Ostidentität in der Popmusik


Pop-Kultur-Festival

Ostidentität in der Popmusik

Das Duo Calcou (Quelle: Max Hilsamer)
Das Duo Calcou (Quelle: Max Hilsamer)

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Von

Franziska Walser und Wiebke Keuneke

In der Panke Culture im Berliner Wedding ist es eng und dunkel, auf der Bühne stehen Synthesizer und elektronische Instrumente. Thea Alien vom Elektroduo Calcou kündigt einen neuen, noch unbekannten Song an. "Everything Okay" erscheint offiziell erst im September.

"Das ist mein persönlicher Wut-Song über ostdeutsche Identität, über westdeutsche Gleichgültigkeit und darüber, dass ich mich ständig erklären muss", sagt die 26-jährige Musikerin zum Publikum.

Thea Alien ist in Sachsen-Anhalt aufgewachsen - dort, wo am 6. September vielleicht erstmals in der Bundesrepublik Deutschland mit der AfD eine als "gesichert rechtsextrem" eingestufte Partei stärkste Kraft werden könnte [mdr.de]. Besonders störe Thea Alien die Gleichsetzung von Ostdeutschland mit Rechtsextremismus und der AfD. Sie erlebe immer wieder, dass von ihr erwartet werde, sich für ihre Herkunft zu rechtfertigen. "Das macht mich so müde", sagt sie. Nicht jeder sei dort ein Nazi oder wähle die AfD.

Betterov erzählt die Fluchtgeschichte seines Vaters

Auch andere jüngere Musiker beschäftigen sich mit ihrer ostdeutschen Herkunft. Betterov, bürgerlich Manuel Bittorf, wurde 1994 in Thüringen geboren. Auf seinem Album "Große Kunst" erzählt er in zwei Songs von der Flucht seines Vaters aus der DDR im Juli 1989. Die Geschichte spielt zwar fünf Jahre vor seiner eigenen Geburt, prägt aber trotzdem seine eigene Biografie.

"Er rammt den Haken in den Zaun / Fasst dabei in einen Draht / Ein Posten schlägt Alarm / Dann kreisen Lichter überall", singt Betterov in "17. Juli 1989". Sein Vater flieht an diesem Tag, mit zwei selbstgebauten Haken über die innerdeutsche Grenze. Im zweiten Lied, "18. Juli 1989", erzählt Betterov die Geschichte weiter.

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Kinder zeigen Verständnis für die Geschichte ihrer Eltern

Für den Soziologen Daniel Kubiak von der Humboldt-Universität zu Berlin ist das nicht überraschend. Wer in Ostdeutschland mit ostdeutschen Eltern aufwachse, setze sich auch mit deren Biografien und Transformationserfahrungen auseinander. Kubiak spricht von einer "ambivalenten Solidarität mit den eigenen Eltern": Ostalgische Haltungen würden eher abgelehnt, gleichzeitig wachse das Verständnis dafür, was Arbeitslosigkeit, berufliche Brüche oder Umzüge in den 1990er-Jahren für die Eltern bedeuteten.

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Dass Künstler und Künstlerinnen ihre Herkunft zum Thema machen, sei zunächst nichts spezifisch Ostdeutsches, sagt Kubiak, der mit "Musi*Sociology" vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) auch einen Musikpodcast betreibt [bim.hu-berlin.de]. Herbert Grönemeyer singt über Bochum und das Ruhrgebiet, Johnny Cash über seine Herkunft aus dem ländlichen Arkansas. Bei Musikern aus Chemnitz, Wittenberg oder Magdeburg kann entsprechend Ostdeutschland eine Rolle spielen.

Und das ist nicht völlig neu. Bands wie Kraftklub aus Sachsen oder Feine Sahne Fischfilet aus Mecklenburg-Vorpommern setzen sich schon länger mit ihrer Herkunft und den politischen Verhältnissen vor Ort auseinander. Der Sänger Betterov erklärt sich den neuen Aufwind von ostdeutschen Themen in der Popmusik damit, dass "jetzt eine Generation alt genug sei, um ihr Aufwachsen zu erzählen."

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Von Scham zu Selbstbewusstsein

Wie stark ostdeutsche Identität auch durch Fremdzuschreibungen entsteht, hat Hendrik Bolz erlebt. Er wird 1988 in Leipzig geboren, wächst in Stralsund auf. Bekannt wird er als Rapper "Testo" des Hip-Hop Duos "Zugezogen Maskulin", sowie als Autor des biografischen Bestseller-Romans "Nullerjahre".

Bolz erinnert sich an ein vermeintliches Kompliment während seines Studiums: "Krass, du bist Ossi, hätte ich nie gedacht. Merkt man gar nicht." Damals habe er sich darüber gefreut. Heute sagt er: "Das Traurige ist, dass das für mich wirklich das größte Lob war. Das war, als hätte man mir so einen Orden verliehen."

Beim Pop-Kultur-Festival treffen die verschiedenen Erfahrungen der Künstlerinnen und Künstler auch im Gespräch aufeinander. In der Gesprächsreihe "Aus Ruinen" von Hendrik Bolz und dem Berliner Ensemble sprechen Betterov und Bolz über ostdeutsche Herkunft und die Erfahrungen ihrer Generation. "Aus Ruinen" heißt auch der zur Gesprächsreihe gehörende Podcast von Bolz und sein neues Buch, das im Oktober erscheint [berliner-ensemble.de].

Dass jüngere Generationen ein neues Interesse an ihrer Herkunft zeigen, beobachtet auch der Kurator des Pop-Kultur-Festivals in Berlin, Christian Morin. Dahinter stehe das Bedürfnis, sich historisch einzuordnen und "auch die Geschichte des eigenen Selbst und der Familie erforschen" zu wollen.

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Gegen Klischees über "den Osten"

Dabei gehe es gerade nicht darum, eine neue einheitliche Erzählung vom Osten zu schaffen. Hendrik Bolz betont beispielsweise, wie unterschiedlich das Aufwachsen in Ostdeutschland sein konnte: Menschen in Plattenbauvierteln hätten andere Erfahrungen gemacht als diejenigen in Altstädten, an der Ostsee andere als im Erzgebirge.

Was die Musiker und Musikerinnen verbindet, ist eher der Wunsch, diese unterschiedlichen Erfahrungen selbst zu erzählen. Thea Alien sagt: "Ich würde mir wünschen, dass Leute mir einfach Fragen stellen. Und ich dann auch mal was erzählen darf. Und nicht immer die Leute mir erzählen, wie meine Kindheit war und meine Jugend, denn sie waren ja gar nicht da."

Sendung: rbb24 Inforadio, 27.08.2026, 14:53 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 27.08.2026, Franziska Walser / Stephan Ozsváth

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