„Hessen ist potenzielles Angriffsziel“: Innenminister Poseck im HNA-Interview


Stand: 06.08.2026, 20:03 Uhr

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epa13153508 A Ukrainian 'Antonov' cargo plane at the Airport Leipzig-Halle, in Schkeuditz, Germany, 06 August 2026. German police issued an alert at the airport after a drone loaded with explosives was found near a Ukrainian cargo plane, and another aircraft had collided with an unidentified flying object nearby shortly before landing safely. The airport in eastern Germany plays a key role in the transport of military supplies by the German Armed Forces and NATO allies. It also serves as a base for the Ukrainian airline Antonov Airlines.  EPA/FILIP SINGER

Hat es Putin auf diesen Flieger abgesehen? Eine ukrainische Frachtmaschine vom Typ Antonov An-124 könnte laut Experten Ziel des mutmaßlichen Anschlagversuchs am Flughafen Leipzig/Halle in der Nacht zum Mittwoch gewesen sein. Landesinnenminister Roman Poseck (CDU) warnt vor einer gestiegenen Gefährdungslage auch in Hessen – und spricht sich für militärische Forschung am Kassel Airport aus. © Filip Singer/EPA

Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle, neues Drohnenzentrum am Kassel Airport: Hessens Innenminister über hybride Gefahren und die politischen Antworten.

Mehr Brisanz hätte sich Roman Poseck kaum vorstellen können: Die Pressekonferenz, bei der Hessens Innenminister gestern Vormittag die Schaffung einer neuen Spionage-Einheit beim Landesverfassungsschutz ankündigte, war zwar seit Langem geplant. Doch durch die Ereignisse vom Vortag erhielt das Vorhaben ungeahnte Aktualität.

In der Nacht zum Mittwoch hatten Sicherheitskräfte am Flughafen Leipzig/Halle eine Sprengstoff-Drohne entdeckt – neben einem ukrainischen Frachtflugzeug, das mit Munition beladen gewesen sein soll. Steckt Putin dahinter? Während sich Politiker unter Verweis auf die Ermittlungen zurückhaltend äußerten, waren sich Fachleute schnell einig: Der Vorfall passe in das Muster hybrider Angriffe durch Russland, sagte Sicherheitsexperte Nico Lange im ZDF. Wie ist der Drohnenfund zu beurteilen? Und was heißt das für das neugegründete Drohnenzentrum am Kassel Airport? Nach der PK nahm sich Poseck Zeit für die Fragen der HNA.

Herr Poseck, mit Blick auf den Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle sprach Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) von einer „neuen Gefahrenqualität“. Würden Sie dem zustimmen, und worin besteht diese neue Qualität?

Ich teile diese Einschätzung ausdrücklich. Die Bedrohungslage verschärft sich insgesamt und sie nimmt eine neue Qualität an. Sabotage- und Spionageangriffe, Desinformationskampagnen und Cyberangriffe sind keine Seltenheit mehr. In den vergangenen Monaten wurden auch immer wieder Drohnen gesichtet, wobei Hessen davon nicht so sehr betroffen ist wie andere Bundesländer. Neu ist die Kombination von Drohnen mit Sprengstoff. Damit verbindet sich ein klassisches Anschlagsmittel mit einem Werkzeug hybrider Kriegsführung, das aus großer Distanz gesteuert werden kann und dessen Urheber sich nur schwer zuordnen lässt. Genau diese Verschleierung ist Teil des Kalküls. Denn wer aus dem Verborgenen agiert, will Verunsicherung erzeugen, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen.

Am Kassel Airport soll in Kooperation mit der TU Darmstadt ein Drohnenkompetenzzentrum entstehen. Inwiefern ist das nach den jüngsten Ereignissen noch relevanter geworden?

Das Projekt gewinnt durch die Ereignisse der vergangenen Tage erheblich an Bedeutung. Am Kassel Airport entsteht mit acht Millionen Euro Landesförderung und der wissenschaftlichen Expertise der TU Darmstadt genau das, was uns fehlt, nämlich eine dauerhaft verfügbare Testumgebung unter realen Bedingungen. Detektions- und Abwehrtechnik lässt sich nicht am Schreibtisch entwickeln, sie muss im echten Flugbetrieb erprobt werden. Die hessische Polizei verfügt seit 2019 über ein eigenes Kompetenzzentrum Drohnen bei der Polizeifliegerstaffel in Egelsbach. Diese Fähigkeiten miteinander zu verbinden, ist nach dem Vorfall in Leipzig nicht weniger, sondern deutlich dringlicher geworden. Der Standort Nordhessen wird damit zu einem Innovationsmotor für die technologische Souveränität unseres Landes.

