Hilfe für Bahnkunden: Mehr Tarifdschungel, weniger Beratung


Hilfe für Bahnkunden Mehr Tarifdschungel, weniger Beratung

Zweibrücken · Warum das Tui-Reisecenter in Zweibrücken den Verkauf von Bahn-Fahrkarten drastisch zurückfährt.

12.08.2026 , 18:35 Uhr

Zweibrücker, die ihre Bahntickets bei einem echten Menschen kaufen wollen, müssen künftig weitere Wege in Kauf nehmen.

Zweibrücker, die ihre Bahntickets bei einem echten Menschen kaufen wollen, müssen künftig weitere Wege in Kauf nehmen.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Flexpreis, Super-Sparpreis, Sparpreis mit Zugbindung, altersabhängige Extras, drei verschiedene BahnCard-Stufen und täglich schwankende Rabatte: Die Bahn macht es ihren Kunden mit dem Fahrkartenkauf nicht leicht. Darauf immerhin ist – anders als auf die Pünktlichkeit der Züge – Verlass. Bisher ist auch Verlass darauf, dass man auf Wunsch Orientierungs- und Entscheidungshilfe bekommen kann, bevor man sich für eine Fahrkarte entscheidet. In Zweibrücken geht das im Tui-Reisecenter in der Gutenbergstraße. Aber nur noch bis 31. August. Dann werden Bahnkunden auf das Internet umsteigen oder ins nächste Reisecenter in Homburg fahren müssen.

Ärger über neues Bahn-System

Hintergrund ist die Umstellung des Bahn-Vertriebssystems, erläutert Achim Lehnen. Er ist Inhaber des Zweibrücker Tui-Reisecenters. Reisebüros, die wie Lehnen eine DB-Agentur betreiben, müssen dann zwei von der Bahn neu entwickelte Programme für den Nah- und für den Fernverkehr übernehmen. Der Haken: Es fehlt eine Schnittstelle zu den Buchungssystemen der Reisebüros. Hinzu kommen zusätzliche Kosten für die neuen Systeme. „Das bedeutet, dass jeder Fahrkarten- und Reservierungsbeleg künftig manuell einzeln in die Systeme eingepflegt und verbucht werden muss“, verdeutlicht Lehnen. „Bei dem bisherigen Verfahren lief das voll automatisiert.“

Achim Lehnen

Foto: Ralf Linn

Schon heute Service-Gebühr

Für Achim Lehnen „in der heutigen hoch technisierten Zeit ein völlig inakzeptables Verfahren“. Das produziere Mehrarbeit, die er und seine Mitarbeiter nicht mehr stemmen können. Zumal die Deutsche Bahn den Agenturen seit Jahren immer weniger Vermittlungsprovision zahle, was auch der Grund für die Service-Entgelte sei, die Reisebüros zwangsläufig erheben müssen, um zumindest kein Verlustgeschäft zu machen. Lehnen nennt auf Merkur-Nachfrage die Summe von fünf Euro.

Er habe versucht, in seinem Büro immer das komplette Sortiment anzubieten, unterstreicht Lehnen. Vor allem für Bahnreisende sei das Tui Reisecenter mittlerweile die einzige personenbesetzte Fahrkarten-Verkaufsstelle in Zweibrücken. Dieser Verantwortung sei er sich immer bewusst gewesen. Obwohl sein Unternehmen zuletzt in diesem Bereich „gerade mal kostendeckend“ gearbeitet habe.

Schluss nach 65 Jahren

Damit ist nun Schluss. Nach 65 Jahren Fahrkartenverkauf, wie Lehnen betont. So wird das Programm für den Fernverkehr zum 31. August eingestellt. Nahverkehrs-Fahrkarten sind noch bis zum 9. Dezember im Tui-Reisecenter erhältlich. Für etliche Zweibrücker dürfte das eine – trotz der aktuellen Temperaturen – kalte Dusche der unangenehmen Art sein. Denn bisher hat Lehnens Reisebüro nach seinen Angaben jedes Jahr „einige tausend“ Fahrkarten verkauft.

Ein kleines Schlupfloch hat Lehnen jedoch für sein Reisebüro gefunden. So bietet der Herausgeber seines Reservierungsprogrammes ein Modul, über das zumindest Fernverkehrsfahrkarten und Ländertickets, wie zum Beispiel das Rheinlandpfalz-Ticket oder das Quer-durchs-Land-Ticket, weiterhin ausgestellt werden können. Verbundtickets oder das Deutschlandticket sind nicht im Angebot enthalten.

Schlupfloch mit Schwächen

Dieses Schlupfloch hat allerdings auch wieder einen Haken: Die Reisebüros bekommen für den Verkauf solcher Fahrkarten keine Vermittlungsprovision mehr. Darum müsse man höhere Service-Entgelte verlangen, bittet Lehnen um Verständnis. „Ich hätte gerne das Angebot in der bisherigen Form weitergeführt, jedoch hat die DB andere Pläne.“ Die Alternative ist für den Zweibrücker Endverbraucher künftig das Internet oder der Fahrkartenautomat.

Antwort der Bahn

Die Bahn-Pressestelle antwortet auf Merkur-Anfrage mit einer klassischen Ablenkungsstrategie (die komplette Antwort steht im Infokasten). So geht sie mit keinem Wort auf die konkreten Vorwürfe (fehlende Buchhaltungs-Schnittstellen, manueller Mehraufwand, sinkende Provisionen) ein. Stattdessen spricht sie von Digital-Buchungen in Höhe von 90 Prozent (Fernverkehr) beziehungsweise 80 Prozent (Nahverkehr), rühmt die Modernisierung der getrennten Systeme durch ein gemeinsames System und die Partnerschnittstelle als Bindeglied, das Angebote überall gleich und schnell verfügbar macht. Zwischen den Zeilen steht da, provokant formuliert: „Der persönliche Ticketverkauf im Reisebüro ist für uns ein sterbendes Geschäftsmodell. Die überwältigende Mehrheit der Kunden kauft online. Den Rest nehmen wir noch mit, aber wir stecken da keine große Energie oder Extrawünsche mehr hinein. Die Plattform ist jetzt für unsere Bedürfnisse optimiert. Wer sich nicht an unsere Abläufe hält, wird eben aussortiert oder hat mehr Arbeit.“

Diese Einstellung entspricht dem Eindruck von der Bahn, den Achim Lehnen im Gespräch vermittelt. „Die Bahn hat uns Anfang des Jahrs vor vollendete Tatsachen gestellt und bietet uns zwei Programme an, die nicht akzeptabel sind“, sagt er.

Also wird der Ticketverkauf in Zweibrücken drastisch zurückgefahren. Und die Verbraucher werden noch mehr auf die digitalen Produkte des Konzerns gedrängt, der sicher nicht zufällig 2024 vom Verein Digitalcourage für seinen Datenhunger mit einem Big Brother Award ausgezeichnet wurde.