Tibet-Nepal-Flut: Gletscherabbruch als Ursache vermutet


Tibet-Nepal-Flut

Die Sturzflut im Grenzgebiet zwischen Nepal und dem Autonomen Gebiet Tibet, die am Mittwoch für zahlreiche Tote und Vermisste gesorgt hat, ist nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS von einem Gletscherabbruch ausgelöst worden. Was zu dem Abbruch führte, ist noch offen. Fachleute vermuten aber, dass die Erderwärmung zu den Ereignissen beigetragen hatte.

Online seit gestern, 23.28 Uhr

Die USGS, die zunächst ein Erdbeben als Ursache für das Unglück vermutet hatte, erklärte am Donnerstag, die gemessene seismische Aktivität der Stärke 5,2 sei auf eine abgehende Eis- und Gerölllawine zurückzuführen gewesen. Auch die nepalesische Katastrophenschutzbehörde vermutete nach Auswertung von Satellitenbildern eine Gletscherlawine als Ursache der Katastrophe.

Der Gletscherexperte Simon Cook (Universität Dundee) sagte der BBC, sein Team habe festgestellt, dass der untere Teil eines Gletschers nahe dem Langtang-Lirung-Gipfel abgebrochen sei. Der Gletscher soll dabei aus einer Höhe von etwa 5.200 Metern ins Tal gestürzt sein.

Geowissenschaftler: Sturzflut „nicht völlig unerwartet“

Niels Hovius, Geowissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam, zeigt sich erschüttert über das Ausmaß der Sturzflutkatastrophe im Himalaya. Allerdings sei diese nicht völlig unerwartet gekommen und sei auf lange Frist auch keine Ausnahme. Es sei eine Kombination von Felssturz und Hanggletscherzusammenbruch gewesen.

„Große Menge an Eis und Geröll“

Laut der Forschungseinrichtung International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) gelangte dadurch eine „große Menge an Eis und Geröll“ in einen Zufluss des Bhotekoshi, was wiederum eine riesige Sturzflut auslöste. Laut ICIMOD stieg der Wasserstand in den Flüssen innerhalb von 30 Minuten um sieben bis neun Meter an.

Wasser, Schlamm und Geröll rissen ganze Ortschaften, Felsen, Bäume, Gebäude und Brücken mit sich. Mehr als 380 Todesopfer wurden geborgen, über 1.300 Menschen galten am Donnerstag noch als vermisst, darunter auch zahlreiche Ausländer.

Ob bei dem Sturz noch Gletscherseen mitgerissen wurden, war zunächst unklar. Niels Hovius vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung geht davon aus, dass das Wasser der Flutwelle vor allem vom Gletscher selbst stammte. Gerade die Geländeform erklärt für Hovius die verheerende Wucht der Sturzflut: „Das Tal ist sehr eng und sehr steil“, sagte der Experte. „Dadurch konnten sich die Wassermengen derart auftürmen.“

Experte: Prozess könnte Tage gedauert haben

Mike Searle, Professor für Geowissenschaften an der Universität Oxford, sagte, dass dieser gesamte Prozess – vom Erdrutsch bis zur Überschwemmung – Stunden oder sogar Tage gedauert haben könnte. In der Folge der Sturzflut wurden mindestens sechs Wasserkraftwerke sowie die Infrastruktur am Handelsknotenpunkt Gyirong beschädigt und Flussläufe noch in über 100 Kilometern Entfernung verändert. Das betroffene Gebiet ist aktuell nur schwer zugänglich.

Luftaufnahme zeigt Zerstörungen am Trishuli Fluss
Wasser, Schlamm und Geröll rissen Felsen, Bäume, Gebäude und Brücken mit sich

Mögliche Faktoren für Gletscherabbruch

Warum der Gletscher abbrach, ist ebenfalls unklar. Der Forscher Searle ortete zwei Faktoren. Einerseits würde sich der Langsang Lirung aufgrund langfristiger tektonischer Bewegungen langsam anheben, wodurch normalerweise kleinere Brocken abbrechen. Bei dem aktuellen Ereignis vermutet er dagegen, dass der gesamte Gletscher „auf einmal“ kollabierte. Seinen Angaben nach sei das „sehr ungewöhnlich“.

Andererseits vermutet er, dass die zunehmend hohen Temperaturen infolge des Klimawandels zu den Ereignissen beigetragen habe. Auch der Geomorphologe Dan Shugar von University of Calgary nannte gegenüber dem „Spiegel“ das zuletzt warme Wetter in der Gegend als möglichen Faktor.

Zerstörte Häuser und Straßen in Nepal
Unzählige Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben, viele gelten nach wie vor als vermisst

Solche Ereignisse habe es auch zu anderen Zeiten gegeben, meinte Hovius. Allerdings: „Gletscher schmelzen, Permafrost taut, die Nullgradgrenze steigt – und der Himalaya ist schwer betroffen“, so der Experte. „Diese Umweltbedingungen erhöhen das Risiko von Destabilisierungen.“ Das gelte auch für andere Hochgebirgsregionen, etwa die Anden – und auch für die Alpen.

Fachleute warnen vor Gletscherschmelze

Fachleute warnen seit Jahren vor dem Schmelzen von Eis und Permafrost in der Region: Die Erderwärmung schaffe Bedingungen, die Fels und Eis im Hochgebirge destabilisierten, erklärte Simon Cox vom Forschungsinstitut Earth Sciences New Zealand. Das mache Zusammenbrüche und kaskadenartige Gefahren, wie sie am Mittwoch an der Grenze zwischen Nepal und Tibet auftraten, häufiger.

Benjamin Horton von der City University of Hong Kong sprach von einem klassischen Beispiel für das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Zwar sei der Klimawandel nicht der alleinige Grund, so die Forscher. Steigende Temperaturen verringerten jedoch den Halt des Eises an steilen Hängen, erhöhten die Menge an Schmelzwasser und veränderten die Frost- und Tauzyklen.

Der langfristige Trend ist den Vereinten Nationen zufolge dramatisch: Demnach haben Nepals Berge in gut 30 Jahren knapp ein Drittel ihrer Eisdecke verloren. Im vergangenen Jahrzehnt seien die Gletscher 65 Prozent schneller geschmolzen als in der Dekade davor. Bereits in den vergangenen Jahren wurde die Region von ähnlichen, wenn auch kleineren Flutwellen getroffen – darunter 2025 in Gyirong sowie 2024 und 2023 in Nepal und Indien.