Han Kangs Buch "Der goldene Faden"
Wenn Schriftsteller die höchsten Weihen des Literaturbetriebs empfangen, wird die nächste Publikation mit Spannung erwartet. Zwei Jahre ist es her, seit Han Kang mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde – nun erscheint „Der goldene Faden“. Von einem regelrechten „Werk“ kann aber kaum die Rede sein. Die für ihr bescheidenes Auftreten bekannte Han Kang legt ein bescheidenes Bändchen vor. Es enthält Essays, Gedichte, Fotografien, ein Gartentagebuch und viel weiße Fläche: Weil jedem Tagebucheintrag eine eigene Seite vorbehalten ist, bleibt nicht selten die Hälfte des Blatts frei.
Von Beginn an ist es ein persönliches Buch: Han spricht über Kindheit und Alltag, konturiert ein Selbstbild für die Öffentlichkeit. Die vorangestellte Nobelpreisrede legt davon Zeugnis ab. Neben ihrem empathischen Grundton und dem Plädoyer gegen Gewalt zeichnet sich diese Tour d’Horizon durchs eigene Werk auch durch Ich-Zentrismus und pathetischen Duktus aus. ,,Ich dachte“, erklärt Han über ihren Roman „Griechischstunden“, „ich würde ein Buch schreiben, das einen Schritt weiter auf Licht und Wärme zugeht. Einen Roman, der das Leben und die Welt umarmt und mit einer strahlend klaren Empfindung auflädt.“ Jene bewundernswürdige Distanz des Erzählens, die die Autorin am eindrücklichsten wohl in „Die Vegetarierin“ wahrt – sie ist in der Nobelpreisrede nicht zu erkennen.
Dichtung als Märtyrertum?
Einen Essay mit dem prosaischen Titel „Nach der Veröffentlichung“ schickt Han hinterher, letztlich eine Variation der Nobelpreisrede. Die koreanische Autorin präsentiert sich darin als eine Art Durchgangsmedium. Das Leiden ganzer Städte und Generationen will die Schriftstellerin nachempfunden haben. Ihr Anliegen: durch die Literatur „Wärme“ in die Welt tragen. Wir erhalten reiche Einblicke in das dergestalt gesteigerte Gefühlsleben. Beschämt stellt der Leser fest, welch ein Martyrium für ihn ausgestanden wurde: „Ich ertrug den Schmerz, der mich immer wieder zu zerbrechen drohte.“
Dann wären da noch die „drängenden“ Fragen: warum Schmerz und Liebe existieren, warum die Menschen so gewalttätig sind, wie man die Welt „umarmt“. Bisweilen lesen sich die Essays beinahe als Fragenkatalog, und das nicht ohne Grund, denn Han erklärt sie zum Ausgangspunkt ihres Schaffens. Wer das komplexe, durch sorgfältige Figurenzeichnung und erzählerische Präzision bestechende Werk Han Kangs schätzt, bleibt etwas ratlos zurück.

Was liefert sie im Anschluss an die Essays? Zunächst eine gesonderte Auswahl von Gedichten – nachdem schon zuvor wiederholt Verse zitiert worden waren, die Han im Alter von acht Jahren verfasst hatte. Manche der neu präsentierten Gedichte lesen sich allerdings so, als stammten sie geradewegs aus besagter Sammlung der Achtjährigen: „‚Gibt es Hoffnung?‘/ fragtest du mich. / Vielleicht die Hoffnung, / Hoffnung zu finden – / wenn das den Namen verdient, / dann habe auch ich Hoffnung.“ Ein böser Verdacht drängt sich auf: Ist „Der goldene Faden“ womöglich eine Art aufgeblähte Mogelpackung, die man, weil nun nobelpreisbekrönt, dem Leser für stolze 23 Euro unterjubeln kann? Nach der Hälfte der Lektüre ist das Poetischste weit und breit die Fotografie eines Schattenrisses auf Seite 86 (und, wir wollen ja nicht ungerecht werden, das kleine Gedicht „Meditation über den Schmerz“).
Glücklicherweise wechselt Han danach die Register und kehrt zu reiner Beobachtungsprosa zurück. Das ist umso erstaunlicher, als die Autorin nun – neben dem kurzen Text „Garten an der Nordseite“ – ein Tagebuch, genauer: ein „Gartentagebuch“, vorlegt: eine per se persönliche Gattung. Wir lernen Hans kleines Häuschen kennen, vor allem aber ihren Garten an der Nordseite. Das lichtarme Gärtlein will gehegt und gepflegt sein. Weil es kaum Sonne abbekommt, hat die treusorgende Besitzerin eine Vielzahl von Spiegeln angeschafft, die die Sonnenstrahlen auf die Pflänzchen lenken. Immer wieder müssen von Insekten befallene Äste zurückgeschnitten, die Spiegel neu ausgerichtet, der Boden gewässert werden.
Reine Beobachtungsprosa
So intim das Setting, so präzise die Darstellung: Schneeballhortensien und Funkien, Flieder und Schildfarn bestimmen die Aufzeichnungen; jede Veränderung wird dokumentiert: der Wuchs einer Knospe, die Lichtreflexe der Spiegel, das Kriechen der Feenwanzen. Einfach, klar und schmucklos ist die Sprache, dabei zart und schön: „Von den Zweigen der Schneeballhortensie wische ich mit einem feuchten Tuch sorgfältig die weißen, seltsam geisterhaft wirkenden Insekten ab.“ Selbst die Schädlinge kommen so auf poetische Weise weg.
Ein Locus amoenus ist der Garten also nicht, auch hier halten Sterben, Welken und das Zerfressenwerden Einzug. Man kann die Schilderungen der Schädlinge und das ihnen zugrunde liegende zyklische Naturverständnis – Wachsen und Vergehen folgen wechselseitig aufeinander – gar als brisante Metapher auf die Corona-Krise lesen, in deren Zeit das Tagebuch verortet ist. Von der Außenwelt ist das Geschehen im Garten dabei seltsam gereinigt; der Rhythmus der Natur beherrscht die Zeilen. Er wird im Lauf der Sonne und im fortwährenden Ausrichten der Spiegel sichtbar.
Noch einmal gefragt: Ist der „Goldene Faden“ letztlich eine Mogelpackung? Nun, zumindest enthält es eine Menge poetischer Restbestände. Das Gartentagebuch aber, dieses zarte und sinnliche Stück, will langsam gelesen, ausgekostet und -gedehnt werden. Es verbreitet eine eigentümliche seelische Ruhe. Freunde literarischer Gärtnerei sollten es sich nicht entgehen lassen: Über die Disposition der Nobelpreisträgerin verrät es mehr als all die Selbstentwürfe zuvor.
Han Kang: „Der goldene Faden“. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Claassen Verlag, Berlin 2026. 176 S., geb., 23,– €.