Gerhard Schröder war bei Wladimir Putins Geburtstag. Alle toben, nur einer nicht


Von

11.10.2026

So-yeon Schröder-Kim (links) und Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (Mitte, SPD) und der Apostolische Nuntius in Deutschland, Hubertus Matheus Maria van Megen (rechts), nehmen am 03.10.2026  am Festakt zum Tag der Deutschen Einheit im Konzerthaus „Zur Glocke“ teil. Bremen richtete unter dem Motto „Viele Stärken – Ein Land“ die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit aus.

Kurz vor dem Trip nach Russland war er noch in Bremen: Gerhard Schröder und seine Frau So-yeon Schröder-Kim beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit. Der Mann rechts neben Schröder ist der Diplomat Hubertus van Megen, Apostolischer Nuntius, also Botschafter des Vatikans in Deutschland.

Foto: Sina Schuldt/Picture Alliance/dpa/dpa-Pool

Er hat es wieder getan! Während die öffentliche Erregung über mutmaßlich landesverräterische, offenbar im Profitinteresse unternommene Umtriebe von höchsten Geheimdienstmitarbeitern seltsam verhalten bleibt und die Solidarität mit bedrohten Juden zum 7. Oktober, dem 3. Jahrestag des Hamas-Angriffs auf Israel, staatsmännisch matt wie Firnis der Zivilisation, hält Altkanzler Gerhard Schröder (immer noch SPD) der Empörung das hübschere Stöckchen hin: Er besucht Wladimir Putins Geburtstagsfeier!

Schon wieder war er in Russland! Und macht dort auch noch Geschäfte! Schon wieder trifft er den russischen Präsidenten! Obwohl Wladimir Putin nicht mal einen runden, sondern nur den 74. feierte! Schamlos! Unmoralisch!

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Katrin Göring-Eckardt, Roderich Kiesewetter

„Der nützlichste Idiot unter der Sonne“, krakeelt Marie-Agnes Strack-Zimmermann in bewährter Superlativitis. Grünen-Chefin Franziska Brantner fordert die SPD zum Ausschluss von Schröder auf. „Eine Schande für Deutschland. “, tönt Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, „ein Verrat an Europa“. Hui!

Auch der markige Roderich Kiesewetter ergreift die Gelegenheit, sich zu echauffieren. Zwar versucht die CDU schon länger, ihn wegen notorischen Kriegszündelns auf die Hinterbänke zu schieben, er flog schon aus dem Parlamentarischen Kontrollgremium im Bundestag, dem Vernehmen nach auf Friedrich Merz‘ persönlichen Wunsch hin. Aber Gerhard Schröder eignet sich immer noch bestens zur Selbstprofilierung. Er müsse „endgültig zur Persona non grata erklärt werden“, fordert Kiesewetter.

Was Heidi Reichinnek über Schröder sagt

Kanzler Merz selbst äußert sich „zutiefst empört“ über den Besuch seines Vorvorvorgängers in Russland. Das Geburtstagskind allein sei, lässt Merz seinen Sprecher seltsam ungenau mitteilen, für den andauernden Krieg in der Ukraine verantwortlich, und damit für „unermessliches Leid“. Putins Geburtstag zu feiern, empfinde der Kanzler „als geradezu unmoralisch“. Die Linke bläst in dasselbe Horn: „Putin ist ein Kriegsverbrecher“, weiß deren Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek, Schröder zeige „mal wieder seine politische und moralische Rückgratlosigkeit“. Zwei SPD-Landesvorsitzende, aus Bayern und Baden-Württemberg (wo die SPD zuletzt 8,4 und 5,5 Prozent erzielte), wünschen ein erneutes Parteiausschlussverfahren gegen Schröder. Das letzte war 2022/2023 gescheitert.

Nur vereinzelte Stimmen wie die von SPD-Außenpolitikexperte Ralf Stegner bringen Pragmatismus in Anschlag: „Gerhard Schröder ist gegen den Krieg“, erinnert Stegner. Ob Schröder den Frieden im Sinn hat, darf man bezweifeln, immerhin hat er geschäftliche Termine in Moskau. Trotzdem, wenn sein Besuch dem Frieden „nur einen Millimeter“ diene, findet Stegner, sei er erfolgreich.

Sie brauchen Gerhard Schröder als Kontrast

Aber Moral braucht keinen Frieden – sie braucht Heiligkeit. Das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, und nicht moralvergessen an Putins Festtafel zu sitzen, ist doch gar zu schön. Und noch schöner, sich über die eigene Unbescholtenheit so sicher zu sein. Womöglich freuen sich die vollmundig Ächtenden gar über die Fehltritte des Altkanzlers? Fast wirkt sein Auftreten wie ein Moralfetisch. Mit ihm, dem herrlich eindeutig Befleckten, kann man sich wunderbar gut, sauber und rein gebärden. Sie brauchen Schröder als Kontrast.

Die öffentliche Empörung macht ihn viel wichtiger, als er ist? Geschenkt. Die Empörten überschätzen allzu hochherzig ihre eigene „Moral“, indem sie gar nicht merken, wie bigott sie reden? Ficht sie nicht an. Die öffentlich präsentierte Erregung ist völlig frei von Selbstreflexion. Im Grunde kleinkariert, lenkt sie von Wichtigerem ab. Es wirkt, als arbeiteten sie sich an Schröder ab, um sich an der eigenen moralischen Integrität zu ergötzen. Aber Hochmut kommt vor dem Fall, und Schröder hat keinen Ruf mehr zu verlieren.