Groß-Zimmern: Künstler baut Dorfkirche zu Wohnhaus und Atelier um


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Wo gebetet wurde, wird bald gezeichnet Künstler baut Dorfkirche im Odenwald zu Wohnhaus und offenem Atelier um

Eine 250 Jahre alte Kirche als Zuhause, Zeichenatelier und Treffpunkt: Mit diesem Projekt erfüllt sich Marcel Bender seinen Wohntraum und will einen Raum der Hoffnung schaffen.

Pfarrkirche St. Bartolomäus in Groß-Zimmern

Marcel Bender bei einer Kaffeepause in seinem neuen Zuhause - einer ehemaligen Pfarrkirche. Bild © hr/ Helene Wilke

"Zwei Zimmer, Küche, Bad und Sakristei", so ungefähr muss sich das Immobilienangebot für die alte Pfarrkirche St. Bartholomäus in Groß-Zimmern (Darmstadt-Dieburg) gelesen haben. Dass entweihte Kirchen umgebaut werden, ist längst keine Seltenheit. In Bad Orb (Main-Kinzig) beispielsweise wurde der Innenraum einer Kirche zu einer Kletterhalle umfunktioniert.

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Was bedeutet “Entweihung”?

Wenn eine Kirche entweiht wird, findet meist ein letzter Gottesdienst statt. Dabei werden das Allerheiligste weggetragen, das Ewige Licht gelöscht und Reliquien aus dem Altar entfernt. Das Gebäude darf danach nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden, sondern für andere, dem Charakter des Ortes angemessene Zwecke - etwa als Wohnungen, Kulturzentren oder soziale Einrichtungen. Die Entwidmung als sakralem Raum wird in der katholischen Kirche als "Profanierung" bezeichnet, in der evangelischen Kirche als "Entwidmung".

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Die ehemalige Pfarrkirche in der südhessischen Gemeinde soll mehrere Funktionen haben: als Wohnung, Kunstatelier und Haus der Begegnung. Noch ist das Gotteshaus eine Baustelle. Löcher klaffen in den Wänden, Kabel hängen heraus, auf dem Boden liegen Baumaterialien. Doch Marcel Bender wohnt bereits hier. Oben auf der Empore sind Schlafzimmer und Büro entstanden. Aus der ehemaligen Sakristei ist eine Küche geworden. Dort, wo einst die Gemeinde zusammenkam, soll künftig gezeichnet und gemalt werden.

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03:22 Min.|Helene Wilke

Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite

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 "Die Kirche hat mich gefunden"

Hausherr Bender ist Maler und Karikaturist, er wird oft als Schnellzeichner auf Veranstaltungen und Messen gebucht. In seinem neuen Heim möchte er künftig auch Mal- und Zeichenkurse anbieten. Dass er ausgerechnet in eine alte Pfarrkirche einziehen würde, war für ihn überraschend. "Ich glaube, die Kirche hat eher mich gefunden. Ich habe das Inserat gesehen und mich sofort verliebt."

Historische Gebäude hätten ihn schon immer fasziniert, erzählt der gebürtige Groß-Gerauer. Ihn reize die Vorstellung, dass in diesen Räumen bereits über Jahrhunderte Menschen gelebt hätten und zusammengekommen seien.

Pfarrkirche St. Bartolomäus in Groß-Zimmern

Die Außenansicht der ehemaligen Pfarrkirche St. Barholomäus in Groß-Zimmern. Bild © hr/ Helene Wilke

Engel mit nacktem Po müssen weichen

Das Gebäude aus dem Jahr 1775 wird schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr als Kirche genutzt. Die Gemeinde war 1979 in einen größeren Neubau gezogen. Das alte Gotteshaus wurde entweiht, als Veranstaltungsort genutzt. 2004 ging es in private Hände über und stand schließlich mehrere Jahre leer.

