlich ist er sein Geld wert. Er ist der Beste, und genau deswegen ist er auch der Richtige für ein Orchester, das die besten Musiker der Welt beschäftigt. Er ist Lehrer, Denker, Philosoph, einfach ein wunderbarer Mensch. Wir sind so froh, ihn bei uns zu haben.

Verdient er weniger als Messi?

Das kann ich Ihnen guten Gewissens bestätigen.

Orchester sind nicht immer leicht zu führen.  Was macht Dudamel anders als andere?

Er weiß eines ganz genau: Der Dirigent ist der einzige Musiker auf der Bühne, der keinen Ton erzeugt. Das heißt, er hängt zu hundert Prozent davon ab, dass alle Musiker ihr Bestes geben. Eine vergleichbare Abhängigkeit des Chefs von seinen Leuten gibt es sonst in kaum einer Branche. Was Teamwork und Zusammenarbeit wirklich bedeuten, kann Ihnen niemand besser erklären als ein Orchester und sein Dirigent.

Trotzdem haben es selbst berühmte Orchester schwer, neue Zuhörer für sich zu gewinnen. Ist das Smartphone heutzutage Ihr größter Konkurrent?

Das ist eine interessante Frage. Aus meiner Sicht ist unser größter Konkurrent der Lärm in der Welt da draußen. Darum denke ich immer darüber nach, wie wir relevant und interessant bleiben können. Die beste Antwort, die ich darauf gefunden habe, lautet: Wir müssen die Menschen immer wieder an die Idee erinnern, die jedem Konzertbesuch innewohnt. Man hört ein schönes Konzert und geht danach etwas leichter und positiver durch den Alltag. Musik bringt das Gute im Menschen hervor, und genau das hat die Gesellschaft bitter nötig.

Schließen hohe Konzertpreise nicht viele Menschen von der Teilhabe aus?

Aber so hoch sind die Preise doch gar nicht! Wir haben Preise für alle. Natürlich gibt es eine teure Kategorie, in der eine Konzertkarte bis zu 295 Dollar kosten kann. Die günstigste Karte kostet hingegen nur zehn Dollar. Das kann sich fast jeder leisten.

Was tun Sie denn, um auch andere Besucher anzulocken als die typischen grauhaarigen Konzertgänger?

Meine Philosophie lautet: Wir brauchen unterschiedliche Anknüpfungspunkte für unterschiedliche Besucher – wir müssen also jedem etwas bieten. Ein klassischer Konzertgänger wird beispielsweise Dvořáks Cellokonzert lieben, aber andere mögen lieber Filmmusik oder ganz aktuelle Musik. Darum sind wir auch schon zusammen mit der amerikanischen Rapperin Lizzo aufgetreten, oder in der Show während des Finales der Fußball-Weltmeisterschaft. Ich glaube, dass es auch das ist, was uns von anderen Orchestern unterscheidet: Wir sind sehr flexibel. Andere Orchester brauchen oft lange Vorbereitungszeiten. Wir haben das innerhalb weniger Monate umgesetzt, nachdem die Einladung zum Finale ausgesprochen war.

Sie haben bereits im Jahr 2008 eine Reise des Orchesters nach Nordkorea organisiert. Hatten Sie nicht Sorge, von der dortigen Propaganda vereinnahmt zu werden?

Und wie! 2008 bekamen wir ein Fax von der Demokratischen Volksrepublik Korea, wie Nordkorea offiziell heißt. Wir hielten das zunächst für einen Scherz, aber später haben uns die Vereinten Nationen (UN) bestätigt, dass es sich wirklich um ein Schreiben des nordkoreanischen UN-Botschafters handelte. Er lud uns nach Pjöngjang ein. Ich habe zunächst gezögert, alle möglichen politischen Sorgen schossen mir durch den Kopf.

Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Unsere Bedingung lautete: Das Konzert sollte nicht nur für eine kleine Gruppe Politiker sein, sondern auch normale Bürger und vor allem Musikstudenten sollten kommen. So saßen am Ende Amerikaner und Nordkoreaner, also politische Todfeinde, zusammen in einem Raum und hörten gemeinsam Musik. Was dies den Menschen bedeutete, habe ich gesehen, als unser Orchester das koreanische Volkslied „Arirang“ spielte. Viele der Zuhörer hatten Tränen in den Augen. Solche Brücken zwischen den Völkern lassen sich nur mit Musik bauen.

Halten Sie etwas Ähnliches auch unter der aktuellen Regierung von Donald Trump für möglich?

Das ist bisher nicht passiert. Aber es spielt für uns keine so große Rolle, wer gerade im Weißen Haus regiert.

Wirklich nicht?

Alle US-Regierungen, die ich erlebt habe, haben die kulturelle Arbeit unserer Organisation unterstützt. Ich glaube nicht, dass wir derzeit zurück nach Nordkorea gehen könnten, aber wer weiß: Auch 2008 hielten wir das für unmöglich. Lassen Sie es mich pathetisch sagen: Wir sind zwar ein amerikanisches Orchester, aber wir sind nicht im Auftrag eines Staates unterwegs. Sondern allein im Auftrag der Musik.

Spielen Sie selbst eigentlich ein Instrument?

Ich bin ein ganz passabler Klarinettist, aber ich hatte nie den Wunsch, selbst auf der Bühne zu stehen. Schon in meiner Jugend habe ich lieber Schulkonzerte organisiert. In gewisser Weise ist das bis heute so geblieben.