Vom "Kuhkaff" zur Heimat: Wie ein Pfarrer Köthen mit Humor und Vielfalt neu entdeckt
Gegen Vorurteile und Klischees
Vom "Kuhkaff" zur Heimat: Warum Pfarrer Martin Olejnicki in Köthen bleibt
Stand: 12.08.2026 18:34 Uhr
Als Martin Olejnicki vor 13 Jahren nach Köthen geschickt wird, glaubt er nicht, dass er lange bleiben wird. Heute sagt der Pfarrer: Die Stadt ist seine Heimat. Seine Geschichte zeigt, warum viele Vorurteile über Köthen nicht zur Wirklichkeit passen.
von Katja Herr, MDR SACHSEN-ANHALT
Ein Junge hängt mehrere Meter über dem Boden. Unten sichert ihn Pfarrer Martin Olejnicki. "Du fasst nur das Seil an, was auf dich zukommt", ruft er nach oben. Wenig später ist das Ziel erreicht. Der Schüler strahlt. Dass Kinder und Jugendliche in einer Kirche klettern, überrascht viele Besucher.
Kinder und Jugendliche können in der St.-Agnus-Kirche in Köthen auch klettern.
Die Kletteranlage in der St.-Agnus-Kirche gehört zu den ungewöhnlichsten Projekten der Stadt. Für Olejnicki ist sie ein Sinnbild für das, was Köthen ausmacht: Menschen überraschen und neue Perspektiven ermöglichen. "Wenn Touristen vorbeikommen, laufen sie oft erst weiter, kommen dann zurück und fragen: Was macht ihr denn hier?", erzählt der Pfarrer. "Das Unerwartete gehört zu diesem Ort."
Das Unerwartete gehört zu diesem Ort. Martin Olejnicki, Pfarrer
Aus drei Pflichtjahren wurde ein Zuhause
Als Martin Olejnicki 2013 nach Köthen kommt, hat er andere Pläne. Die Evangelische Landeskirche Anhalt schickt ihn in die Stadt. Drei Jahre soll er hier sein Vikariat ableisten. Für sich, seine Frau und das gemeinsame Kind sucht er aber eigentlich einen Ort, an dem die Familie dauerhaft ankommen kann. Köthen zählt zunächst nicht dazu. "Die erste Reaktion war: Oha, Kuhkaff Köthen. Bist du dir sicher?", erinnert sich Olejnicki. Viel Mitspracherecht habe es nicht gegeben. "Die Landeskirche sagt, da geht's hin."
Pfarrer Martin Olejnicki schätzt Köthen.
Doch schon bald merkt der heute 42-Jährige, dass viele Vorurteile über Köthen wenig mit der Realität zu tun haben. Auch bei ihm selbst. Wer an Köthen denkt, hat oft Klischees im Kopf: eintönige Kleinstadt, verstaubte Geschichte, schwierige Infrastruktur. Doch vor Ort zeigt sich eine deutlich lebendigere und überraschendere Stadt, als der erste Blick vermuten lässt.
Mehr als Bach – und mehr als Klischees
Kulturmenschen denken bei Köthen zuerst an Johann Sebastian Bach. Der Komponist wirkte hier sechs Jahre als Hofkapellmeister unter dem musischen Fürsten Leopold. In der Agnuskirche empfingen er und seine Frau einst das Abendmahl. Viele verbinden die Stadt dagegen mit ganz anderen Schlagzeilen. Bereits während seines ersten Theologiepraktikums erlebt Olejnicki das selbst. Als er erzählt, dass er aus Köthen kommt, fällt nicht der Name Bach. "Der erste Kommentar war: Ach, da, wo die 'Ritters' herkommen."
Jeder, der in Köthen lebt, möchte nicht darauf reduziert werden. Fragt nach Bach, nach Hahnemann oder Naumann – aber bitte nicht nach Karin Ritter. Martin Olejnicki, Pfarrer
Gemeint ist die Familie Ritter, deren Leben und ausländerfeindliche Hetze über zwei Jahrzehnte im Privatfernsehen ausführlich zu verfolgen waren. Die Berichte prägten bundesweit das Bild der Stadt. "Ich kannte die damals gar nicht", sagt Olejnicki. Erst später schaut er sich die Sendungen an und ist geschockt. Sein Eindruck: Die Familie sei zum negativen Symbol für eine ganze Stadt geworden. "Jeder, der in Köthen lebt, möchte nicht darauf reduziert werden. Fragt nach Bach, nach Hahnemann oder Naumann – aber bitte nicht nach Karin Ritter."
