Hausärztin betreut Neuenstein mit – und warnt vor Priorisierung
Stand: 15.08.2026, 17:00 Uhr
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Dr. Cordula Haßler übernimmt Patienten aus Neuenstein, seit dort keine Praxis mehr existiert. Künftig müssen Hausärzte nach medizinischer Dringlichkeit priorisieren, sagt sie.
Neuenstein/Knüllwald – Dr. Cordula Haßler ist Hausärztin mit eigener Praxis in Remsfeld (Schwalm-Eder-Kreis). Sie lebt in Neuenstein und wir fragten sie, wie sie als Ärztin die aktuelle Situation in ihrer Heimatgemeinde einordnet.
Wie sehen Sie als Bürgerin Neuensteins die aktuelle Situation ohne Hausarztpraxis in der Gemeinde?
Die medizinische Versorgung endet nicht an Gemeindegrenzen. Seit ich vor zwölf Jahren die Praxis in Knüllwald übernommen habe, betreuen wir auch viele Patientinnen und Patienten aus Neuenstein. Nach der Schließung der Praxis in Raboldshausen hat sich diese Entwicklung noch verstärkt. Als Neuensteinerin sehe ich mich deshalb mitverantwortlich für die hausärztliche Versorgung der gesamten Region.

Betreuen Sie in Ihrer Praxis auch Menschen aus Neuenstein?
Ja, selbstverständlich. Seit dem Ruhestand von Frau Dr. Rieckhoff haben wir weitere Patientinnen und Patienten aus Neuenstein aufgenommen und sind weiterhin offen für Neuanmeldungen. Unsere Praxis in Remsfeld ist über die Autobahn gut erreichbar, barrierefrei und bietet ausreichend Parkplätze.
Wir bieten das gesamte Spektrum einer internistischen Hausarztpraxis – von Vorsorgeuntersuchungen über Labor, EKG und Ultraschall bis hin zur Betreuung chronisch kranker Menschen im Rahmen von Disease-Management-Programmen. Zudem arbeiten wir digital vernetzt mit Kliniken und Fachärzten zusammen und bieten Telemedizin an.
Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum wird jedoch zunehmend schwieriger. Gesundheitsreformen, Bürokratie und Personalmangel führen dazu, dass Hausarztpraxen künftig stärker nach medizinischer Dringlichkeit priorisieren müssen. Ohne eine nachhaltige Unterstützung durch Politik und Kommunen wird es schwierig, die Versorgung weiter auszubauen.
Wie sieht es mit der ärztlichen Betreuung der Bewohner des Seniorenzentrums in Obergeis aus?
Seit der Eröffnung des Wohn- und Pflegezentrums „Im Mühlengrund“ betreue ich die Bewohnerinnen und Bewohner als Kooperationsärztin. Aufgrund meiner Qualifikationen in Geriatrie, Palliativmedizin und Intensivpflege führe ich wöchentliche Visiten durch und bin im Notfall schnell vor Ort.
Gerade in Pflegeeinrichtungen ist eine enge Zusammenarbeit mit den Pflegekräften unverzichtbar. Vor allem das Stammpersonal leistet unter schwierigen Bedingungen gute Arbeit, der ich höchsten Respekt zolle. Gleichzeitig könnten neue gesetzliche Vorgaben, etwa in der Wundversorgung, die Situation zusätzlich erschweren.
Woran könnte es aus Ihrer Sicht liegen, dass sich kaum noch Ärztinnen und Ärzte finden, die Hausarztpraxen auf dem Land übernehmen möchten?
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der hohe bürokratische Aufwand und die steigenden Kosten machen eine Niederlassung auf dem Land für viele junge Mediziner unattraktiv. Gleichzeitig gehen immer mehr erfahrene Hausärzte in den Ruhestand.
Ich selbst darf Assistenzärzte in der Inneren Medizin weiterbilden, allerdings werden internistische Hausärzte dabei im Gegensatz zur Allgemeinmedizin nicht gefördert. Gemeinden können durch finanzielle und organisatorische Unterstützung viel dazu beitragen, Praxen langfristig zu sichern. Auch Projekte wie das „DOC‘S CAMP“ der Kassenärztlichen Vereinigung sollen Nachwuchs für die Arbeit auf dem Land gewinnen.
Wie sehen Sie das Angebot der Gemeinde, Räumlichkeiten wie in Obergeis einzurichten und zu möblieren, um zumindest stundenweise eine ärztliche Versorgung zu ermöglichen?
Die Idee ist grundsätzlich sinnvoll, wurde aber bereits mehrfach diskutiert. Entscheidend ist, ob sich ein solcher Standort personell und wirtschaftlich dauerhaft betreiben lässt. Angesichts der aktuellen Reformen sehe ich das als große Herausforderung.
Wichtig ist, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum insgesamt zu stärken. Hausärzte übernehmen heute weit mehr als die reine Behandlung: Sie koordinieren Therapien, beraten, begleiten chronisch Kranke und übernehmen zunehmend psychosoziale Aufgaben. Dafür brauchen sie verlässliche Unterstützung durch Politik, Kommunen und ein funktionierendes Netzwerk. Unser Ziel bleibt es, die Menschen in der Knüllregion auch künftig bestmöglich zu versorgen.
Dr. Cordula Haßler absolvierte ihr Studium in Leipzig und Erfurt. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin (absolviert in Frankfurt/M.), Palliativmedizin und Ethik in Würzburg sowie Naturheilverfahren in Bad Wörishofen. Sie war lange an einer Klinik in Erfurt, an den onkologischen Kliniken Inselsberg und Bad Sooden-Allendorf, in der Psychoonkologie in Kassel sowie am Klinikum Bad Hersfeld tätig. 2015 ließ sie sich mit eigener Praxis in Knüllwald-Remsfeld nieder. Sie hat eine Tochter. Ihre Hobbys sind Musik, Natur und ihr Hund. Dr. Cordula Haßler ist zudem Rotarierin.