Klingbeil erklärt Haushalt 2027: So viele Schulden gab's noch nie
Haushalt 2027
So hohe Schulden gab's noch nie
08.09.2026 - 13:09 UhrLesedauer: 5 Min.
550 Milliarden Euro Ausgaben, fast 120 Milliarden neue Schulden: Der Haushalt 2027 bringt die Staatskasse an ihre Grenzen. Wie erklärt Finanzminister Klingbeil die Rekordsummen? Und wo fließt das Geld eigentlich hin? Der Überblick.
Einen Tag früher als sonst in regulären Sitzungswochen hat der Bundestag am Dienstag den Plenarbetrieb aufgenommen. Der Grund: die Haushaltswoche, in der traditionell direkt nach der parlamentarischen Sommerpause der Etat für das kommende Jahr erstmals behandelt wird.
Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) rechtfertigte dabei vor allem die vielen Schulden, die der Bund 2027 aufnimmt. Diese seien nötig, um die "Infrastruktur von morgen" zu bauen und um die Bundeswehr wieder schlagkräftig zu machen. Doch um wie viel Geld geht es bei all dem überhaupt? Und wie groß sind die Haushaltslücken in den kommenden Jahren? t-online gibt den Überblick.
Wie viel Geld gibt der Bund aus – und wie viel Schulden macht er?
Klingbeil plant für das nächste Jahr mit Rekordausgaben des Bundes: Im Kernhaushalt hat der Finanzminister 555,4 Milliarden Euro an staatlichen Ausgaben vorgesehen. Das sind fast sechs Prozent mehr als 2026. Auch in den kommenden Jahren sollen die Ausgaben stetig steigen: Klingbeils Finanzplanung sieht einen Anstieg der Staatsausgaben auf 635,4 Milliarden Euro im Jahr 2030 vor.
Auch bei den Schulden operiert Klingbeil mit Rekordwerten: Kommendes Jahr plant der Finanzminister eine Nettokreditaufnahme von 118,7 Milliarden Euro, nach 98 Milliarden Euro in diesem Jahr. Beide Posten – Ausgaben und Schulden – sind noch einmal höher angesetzt als in den sogenannten Haushaltseckwerten, die Klingbeil im Frühjahr vorstellte.
Zusammen mit den schuldenfinanzierten Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie für die Bundeswehr summieren sich die neuen Schulden kommendes Jahr laut Kabinettsbeschluss auf 203,7 Milliarden Euro. Auch diese Zahl steigt bis 2030 stetig an. Die vom Kabinett vergangene Woche ebenfalls beschlossene Einkommensteuerreform ist in dem Etatplan noch nicht abgebildet.
Wie erklärt Klingbeil diese hohen Summen?
Mit den internationalen Spannungen und den daraus folgenden wirtschaftlichen Verwerfungen: "Die globalen Krisen und Konflikte sowie ihre Auswirkungen auf Energiepreise und Lieferketten erschweren es ganz erheblich, die Wachstumsschwäche unseres Landes zu überwinden", heißt es in der Regierungsvorlage für das Haushaltsgesetz. Genannt werden etwa die Lage in Nahost und der andauernde Ukraine-Krieg, was massive Investitionen in die Verteidigungsfähigkeit nach sich ziehe.
Finanzminister Klingbeil liefert bei seiner Rede am Dienstag im Bundestag noch ein weiteres Argument: Angesichts der vielen Krisen weltweit müsse Deutschland stärker werden – und brauche dafür die finanzielle Basis: "Es reicht nicht mehr, dass wir uns von Krise zu Krise hangeln. Es geht um eigene Stärke, um Resilienz in dieser unsicheren Welt. Meine Vision ist ein Deutschland der Zukunft, das souverän und krisenfest ist", sagte Klingbeil.
"Zukunftsfeindliche Politik der letzten Jahre"
Das kreditfinanzierte Infrastruktur-Sondervermögen sieht Klingbeil dabei als zentralen Schlüssel für die Modernisierung des Landes. Mit dem Sondertopf will der Bund in den kommenden zwölf Jahren 500 Milliarden Euro in Schulen, Schienen und Straßen investieren.
"Deutschland baut. Und Deutschland baut, was allen gehört: Die Kita, in die unsere Kinder gehen. Die Brücke, über die wir fahren. Das Krankenhaus, auf das wir alle angewiesen sein können. Die Bahn, die Menschen miteinander verbindet." Die Investitionen seien das "Fundament für eine gute Zukunft".
Kritik an den hohen Schulden, die das Sondervermögen mit sich bringt, bügelt Klingbeil ab: "Das sind die gleichen Leute, die mit ihrer Ideologie dafür gesorgt haben, dass die Infrastruktur jahrelang vernachlässigt wurde. Mit der "zukunftsfeindlichen Politik der letzten Jahre" sei jetzt Schluss.
Leichte wirtschaftliche Erholung
Auch den zarten positiven Wachstumseffekt, den Wirtschaftsforscher derzeit feststellen, führt Klingbeil auf das Sondervermögen zurück. "Die neuen Wachstumszahlen der Institute zeigen: Es sind unsere Investitionen, die die Wirtschaft wieder ankurbeln."