Wie Köthen 2018 zusammenhielt
2018 steht Köthen erneut bundesweit im Fokus. Mittlerweile ist Martin Olejnicki Kreisjugendpfarrer. Nach dem Tod eines 22-jährigen Kötheners nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit zwei afghanischen Asylbewerbern organisieren Neonazis, Hooligans und AfD-Mitglieder Demonstrationen in der Stadt. Wochenlang bestimmen diese Bilder, gepaart mit ausländerfeindlichen Parolen, die Berichterstattung. Für Martin Olejnicki sind es intensive Wochen. "Jeden Abend haben wir uns im Rathaus getroffen und überlegt: Was machen wir jetzt?“ Kirchen, Stadtverwaltung, Vereine und viele Ehrenamtliche organisieren Mahnwachen und friedliche Aktionen.
Für den Pfarrer zeigt sich gerade in dieser Krise die Stärke der Kleinstadt. "Im Rückblick habe ich die Zeit trotzdem gut in Erinnerung. Wir haben damals die Erfahrung gemacht: Wir kennen uns hier. Und wenn es darauf ankommt, arbeiten wir zusammen. Da haben wir alle Vorteile einer Kleinstadt ausgespielt!" Letztlich haben ihn die Ereignisse von 2018 sogar noch enger mit Köthen verbunden.
Mit Humor gegen Vorurteile
Dass die Stadt oft als "Kuh-Köthen" bezeichnet wird, nehmen viele Einwohner inzwischen gelassen. Gemeinsam mit Julian Miethig und Stephan B. Westphal produziert Martin Olejnicki den Podcast "Über Köthen". Dort wird auch über solche Klischees gesprochen – meist mit einer Portion Selbstironie und viel Humor. "Wir könnten aufs Ortsschild ja 'Kuhstadt Köthen' schreiben", scherzen die drei im Podcast. Viel wichtiger ist ihnen aber zu benennen, wie vielfältig die Stadt tatsächlich ist und überhaupt nicht langweilig.
Pfarrer Olejnicki produziert auch einen Podcast über Köthen.
Köthen überrascht mit Vielfalt
Denn Köthen ist ein wichtiger Standort der Hochschule Anhalt, an der fast 6.500 Studierende aus rund 100 Ländern eingeschrieben sind. Auch das hat Martin Olejnicki anfangs nicht gewusst: "Als ich das erste Mal im Supermarkt in Köthen war, ist mir aufgefallen, die hatten ein unglaubliches Sortiment von asiatischen Lebensmitteln. Ich dachte, hä? Drei Sorten Sushi-Reis, vier verschiedene Sojasoßen bei Norma?"
Heute tritt der Kreisjugendpfarrer und Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde St. Jakob sehr aktiv gegen die Klischees von außen an. So bietet er ausdrücklich auch gleichgeschlechtlichen Paaren an, sich in der Jakobskirche trauen zu lassen.
Und Martin Olejnicki nimmt im Juli 2026 auch am Christopher Street Day der Stadt teil. Zusammen mit der queeren Community von 300 Leuten tanzt er an einem sonnigen Samstag mit Fächer und bunt bedrucktem T-Shirt durch die Kleinstadt. "Ich gehöre nicht zum engeren Kreis, aber ich bin ganz absichtlich auf dem Köthener CSD. Die Szene hier ist sehr klein. Viele verstecken sich, obwohl sie ja da sind. Dieses Land ist aber durch seine Vielfalt stark geworden. Keiner soll Angst haben, sich zu zeigen." Für ihn gehört dieses Engagement genauso zu seinem Verständnis von Kirche wie die Arbeit mit Kindern oder die Bewahrung des kulturellen Erbes.
Für Pfarrer Martin Olejnicki gehört Engagement beim CSD zu seinem Verständnis von Kirche.
Warum Martin Olejnicki heute gern in Köthen lebt
Vor 13 Jahren kam Martin Olejnicki nach Köthen, weil er sollte. Geblieben ist er, weil er wollte. Aus den drei Pflichtjahren wurde ein Zuhause. Inzwischen sind auch zwei weitere Kinder dazugekommen. Aus anfänglicher Skepsis entstand Verbundenheit. Für den Pfarrer ist das vielleicht die wichtigste Erfahrung: Die Stadt ist nicht das, was viele von außen in ihr sehen. Wer Köthen wirklich kennenlernen will, muss bleiben, mit den Menschen sprechen und genauer hinschauen. Erst dann zeigt sich das Gegenteil vieler Vorurteile.
"Man muss theoretisch Köthen nicht verlassen, um alles zu bekommen, was du brauchst zum Leben. Das ist charmant. Man schafft zu Fuß die ganze Innenstadt ohne Wandermarke … und: Wir haben eine wunderschöne Kirche, da möchte ich auch nicht wieder weg. Das ist für mich tatsächlich ein Heimatsort geworden."
MDR (Cornelia Winkler), zuerst veröffentlicht am 11. August 2026