„Halbe Stunde auf dem Boden gelegen“ – Senior berichtet von Pflegeheim-Erlebnissen im Werra-Meißner-Kreis
Stand: 16.07.2026, 18:00 Uhr
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Ein 79-Jähriger stürzt beim Duschen aus dem Rollstuhl und bekommt lange keine Hilfe. Eine typische Situation in Pflegeheimen, glaubt der Senior aus dem Werra-Meißner-Kreis.
Werra-Meißner – Wenn Klaus Schneider von dem erzählen soll, was ihm in einem Pflegeheim im Werra-Meißner-Kreis widerfahren ist, zögert er. Er dreht sich mit seinem Rollstuhl, kramt ein wenig in den vielen Dokumenten auf seinem Tisch herum, findet nicht, was er gesucht hat. Dann blickt er auf und sagt: „Wissen Sie, ich habe Angst vor Repressalien, wenn ich Ihnen erzähle, was mir hier passiert ist.“ Seinen richtigen Namen will Schneider deshalb nicht in der Zeitung lesen.
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Sind Sie Bewohner eines Pflegeheims und haben Ähnliches wie Klaus Schneider erlebt? Dann wenden Sie sich gerne mit Ihrer Geschichte an uns. Sie erreichen uns unter der Telefonnummer 0 55 42/93 16 17, per E-Mail unter [email protected] oder per Brief an die Adresse Walburger Straße 13, 37213 Witzenhausen.
Dann berichtet der 79-Jährige aber doch von einem Vorfall, der sich beim Duschen ereignete. Weil Schneider wegen einer Fußverletzung im Rollstuhl sitzt, half ihm dabei einer der Pfleger. Allerdings unterlief diesem ein Missgeschick: Die Bremse des Rollstuhls war nicht angezogen. Schneider rutschte deshalb beim Umsetzen aus dem Rollstuhl und fiel auf den Boden des Bades. Der Pfleger schaffte es nicht, ihn allein vom Boden hochzuheben. Also verließ er das Bad und suchte nach Unterstützung, die er aber lange nicht fand.
„Habe eine halbe Stunde auf dem Boden gelegen“
„Ich habe eine halbe Stunde auf dem Boden gelegen“, sagt Schneider. Eine Situation, die für ihn erniedrigend gewesen sei. Er habe sich hilflos gefühlt, ausgeliefert. Aus seiner Sicht ist das ein Grundgefühl vieler Pflegeheim-Bewohner. Weil sie sich nicht mehr selbst helfen und manchmal kaum noch äußern können, seien sie vom Pflegepersonal völlig abhängig. Wird man von ihnen schlecht behandelt, gebe es kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Die Angst, dass sich Pfleger wegen Kritik rächen, sei groß.
Auch dem Pflegeschutzbund Biva, der die Interessen von pflegebedürftigen Menschen vertritt, begegnet diese Sorge häufig bei Beratungen. „Pflegebedürftige befinden sich häufig in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis“, sagt Raoul Romberg auf Anfrage unserer Zeitung. Es sei deshalb nachvollziehbar, dass viele Bewohner von Pflegeheimen fürchteten, dass Kritik an Pflegern zu Nachteilen für sie führen könnte. Er sagt aber auch: „Die überwiegende Zahl der Pflegekräfte arbeitet professionell und lässt sich durch berechtigte Kritik nicht zu Benachteiligungen verleiten.“
Pflegeverband: Schwierige Bedingungen in Heimen
Vorfälle, wie Schneider sie erlebt hat, seien zumeist das Ergebnis der schwierigen Arbeitsbedingungen in der Pflege: „Unsere Erfahrung zeigt, dass Zeitdruck, Personalknappheit und organisatorische Probleme in einzelnen Einrichtungen dazu führen, dass Pflegebedürftige länger als vertretbar auf Hilfe warten müssen.“ Solche Situationen seien für Betroffene nicht nur körperlich, sondern auch psychisch eine enorme Belastung. Die Pflegekräfte seien in der Regel aber nicht die Ursache solcher Vorfälle. „Die Mehrheit leistet unter oft sehr schwierigen Rahmenbedingungen engagierte und professionelle Arbeit“, sagt Romberg.
Menschen wie Schneider macht er Mut: „Pflegebedürftige haben das Recht, sich zu beschweren, ohne Nachteile befürchten zu müssen.“ Eine Möglichkeit dafür sei etwa die Bewohnervertretung. Diese ist vergleichbar mit einem Betriebsrat in Unternehmen: Sie wird regelmäßig von den Bewohnern des Pflegeheims gewählt und vertritt deren Interessen gegenüber der Geschäftsleitung.
Schneider ist in seinem Pflegeheim Mitglied der Bewohnervertretung. „Ich habe dort immer wieder Beschwerden anderer Bewohner vorgebracht“, sagt er. Bei der Leitung des Heims sei er damit aber auf taube Ohren gestoßen. (Leon Kaiser)