Halbnackt an der Saarbrücker Autobahn: Graffiti-Sprayer nimmt OB Conradt aufs Korn – so reagiert er
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Halbnackt an der Saarbrücker Autobahn Graffiti-Sprayer nimmt OB Conradt aufs Korn – so reagiert er
Saarbrücken · Ein neues Bild an der Saarbrücker Graffitiwand zeigt Oberbürgermeister Uwe Conradt in Warnweste, mit Farbrolle – und ohne Hose. Was soll das denn? Der Sprayer spricht von einem „Kulturkampf“.
16.10.2026 , 07:00 Uhr
Die Graffiti-Karikatur von OB Uwe Conradt.
Foto: Thomas Schäfer
Die Graffitiwand unter der Saarbrücker Stadtautobahn, wo seit über 20 Jahren völlig legal gesprayt werden darf, hat schon massig großartige Kunst gesehen in den vergangenen Jahrzehnten. Bunte Werke, die von Munchs „Schrei“ und Van Goghs „Sternennacht“ inspiriert waren zum Beispiel, Franz Marcs Blaues Pferdchen oder auch das wirklich legendäre „Letzte Abendmahl“, eine kuriose-bizarre Version von Da Vincis Klassiker. Leider ist das alles inzwischen übermalt, das gehört zum Graffitigeschäft.
Vor einigen Tagen nun ist ein neues Bild hinzugekommen, das man besonders im Rathaus genauer unter die Lupe nehmen dürfte. Denn es zeigt Oberbürgermeister Uwe Conradt in einer nicht eben vorteilhaften Pose, so kann man das wohl sagen. Das Bild zeigt den CDU-OB halbnackt ohne Hose, er trägt eine Warnweste und hat eine Farbrolle in Händen. Daneben steht der Spruch „MAKE SB Grey AGAIN“.
Foto: Thomas Schäfer
Es gibt in unmittelbarer Nähe sogar noch ein zweites Konterfei Conradts. Dort ist er als Adliger mit weißer Perücke dargestellt, weiter liest man „All City King“ und „CDU Grau“.
Was will uns der Sprayer damit sagen? Tatsächlich ist es unserer Zeitung gelungen, Kontakt mit dem Schöpfer der Conradt-Karikaturen aufzunehmen. Er möchte anonym bleiben, der Name des Saarländers, der schon länger mit Spraydose in der Stadt unterwegs ist, ist der Redaktion aber bekannt. Zu seinen Motiven sagt er: „Ich wollte mir einfach mal künstlerisch Luft machen, ein bisschen Frust abbauen, weil die ganze Szene eigentlich immer noch erschrocken ist von den Säuberungen zum Tag der Deutschen Einheit im letzten Jahr, als Merz und Macron da waren.“ Damals seien für die eigentlich „blühende“ Saarbrücker Graffitikultur „geschichtlich wichtige Bilder verschwunden“, unter anderem an der Stadtautobahn. „Das war wirklich ein Schock für die Szene“, sagt der Sprayer: „Als ich das sah, sind mir die Tränen gekommen.“
Ein weiteres neues Bild von OB Conradt auf der Graffitiwand.
Foto: Thomas Schäfer
Grundsätzlich kritisiert der Künstler, wenig überraschend, die Anti-Graffiti-Politik des Oberbürgermeisters deutlich: „Er hat einen Kulturkampf angefangen.“ Doch diese Politik sei kontraproduktiv, sorge für viel Frust, gerade weil meistens „alles in einen Topf geworfen wird“, jedwede Form von Graffiti als Schmiererei und Vandalismus abgestempelt werde. Dagegen wollte er ein Zeichen setzen. Er habe dafür viel mehr Resonanz bekommen, als er erwartet hatte. Auch Leute, die er seit Jahren nicht mehr gesehen habe, hätten bei ihm angerufen und hätten seine Aktion gefeiert.
OB Conradt dürfte hingegen wenig erfreut sein über das, was er am Leinpfad sehen kann – oder? Tatsächlich reagiert er auf eine entsprechende SZ-Anfrage auffallend entspannt. „Wer ein öffentliches Amt ausübt, muss auch mit Kritik, Karikaturen und Satire umgehen können. Das gehört zu einer lebendigen Demokratie. Dass ich jetzt sogar auf einer unserer legalen Graffiti-Wände verewigt wurde, nehme ich mit Humor und werde es mir gerne auch vor Ort anschauen.“ Ob er es schon getan hat, ist unklar. Übermalen wird die Stadt die Conradt-Kunst jedenfalls nicht. Eine Entfernung allein aufgrund der Darstellung des Oberbürgermeisters oder aufgrund von Kritik am Oberbürgermeister „ist nicht vorgesehen“, teilt die Pressestelle mit.
Saarbrücken sei, so Conradt, eine bunte, lebendige und lebenswerte Stadt: „Dazu gehört ausdrücklich auch Street-Art. Deshalb stellen wir seit vielen Jahren legale Flächen für Graffiti-Kunst zur Verfügung, zudem werden Flächen für Street-Art-Kunst an Häusern oder anderer öffentlicher Infrastruktur immer wieder auch als Gestaltungselement genutzt.“ Gleichzeitig, das betont der Rathauschef, „wollen wir ein gepflegtes Stadtbild“. Deshalb gehe man gegen illegale Schmierereien, Tags und Aufkleber vor: „Wir setzen auf Farbe durch Kunst und nicht durch Vandalismus und Verwahrlosung.“
Zur geäußerten Kritik, er mache Saarbrücken grau, meint der OB, es werde dabei übersehen, „dass wir Graffiti-Kunst ausdrücklich ermöglichen und dafür Flächen zur Verfügung stellen“. Eine bunte Stadt bedeute aber nicht, dass jeder ungefragt fremde Hauswände, Verkehrsschilder oder öffentliche Einrichtungen besprühen darf: „Kunst und Kreativität verdienen Raum. Das Eigentum anderer verdient Respekt. Beides gehört für mich zusammen.“
Wie die Stadtpressestelle erklärt, seien die Bemühungen gegen illegale Graffiti in den letzten Jahren „deutlich verstärkt“ worden und insgesamt „erfolgreich“. Dazu gehörten die konsequente Reinigung städtischer Gebäude und Flächen sowie die Ansprache von Privatleuten. „Diese Maßnahmen wird die Landeshauptstadt fortsetzen und dort, wo es erforderlich ist, weiter intensivieren. Unser Anspruch ist, dass illegale Schmierereien nicht dauerhaft das Erscheinungsbild der Stadt prägen.“ Entscheidend sei dabei auch eine wirksame Strafverfolgung: „Wir begrüßen, dass Polizei und Justiz sich des Problems verstärkt annehmen, und setzen uns weiterhin für eine konsequente Verfolgung der Täter ein.“
Die Stadt räumt ein, dass illegale Graffiti in Saarbrücken weiterhin eine Herausforderung seien. Die Beseitigung binde „erhebliche Ressourcen“, die an anderer Stelle fehlten. Wie viel Geld ausgegeben wird, um Graffiti zu entfernen, sagt die Stadt nicht. Früheren Angaben nach setzt allein der Gebäudemanagementbetrieb GMS dafür jährlich über 50.000 Euro ein. (jos)
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