Der Bund verweist zudem auf erneut nötige "Rekordinvestitionen" unter anderem in Verkehr und Verteidigung, um 2029 die anvisierte Nato-Quote von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen. Insgesamt sind für 2027 Investitionen in Höhe von 117,5 Milliarden Euro vorgesehen.
Doch ihre wirtschaftliche Talsohle hat die deutsche Wirtschaft noch nicht überwunden: Für das kommende Jahr wird nur noch mit einem realen Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent gerechnet. Das mindert nicht nur die Steuereinnahmen, sondern treibt auch die Zinszahlungen des Bundes in die Höhe: 41,9 Milliarden Euro werden kommendes Jahr allein für Zinszahlungen veranschlagt, diese Summe steigt bis 2030 auf voraussichtlich 80,7 Milliarden Euro. Außerdem hat die Bundesagentur für Arbeit kommendes Jahr einen Mehrbedarf von 5,2 Milliarden Euro wegen der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt.
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Wie hoch sind die Finanzierungslücken?
Klingbeil hatte bei der Vorstellung des Etatplans betont, es sei gelungen, zumindest für 2027 die ursprüngliche Haushaltslücke von 34 Milliarden Euro zu schließen. Damit legt er einen "konsolidierten Haushalt" vor. Klingbeil tastet für den Haushalt 2027 aber auch die Rücklage des Bundes an, damit bleiben für die kommenden Jahre daraus nur noch 3,9 Milliarden Euro übrig. In der Planung bis 2030 bleiben außerdem Handlungsbedarfe bestehen, die Haushaltslücke summiert sich in den Folgejahren auf 107 Milliarden Euro.
Der Konsolidierungskurs müsse daher im kommenden Jahr weitergehen, gibt Klingbeil als Ziel aus. Zusätzlich zu dem einen Prozent an Einsparungen müssten die Ministerien noch einmal zwei Prozent drauflegen. Mehr Einnahmen erhofft sich der Bund darüber hinaus zeitnah durch die Bekämpfung von Steuerkriminalität, eine höhere Alkohol- und Tabaksteuer sowie eine Plastiksteuer.
Sparen und konsolidieren will auch die Union. Der zuständige Fraktionsvize für den Haushalt, Matthias Middelberg, sagte am Dienstagmorgen im ZDF: Die schuldenfinanzierten Investitionen fruchteten. Allerdings dürfe das "kein Dauerzustand sein": "Wir müssen auf den Weg der Tugend und eine deutlich geringere Kreditfinanzierung zurück." Aus dem Teufelskreis von höheren Schulden und Zinslast gebe es nur ein Entkommen, "indem wir sparen bei den Ausgaben". "Alle Positionen" im Haushalt würden deshalb geprüft.
Warnung vor Sozialabbau
Der Zeitpunkt, in dem der Finanzminister sein Haushaltsgesetz dem Bundestag vorstellt, gilt als besonders heikel. Der Erdrutschsieg der AfD bei der Wahl in Sachsen-Anhalt hat bundesweit Schockwellen ausgelöst. Vor allem die Regierungsparteien Union und SPD zeigten sich schockiert und ratlos.
Finanzminister Klingbeil nimmt das Wahlergebnis zum Anlass, den bisherigen Reformkurs der SPD zu überdenken. Es dürfe nicht zugelassen werden, "dass unter dem Schlagwort der 'Reform' ein systematischer Abbau unseres Sozialstaates betrieben wird", so Klingbeil. "Alle wissen und spüren: Veränderungen kommen", sagte er. "Die entscheidende Frage ist, ob Menschen Fortschritt als Bedrohung oder Fortschritt als Verbesserung erleben."
Der SPD-Chef und Vizekanzler räumte ein, dass die schwarz-rote Bundesregierung durch ihre Reformpolitik Vertrauen verloren habe. "Wenn wir Vertrauen für die notwendigen Veränderungen zurückgewinnen wollen, dann muss die Frage der Gerechtigkeit der Veränderungen in den Mittelpunkt", sagte er. Das müsse "der Maßstab aller Entscheidungen" sein.
Die Union dürfte wenig erfreut sein über Klingbeils Reformwende. Vertreter von CDU/CSU warfen der SPD in den vergangenen Wochen immer wieder vor, die Reformen zu verzögern. Bisher hielt Klingbeil dagegen, trat als Chef-Reformer der SPD auch gegen Widerstände im eigenen Lager auf.
Wie hoch sind die einzelnen Etats?
Den mit Abstand höchsten Einzeletat hat erneut das Bundesarbeitsministerium zur Verfügung – nämlich 201,46 Milliarden Euro nach 197,34 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Davon wird der allergrößte Teil für die Rente benötigt.
Zweitgrößter Etat ist der Verteidigungshaushalt mit diesmal 109,75 Milliarden Euro. Das ist mit einem Plus von 32,7 Prozent der größte Zuwachs, denn im laufenden Haushaltsjahr hat Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) 82,69 Milliarden Euro zur Verfügung. Einschließlich der Gelder aus dem Sondervermögen Bundeswehr hat der Haushalt von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kommendes Jahr ein Gesamtvolumen von fast 140 Milliarden Euro.
Den drittgrößten Etat erhält erneut das Verkehrsministerium mit 26,43 Milliarden Euro. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hat kommendes Jahr 21,97 Milliarden Euro zur Verfügung, dahinter folgen die Etats der Ministerien des Inneren, für Familie und für Gesundheit.