Die Räume haben mehrere Renovierungen und die ein oder andere künstlerische Freiheit erlebt. Besonders auffällig sind die Malereien an Decke und Wänden. Die Deckenmalerei sei damals nicht vom Denkmalschutz genehmigt worden, erzählt Bender. "Ein bisschen gewöhnungsbedürftig finde ich die Engel, die mir ihren nackten Po entgegenstrecken und deswegen sollen die auch wieder verschwinden."

Pfarrkirche St. Bartolomäus in Groß-Zimmern

Das Deckengemälde mit den nackten Engel-Popos muss weichen. Stattdessen wird die Decke himmelblau. Bild © hr/ Helene Wilke

Nun soll es wieder schlichter werden, zurück zum ursprünglichen Kirchendesign. Grau, Terrakotta-Rot, Gold und ein wenig Blau-Türkis – an diesen Farben soll sich die neue Gestaltung orientieren. Die Decke soll künftig in einem freundlichen Himmelblau erstrahlen. 

Kirche mit Geschichte – und Geheimtüren

Von der ursprünglichen Ausstattung ist längst nicht mehr alles erhalten. Kirchenbänke und Orgel sind verschwunden. Die Kanzel und die Emporenbrüstung gehören zu den wenigen historischen Schätzen, die geblieben sind. Die vielen Jahrhunderte und Besitzer spiegeln sich auch in der Ausstattung wider.

Der erste private Besitzer soll ein Antiquitätensammler gewesen sein. Zeitweise standen mehr als 50 Kaminuhren im Gebäude. Heute sind davon nur noch wenige übrig - sie lagern im Erker eines Kirchenfensters. Eine Ecke der Kirche hat Marcel Bender noch nicht erkundet - eine kleine Klappe neben der Eingangstür. Dafür gibt es keinen Schlüssel und sie ist aus massivem Stein. Was sich darin versteckt? Unbekannt. Vielleicht ein neues Projekt.

Vom Gotteshaus zum offenen Atelier

Die Genehmigung des Denkmalschutzes für die Umgestaltung hat Marcel Bender inzwischen bekommen. In den folgenden Wochen sollen die Malerarbeiten beginnen. Der Umbau ist nicht ganz einfach wegen der Auflagen des Denkmalschutzes. Außerdem müssen bei der Sanierung die Besonderheiten des alten Gebäudes berücksichtigt werden. Weil das Mauerwerk rund 250 Jahre alt ist und Feuchtigkeit aufnehmen kann, können keine moderne Farben verwendet werden. 

Die Frage, wie sich ein Gotteshaus als Wohnraum beheizen lässt, hat Bender inzwischen gelöst: Die dicken, rund einen Meter starken Wände, doppelt verglaste Fenster und die gedämmte Decke helfen dabei. Den vergangenen Winter habe er die Heizung nur auf niedrigster Stufe laufen lassen.

Pfarrkirche St. Bartolomäus in Groß-Zimmern

Marcel Bender orientiert sich beim Renovieren an den alten Farben - Grau, Terrakotta-Rot, Gold und Blau - der ehemaligen Pfarrkirche. Bild © hr/ Helene Wilke

Ort für Inspiration und Hoffnung

Der Umbau soll in zwei bis drei Monaten abgeschlossen sein. Dann wird die Kirche wieder mit Leben gefüllt. Wer künftig das Kirchenportal betritt, soll nicht nur Kunst anschauen können. Bender möchte mit Besuchern ins Gespräch kommen, Zeichenkurse anbieten und den Raum für verschiedene Ideen öffnen.

Nicht unbedingt so, wie es vor 250 Jahren gedacht war – aber mit einem verwandten Grundgedanken: Menschen sollen zusammenkommen. Denn obwohl Bender sich als Agnostiker bezeichnet und aus der Kirche ausgetreten ist, verbindet er mit dem Gebäude einen Gedanken, der für ihn geblieben ist: Hoffnung. "Es soll auch ein Ort werden, an dem Leute zusammenkommen können, um Inspiration und Hoffnung zu finden."