Digitalministerin Dr. Kristina Sinemus übergibt Förderbescheid für das Drohnenkompetenzzentrum am Kassel Airport, Drohnenkompetenzzentrum

Drohnen in Calden: Digitalministerin Dr. Kristina Sinemus übergab am Mittwoch (5. August) den Förderbescheid für das Drohnenkompetenzzentrum am Kassel Airport. © Foto: Ulf Schaumlöffel

Würden Sie es begrüßen, wenn Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall am Kassel Airport militärisch forschen, was bisher durch die Zivilklausel an den Universitäten erschwert wird?

Die sicherheitspolitische Lage hat sich fundamental verändert. Eine Zusammenarbeit von Wissenschaft, Sicherheitsbehörden, einschließlich des Militärs und Industrie, halte ich deshalb für selbstverständlich und notwendig. Die Zivilklausel ist aus meiner Sicht aus der Zeit gefallen.

Inwiefern müssen sich Behörden und Bürger auch in Hessen stärker als bislang mit der gestiegenen Gefahr hybrider Angriffe auseinandersetzen?

Auch wenn Hessen die Herausforderungen bislang dank leistungsfähiger Sicherheitsbehörden recht gut bewältigen konnte, dürfen wir nicht übersehen, dass unser Bundesland wegen seiner Bedeutung für Wirtschaft, Verkehr und Logistik, wegen des Internetknotens, des Flughafens in Frankfurt und wegen bedeutender militärischer Liegenschaften ein potenzielles Angriffsziel ist. Die Zahlen unseres Landesamtes für Verfassungsschutz sprechen eine deutliche Sprache. Die Verdachtsfälle mit Russland-Bezug haben sich seit Beginn des russischen Angriffskrieges mehr als verdoppelt auf über 2.000 Fälle. Bei Verdachtsfällen mit Iran-Bezug erwarten wir in diesem Jahr einen Anstieg um mehr als 45 Prozent auf rund 800 Fälle. Und im ersten Quartal 2026 haben wir einen deutlichen Zuwachs bei Ausspäh- und Sabotagesachverhalten sowie bei Sachverhalten mit Drohnenbezug verzeichnet.

Roman Poseck (CDU) Innenminister von Hessen

Roman Poseck (CDU), seit 2024 hessischer Innenminister. © Andreas Arnold/dpa

Roman Poseck (56) ist seit 2024 Hessischer Minister des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz. Zuvor war der CDU-Politiker, der aus dem Rheinland stammt, Justizminister in Wiesbaden. Von 2012 bis 2022 stand er als Präsident dem Oberlandesgericht Frankfurt vor. Poseck hat Rechtswissenschaften in Gießen und Utrecht studiert. Er ist verheiratet und lebt in Limburg.

Kann die Politik mit dieser Entwicklung überhaupt Schritt halten?

Wir haben darauf frühzeitig reagiert. Mit dem neuen Polizeirecht verfügt die hessische Polizei seit Ende 2024 über eine Rechtsgrundlage zur Abwehr von Drohnen sowie über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Videoüberwachung. Mit der Novelle des Verfassungsschutzgesetzes haben wir die Online-Durchsuchung ermöglicht. Und mit der heute vorgestellten Neuausrichtung des Landesamtes für Verfassungsschutz bekommt Hessen eine eigene Abteilung für Spionageabwehr und hybride Bedrohungen, eine Abteilung Operative Aufklärung und eine Kompetenzstelle Wirtschafts-, Wissenschafts- und Behördenschutz. Durch die Neuausrichtung wird die Arbeit unseres Verfassungsschutzes noch schlagkräftiger, effektiver und zeitgemäßer. 

Eine Drohne fliegt am Kassel Airport. Dort, am Drohnenkompetenzzentrum, forschen Wissenschaftler daran, wie sie unsere Infrastruktur schützen können.

Eine Drohne fliegt am Kassel Airport. Am neu geschaffenen Drohnenkompetenzzentrum erforschen Wissenschaftler, wie sie die Infrastruktur schützen können. © HDKZ/Sascha Mannel

Was kann jeder Einzelne tun?

Für die Bürger heißt es jetzt vor allem wachsam, aber nicht ängstlich zu sein. Wer ungewöhnliche Drohnenflüge über Betriebsgeländen, Bahnanlagen, Umspannwerken oder Kasernen beobachtet, sollte die Polizei verständigen.

Mit dem Flughafen Frankfurt liegt einer der größten europäischen Airports in Hessen. Wie gut sehen Sie ihn vor Anschlagsgefahren geschützt?

Der Flughafen Frankfurt ist eine der am besten gesicherten Anlagen in Deutschland. Bundespolizei, hessische Polizei und der Betreiber arbeiten dort seit Jahren eng verzahnt, es gibt abgestimmte Lagebilder, gemeinsame Übungen und ein hohes Schutzniveau im konventionellen Bereich. Ich sage aber ebenso deutlich, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt und dass gerade die Drohnenabwehr eine Aufgabe ist, an der Bund und Länder weiter gemeinsam arbeiten müssen.