"Heimatlos" im Jüdischen Museum: Wie flüchten? Wie ankommen? Wie erinnern?


Ausstellung in Wien

"Heimatlos" im Jüdischen Museum: Wie flüchten? Wie ankommen? Wie erinnern?

Am Judenplatz werden anhand von Lebensgeschichten Fragen beantwortet, die sich im Zuge von Flucht und Neuanfang stellen.

Michael Wurmitzer

Ein ärmelloses, blaues Kleid mit einem ausgestellten Rock und einem Blumenmuster. Es hat Knöpfe auf der Vorderseite und einen Rundhalsausschnitt. Der Hintergrund ist schwarz.
Elsa und Victor Klarwill nahmen Dirndl und Lederhose mit nach Kenia.

"Die Bitterkeit, die von den schrecklichen Erfahrungen der Familie während der NS-Zeit geblieben war, wurde regelmäßig durch österreichische Süßspeisen und andere Köstlichkeiten gemildert", erinnert sich Randy Schoenberg an das Kochbuch seiner Urgroßmutter Ilona Jellinek. Nach der Flucht aus Wien ließ jene sich mit ihren Kindern in Los Angeles nieder, dem "entferntesten Ort, den sie sich vorstellen konnten". Mit einem Schmuckgeschäft verdiente sie den Lebensunterhalt für die Familie, ihre Rezepte werden bis heute nachgekocht.

"Besonders bewegt mich seine Überzeugung, dass seine Arbeit nicht nur ein Beruf, sondern eine Verantwortung war", erinnert sich indes Brendan Ciecko an seinen Ururgroßvater Arthur Hellmer. Der Theaterleiter hatte im Londoner Exil die Österreichische Bühne gegründet und 1942 als erstes das Stück Nathan der Weise programmiert: Weil er diese Kultur nicht den Nazis überlassen und anderen Emigranten kulturelle Zuflucht geben wollte.

Das sind nur zwei der Geschichten, die das Jüdische Museum Wien in seiner neuen Sonderausstellung Heimatlos am Standort Judenplatz erzählt. Im Zentrum stehen, kuratiert von Caitlin Gura, individuelle Lebensgeschichten von Wiener Juden im Exil. Ein Thema das zwar schon vielfach behandelt wurde, wie Direktorin Barbara Staudinger einräumt, man will aber eine Perspektive einnehmen, die bisher nicht so im Vordergrund gestanden sei. Exilgeschichten würden nämlich häufig als Erfolgsstories erzählt, in denen sich die Vertreibung letztlich als Chance herausstelle.

Im Gespräch entstanden

Erfolgreich verlaufene Biografien gibt es hier zwar auch mitunter, aber eben nicht nur. Manche enden unglücklich und vorzeitig. Etwa jene von Stefan Zweig, von dem das wohl prominenteste Exponat der Schau zu sehen ist: das Notizbuch, in dem er 1940 erste Aufzeichnungen zu seiner autobiografischen und posthum erschienen Welt von Gestern machte. Die Schwierigkeiten eines Ankommens überwogen bei ihm, 1942 nahm er sich in Brasilien das Leben.

Für immer heimatlos? Bin ich ein illegaler Mensch? Kann ich eine neue Sprache meistern? Können mir Kleidungsstücke ein Gefühl von Heimat geben? Helfen Dinge beim Erinnern? Wie gehe ich mit dem Verlust der Gemeinschaft um? Ist Heimat dort, wo Familie ist? Solche Fragen strukturieren die kleine Schau, die ganz wesentlich im Gespräch mit Nachfahren der einst Geflohenen entstanden ist. Viele der Exponate wurden von diesen zur Verfügung gestellt. Jedes versucht eine Antwort auf eine dieser Fragen zu geben.

Allgemeingültig ist die jeweils zu erfahrende Lebensgeschichte natürlich nicht. Aber in ihrer Summe fächern sie eine ganze Palette an Problemen, Bedürfnissen, Sehnsüchten, Versuchen auf, sich eine Identität zu retten oder neu zu erschaffen. Neben Mehlspeisrezepten reisten etwa auch Dirndl und Lederhosen in die weite Welt, konkret mit Elsa und Victor Klarwill nach Kenia. Peretz Beda Mayer verarbeitete die Fluchterlebnisse in düsteren Illustrationen.

Geschichte in Geschichten

Die Idee zum Konzept rührt von Jean Amérys Anfang der 1960er entstandenem Essay Wie viel Heimat braucht der Mensch? her. Selbst Holocaust-Überlebender, behandelte Améry darin mit Blick auf Muttersprache, Codes und Vertrautheit dezidiert die Situation vor dem Nationalsozialismus Geflüchteter. Sein Fazit, dass es nicht gut sei, keine Heimat zu haben, führt auch Heimatlos berührend vor Augen.

Dokument des
Das Einwanderungszertifikat von Sigmund und Hedwig Wertheimer für Palästina.

Die Ausstellung erzählt in einem zweiten Raum auch den Weg ins Exil anhand persönlicher Geschichten. Bin ich durch meine Ehe nicht geschützt? An wen kann ich mich um Hilfe wenden? Solche Fragen, auf die wir heute die entwürdigenden, verbrecherischen, komplizierten Antworten kennen, stellen sich damals den jüdischen und von den Nazis als jüdisch erachteten Wienerinnen und Wienern nämlich mit dem Anschluss Österreichs 1938.

Dazu sieht man die letzten Fotos, die die Familie Zeisl von sich in ihrer Wiener Wohnung anfertigen ließ. Oder Dokumente, mit denen das Ehepaar Biegler aus seiner Gemeindewohnung geworfen wurde. Eine Firma, die per Postkarte über eine Arisierung informiert, freut sich, die Adressaten "weiterhin zu unseren Kunden zählen zu dürfen". Geschichte anhand von Geschichten. (Michael Wurmitzer, 29.9.2026)

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