Halluzinationen einer philippinischen Frau hatten verstörende Ursache
Neurozystizerkose
Halluzinationen einer philippinischen Frau hatten verstörende Ursache
Beschwerden einer 52-jährigen Patientin gingen auf Larven des Schweinebandwurms zurück, die sich im Hirn eingenistet hatten. Die Frau konnte geheilt werden
Monatelange Kopfschmerzen, Halluzinationen und seltsame Sprachstörungen: Was bei einer 52-jährigen Frau auf den Philippinen zunächst wie eine psychiatrische Erkrankung wirkte, entpuppte sich als seltene, aber potenziell lebensgefährliche Infektion. Dieser spezielle Fall einer Erkrankung namens Neurozystizerkose war vor kurzem Gegenstand eines kurzen Berichts im renommierten New England Journal of Medicine. (Triggerwarnung: Leserinnen und Leser, die spätabends auf diesen Text gestoßen sind und zu schlechten Träumen neigen, sollten womöglich an dieser Stelle kurz überlegen, ob sie die Lektüre fortsetzen wollen.)
Hinter der Fachbezeichnung steckt eine eher grausige Diagnose: Im Gehirn der Frau hatten sich Dutzende Zysten gebildet, gefüllt mit Larven eines Schweinebandwurms, die sich dort eingenistet hatten. Doch wie konnten die ins Hirn vordringen? Gemeinhin gelten Bandwürmer als Darmparasiten. Wer ungenügend gekochtes Schweinefleisch isst, kann sich mit ihnen infizieren und hat dann Würmer im Darm. Durch die gezielte Einnahme spezieller wurmabtötender Medikamente (sogenannter Anthelminthika) wird man die Parasiten im Normalfall ohne Probleme wieder los.
Doch es gibt einen weitaus unangenehmeren Übertragungsweg: Menschen können die mikroskopisch kleinen Eier des Parasiten aufnehmen, wenn Lebensmittel oder Wasser mit Fäkalien eines infizierten Menschen verunreinigt sind. Die geschlüpften Larven durchbohren dann die Darmwand und gelangen über die Blutbahn in verschiedene Organe – und mitunter auch ins Gehirn.
Seltsame Symptome
Genau dies dürfte der 52-jährigen Patientin passiert sein, deren Fall vom behandelnden Neurologen Bonifacio Pedregosa (Jose R. Reyes Memorial Medical Center, University of Santo Tomas Hospital) gemeinsam mit einem Kollegen beschrieben wurde. Die Frau litt vier Monate lang unter anhaltenden Kopfschmerzen und wiederkehrenden visuellen Halluzinationen. Sie berichtete, Tiere und Menschen zu sehen, die gar nicht vorhanden waren. Schließlich suchte sie die Notaufnahme eines Spitals auf.
Dort wurden weitere Auffälligkeiten bemerkt. Die Patientin sprach zwar flüssig, ihre Sätze ergaben jedoch oft keinen Sinn. Zudem hatte sie Schwierigkeiten, Sprache zu verstehen, Gegenstände zu benennen oder einfachen Anweisungen zu folgen. "Ihre ausgeprägten Sprachverständnisstörungen machten uns stutzig", erklärte Pedregosa gegenüber dem Fachblatt Scientific American. Die Ärzte entschieden sich daher für eine Untersuchung des Gehirns mittels MRT-Scans.
Die Aufnahmen lieferten eine ebenso eindeutige wie verstörende Erklärung. Über das gesamte Gehirn verteilt fanden sich zahlreiche Zysten. Viele enthielten einen winzigen hellen Punkt. Dabei handelte es sich um den sogenannten Scolex, den Kopf einer Bandwurmlarve. Unter dem Mikroskop zeigt dieser Kopf Saugnäpfe und hakenartige Strukturen, mit denen sich der Parasit später im Darm festsetzen kann. Damit war klar: Die Frau litt an einer Neurozystizerkose.
Ursache für erworbene Epilepsien
Halluzinationen sind bei Neurozystizerkose zwar ungewöhnlich, aber keineswegs einzigartig. In einem früheren Fallbericht entwickelte ein 15-jähriger Peruaner mit einem von Zysten durchsetzten Gehirn sowohl visuelle als auch akustische Halluzinationen. Ein anderer Patient litt zusätzlich unter paranoiden Wahnvorstellungen.
Weitere Untersuchungen der Hirnströme zeigten bei der philippinischen Patientin auffällige Aktivitäten. Die behandelnden Ärzte vermuteten daher, dass die Halluzinationen mit epileptischen Anfällen zusammenhingen. Tatsächlich gilt Neurozystizerkose als eine der häufigsten Ursachen für erworbene Epilepsie in Regionen mit mangelhafter Sanitärversorgung.
Die Infektionskrankheit kann aber noch zahlreiche weitere neurologische Symptome hervorrufen – von Kopfschmerzen über Krampfanfälle bis hin zu psychiatrischen Veränderungen. Besonders verbreitet ist die Neurozystizerkose in Teilen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. In Europa und Nordamerika tritt sie vergleichsweise selten auf, wird jedoch durch Migration und Reisetätigkeit immer wieder diagnostiziert.
Einer der damit Befallenen könnte übrigens auch der US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy gewesen sein, der behauptete, dass sein Hirn durch einen parasitären Wurm angeknabbert worden sei. (Diese Beschreibung ist übrigens falsch, denn die Larven verdrängen bloß Hirngewebe, fressen es aber nicht.)
Vermutete Infektion
Wie sich die philippinische Patientin infiziert hatte, ließ sich nicht mehr eindeutig klären. Im Jahr vor Ausbruch der Erkrankung hatte sie jedoch mehrere Wochen in Evakuierungszentren verbracht, in denen hygienische Bedingungen und sanitäre Einrichtungen unzureichend waren. Die Ärzte halten dies für den wahrscheinlichsten Übertragungsweg.
Die Behandlung der Frau bestand aus Medikamenten gegen die Parasiten sowie einer Therapie gegen die vermuteten epileptischen Anfälle. Die Therapie schlug gut an: Bereits einen Monat später waren die Halluzinationen und Sprachstörungen verschwunden. Kontrollaufnahmen zeigten, dass die Zysten geschrumpft und die charakteristischen hellen Punkte im Inneren nicht mehr sichtbar waren.
Doch nicht immer endet eine Neurozystizerkose so glimpflich, schreiben die Fachleute: Sterbende Parasiten können starke Entzündungsreaktionen auslösen und Schwellungen des Gehirns verursachen. Zysten an ungünstigen Stellen können außerdem den Fluss der Gehirnflüssigkeit blockieren oder schwere epileptische Anfälle hervorrufen. Unbehandelt kann die Erkrankung sogar lebensgefährlich werden. (Klaus Taschwer, 15.9.2026)
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