Trinkwasser: In über 150 Schweizer Gemeinden versiegen die Quellen
Publiziert16. August 2026, 04:39
Die Schweiz trocknet ausGrundwasser-Pegel sinken: Reicht das für noch einen Hitzesommer?
In über 150 Schweizer Gemeinden versiegen Quellen und Grundwasserstände sinken. Experten warnen vor einer gefährlichen Selbstüberschätzung: Die Schweiz kennt nicht einmal die Belastungsgrenze ihrer Wasserreserven.

Darum gehts
- In Wittnau AG liefern die vier Quellen nur noch 275 statt 544 Liter pro Minute wie vor einem Jahr – bei einem Verbrauch von rund 210 Litern pro Minute bleiben nur 65 Liter Puffer.
- Vielerorts wird mehr Grundwasser entnommen, als sich neu bildet – eine Erholung könnte laut Hydrologe Klaus Lanz mehr als ein Jahr dauern.
- Lanz fordert eine nationale Wasserstrategie mit systematischer Erfassung aller Wasserentnahmen und klaren Regeln bei Knappheit.
Der Bund warnt in der ganzen Schweiz vor grosser Trockenheit und hat landesweit die Gefahrenstufe 4 ausgerufen. Die Grundwasserstände sind vielerorts tief und sinken weiter, Quellen führen immer weniger Wasser oder versiegen ganz. Gleichzeitig dürfte nun nach den Sommerferien der Wasserverbrauch wieder deutlich ansteigen. Viele Gemeinden stossen an ihre Grenzen. Vielerorts gilt ein Verbot für das Bewässern von Rasenflächen, das Befüllen von Pools und das Autowaschen. Eine Entspannung ist vorerst nicht in Sicht.
Neben Bewässerungs- und Wasserverboten haben zahlreiche Gemeinden inzwischen auch öffentliche Brunnen abgestellt, um Wasser zu sparen.
Darum lässt Stadt Zürich Brunnen weiterlaufen
Uzwil SG: Badi schliesst früher
In manchen Gemeinden geht man noch weiter. Weil in Uzwil SG der Wasserverbrauch an heissen Tagen bis zu viermal höher liegt, schliesst die Gemeinde ihre Badi bereits am 16. August. Damit sollen täglich 50 bis 150 Kubikmeter Frischwasser gespart werden – laut Behörden entspricht das etwa dem Tagesbedarf von 1000 Menschen.

Wittnau AG: Quellen liefern nur noch halb so viel Wasser
Besonders deutlich zeigt sich die Trockenheit im Aargau. Die Gemeinde Wittnau AG bezieht ihr Trinkwasser zu 100 Prozent aus vier eigenen Quellen. In den Brunnenstuben sei aktuell mit blossem Auge zu erkennen, dass weniger Wasser fliesse, sagt Ruwen Bähler, Leiter der regionalen Brunnenmeisterdienste. «Vor genau einem Jahr flossen noch 544 Liter pro Minute, aktuell sind es nur noch 275 Liter.» Der Zufluss aus den vier Quellen hat sich damit praktisch halbiert.
Gleichzeitig verbrauche das Dorf trotz Sparmassnahmen durchschnittlich rund 210 Liter pro Minute. Damit bleibt aktuell nur noch ein Puffer von 65 Litern pro Minute. «Solange mehr Wasser aus den Quellen nachfliesst, als verbraucht wird, kann sich Wittnau weiterhin selbst versorgen», sagt Bähler.
Sinkt die Quellschüttung jedoch weiter oder kommt ein grösserer Leitungsbruch hinzu, könnte es kritisch werden, so Bähler. Dann müsste Wasser mit einem 30-Kubikmeter-Tankwagen aus einer Nachbargemeinde geholt und ins Quellspeicherpumpwerk eingespeist werden. Eine Leitung, über die das Dorf bei Wasserknappheit direkt Wasser aus einer Nachbargemeinde beziehen könnte, gibt es nicht: «Sie ist zwar in Planung, kommt für die aktuelle Trockenheit aber zu spät.»
Experte: «Wir denken, wir hätten Wasser im Überfluss»
Hydrologe Klaus Lanz von International Water Affairs spricht von einem grundsätzlichen Problem: «Wir wissen nicht, wie viel Wasser wir verbrauchen und wie viel wir eigentlich nutzen können.» Die Schweiz kenne damit ihre Belastungsgrenze nicht. Das sei in der aktuellen Situation «extrem gefährlich».
Vielerorts werde derzeit mehr Grundwasser entnommen, als sich neu bilde. Lanz vermutet, dass manche Pegel so tief liegen wie noch nie zuvor. Die Folgen könnten lange nachwirken: «Es kann mehr als ein Jahr dauern, bis die aktuellen Defizite wieder ausgeglichen sind.» Ein weiterer trockener Sommer 2027 könnte somit auf bereits geschwächte Reserven treffen.

«Wir denken, wir hätten Wasser im Überfluss. Das stimmt schon lange nicht mehr. Der Begriff Wasserschloss wiegt uns in falscher Sicherheit», sagt Lanz. Deshalb fordert er auch Gemeinden mit derzeit ausreichenden Reserven dazu auf, Wasser zu sparen. Grundwasservorkommen endeten nicht an Gemeindegrenzen und seien teilweise miteinander verbunden. «Uns muss bewusst sein: Alle bedienen sich am selben Wasserhaushalt. Jeder Liter Wasser, der nicht der Natur entnommen wird, hilft.»
«Es braucht einen nationalen Wasserplan»
Aus der aktuellen Trockenheit müssten deshalb Konsequenzen gezogen werden, fordert Lanz. Er verlangt eine nationale Wasserstrategie. Heute werde nicht flächendeckend erfasst, wie viel Wasser etwa Landwirtschaft, Industrie oder Datenzentren tatsächlich beziehen. Ohne diese Daten lasse sich kaum beurteilen, wie stark die verfügbaren Ressourcen beansprucht werden. Künftig müssten die Kantone deshalb die Möglichkeit erhalten, solche Wasserentnahmen systematisch zu erfassen.

Gleichzeitig müsse geklärt werden, wer Vorrang hat, wenn das Wasser tatsächlich knapp wird: «Soll Trinkwasser für die Bevölkerung vor der Bewässerung von Feldern stehen? Wie stark darf die Industrie weiterhin Wasser beziehen?» Auch die Landwirtschaft müsse sich langfristig auf trockenere Sommer einstellen – etwa mit Kulturen, die weniger Wasser benötigen, wasserspeichernden Böden und effizienteren Bewässerungssystemen.
Wie schätzt du deinen persönlichen Wasserverbrauch im Alltag ein?
Ich achte sehr auf meinen Verbrauch und spare, wo ich kann.
Ich versuche, bewusst mit Wasser umzugehen, aber es geht noch besser.
Ich habe bisher nicht gross darüber nachgedacht.
Ich mache mir keine Sorgen, mein Verbrauch ist sicher nicht entscheidend.
Ich wüsste nicht, wo ich noch mehr sparen könnte.
Ich habe keine Ahnung, wie viel Wasser ich verbrauche.

Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.