UNO-Vorsitz: Hearings zu Guterres-Nachfolge starten
UNO-Vorsitz
Vier Kandidatinnen und zwei Kandidaten stellen sich am Donnerstag in New York der Debatte für die Nachfolge von UNO-Generalsekretär Antonio Guterres. Über die Personalie entscheidet zunächst der Sicherheitsrat, letztlich die UNO-Generalversammlung. Die besten Chancen dürften diesmal lateinamerikanische Kandidatinnen haben.
Online seit heute, 6.03 Uhr
Beworben hat sich Michelle Bachelet, die ehemalige sozialistische Präsidentin Chiles und ehemalige Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte. Zudem war sie Exekutivdirektorin von UNO Women, einer Organisation zur Förderung der Frauenrechte.
Als Generalsekretärin wolle sie die notwendigen Veränderungen „im Einklang mit unseren gemeinsamen Interessen bewältigen, zu den Grundlagen unseres globalen Engagements zurückkehren und Wege zum Frieden ebnen“, wie es in ihrer Bewerbung heißt.
„Reformorientierte Multilateralistin“
Neben Bachelet gibt es mit Rebeca Grynspan Mayufis eine weitere lateinamerikanische Bewerberin. Die Ökonomin leitet derzeit die UNO-Handels- und -Entwicklungsorganisation (UNCTAD) und war Vizepräsidentin ihres Herkunftslandes Costa Rica.
Grynspan Mayufis beschreibt sich selbst als reformorientierte Multilateralistin, die gegen geschlechtsspezifische Barrieren gekämpft und an die Vereinten Nationen und deren Engagement für Frieden, Entwicklung und Menschenrechte glaubt.
Kandidatinnen sehen Reformbedarf
Guyanas UNO-Botschafterin in New York, Carolyn Rodrigues Birkett, bewarb sich ebenso. Zuvor war sie Direktorin des Verbindungsbüros der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und Außenministerin von Guyana. Sie will, so steht es in ihrer Bewerbung, die UNO neu bekräftigen, reformieren und mobilisieren.
Eine weitere Kandidatin ist die ehemalige Präsidentin der UNO-Generalversammlung, Maria Fernanda Espinosa aus Ecuador. Bereits der erste Satz ihrer Bewerbung macht deutlich, wo sie steht. Sie bewerbe sich zu einem Zeitpunkt, „an dem die Welt keine weitere Bekräftigung multilateraler Ideale braucht. Sie braucht Ergebnisse: eine Organisation der Vereinten Nationen, die Krisen früher verhindert, kohärenter reagiert, effektiver handelt und das Vertrauen in den Wert kollektiven Handelns wiederherstellt.“
Auch IAEA-Chef unter Kandidaten
Ebenfalls aus Lateinamerika, konkret Argentinien, kommt der derzeitige Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), Rafael Grossi. Der Karrierediplomat wurde von seinem Herkunftsland nominiert und gilt seitdem als einer der großen Favoriten auf den UNO-Chefposten. In seiner Bewerbung heißt es: „Selbst in Zeiten der Spaltung können multilaterale Institutionen echte, positive Wirkung erzielen.“
Für Guterres „eindeutig Zeit für eine Frau“
Doch Ende Jänner sagte Guterres bei seiner traditionellen Jahresauftaktpressekonferenz in New York: „Es ist eindeutig Zeit für eine Frau an der Spitze der Vereinten Nationen.“ Die Präsidentin der UNO-Vollversammlung, die frühere deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, hatte sich zuvor ebenfalls für eine Frau ausgesprochen. Bisher stand tatsächlich noch nie eine Frau an der Spitze der Vereinten Nationen.
Doch auch die regionale Herkunft gilt, wenn auch informell, als ein Kriterium. Es ist eine Gepflogenheit, wonach der UNO-Chefposten unter den Kontinenten rotiert. Nach diesem Muster sei nach Afrika (Kofi Annan), Asien (Ban Ki Moon) und Europa (Guterres) wieder Lateinamerika am Zug.
| Antonio Guterres | Portugal | Jänner 2017 |
| Ban Ki Moon | Republik Korea | Jänner 2007 bis Dezember 2016 |
| Kofi A. Annan | Ghana | Jänner 1997 bis Dezember 2006 |
| Boutros Boutros-Ghali | Ägypten | Jänner 1992 bis Dezember 1996 |
| Javier Perez de Cuellar | Peru | Jänner 1982 bis Dezember 1991 |
| Kurt Waldheim | Österreich | Jänner 1972 bis Dezember 1981 |
| U Thant | Myanmar | November 1961 bis Dezember 1971 |
| Dag Hammarskjöld | Schweden | April 1953 bis September 1961 |
| Trygve Lie | Norwegen | Februar 1946 bis November 1952 |
Schlechte Chancen für Senegal
Schlechte Karten hätte dieser Regelung zufolge der ehemalige Präsident Senegals, Macky Sall. Der studierte Geologe, Sohn eines Erdnussverkäufers, hat während seiner Amtszeit große Infrastrukturprojekte initiiert und sich für die Entwicklung Afrikas eingesetzt.
Im Rahmen seiner Bewerbung hat er die Notwendigkeit betont, Länder des Globalen Südens zu unterstützen. „Mehr denn je bleibt ein neu gestalteter Multilateralismus der beste Weg, um auf die Herausforderungen einer Welt im Umbruch zu reagieren“, erklärte er auf X.
Mehrstufiges Verfahren
Guterres ist seit 2017 Generalsekretär, Ende des Jahres läuft die zweite und letzte Amtszeit des Portugiesen aus. Bis dahin muss die Nachfolge stehen. Wie in Artikel 97 der UNO-Charta geregelt, gibt es ein mehrstufiges Verfahren.
Der UNO-Sicherheitsrat will Ende des Monats eine erste Testabstimmung abhalten. Die Abstimmung, die ein erstes Stimmungsbild darüber abgeben soll, wer im Jänner 2027 Guterres folgt, könnte am 30. Juli stattfinden, hieß es aus Diplomatenkreisen in New York. Dafür sind mindestens neun Stimmen der 15 Mitglieder notwendig. Ständige Mitglieder können Kandidaten mit einem Veto verhindern. Letztlich müssen sich hier also die USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich einigen.
Anschließend wird der Kandidat oder die Kandidatin in der UNO-Generalversammlung bestätigt. Der Schritt galt bisher aber immer als Formsache. Bleiben größere Turbulenzen und Blockaden aus, dürfte laut Beobachtern die Guterres-Nachfolge im Herbst 2026 stehen. Eine Amtszeit beläuft sich auf fünf Jahre.
Große Herausforderungen
Die Herausforderungen für den oder die zehnte UNO-Generalsekretärin sind enorm angesichts der globalen Kriege, Konflikte und Krisen, ob Iran, Gaza, Ukraine oder Sudan. Und der Bedarf an humanitärer Hilfe nimmt stetig zu. Darüber hinaus gibt es die großen Herausforderungen wie die Klimakrise und künstliche Intelligenz (KI).
Aufgabe wird sein, eine Welt, in der es vermehrt Zweifel und Kritik am Multilateralismus gibt, zusammenzuhalten und wieder enger zusammenzuführen. Die Großmächte drängen die Vereinten Nationen zu Reformen, Kostensenkungen und dem Nachweis ihrer Relevanz – auch wenn sie selbst zunehmend langjährige Normen der internationalen Ordnung missachten.