Historiker Rudolf Müllner: "Die USA und vor allem Trump haben von der WM massiv profitiert"
WM 2026
Historiker Rudolf Müllner: "Die USA und vor allem Trump haben von der WM massiv profitiert"
Für den Sportwissenschafter ist die WM "eine Riesenerzählung mit vielen Suberzählungen" und in ihrer "Gigantomanie" nur der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die vor einem Jahrhundert begann
Interview
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Fritz Neumann
Der Historiker Rudolf Müllner ordnet die WM 2026 als "größte Show, die es je gegeben hat", ein. Eine klassische österreichische Suberzählung sei, dass Österreich nur gegen den Weltmeister und den Vizeweltmeister verlor. Sollte Spanien das WM-Finale gewinnen, werde die Siegerehrung mit Donald Trump besonders spannend.
STANDARD: Wir haben uns während dieser WM schon einmal kurz unterhalten, nämlich über den WM-Modus, der eine Neuauflage der "Schande von Gijon" zumindest möglich gemacht hatte. Das war vor Österreichs Spiel gegen Algerien. Seither ist sehr viel passiert – aus österreichischer Sicht zunächst einmal genau dieses Spiel mit dem packenden Finish. Frage: Hat diese Partie wirklich das Potenzial, sich im kollektiven Gedächtnis zu verankern?Müllner: Das waren schon enorm dramatische Minuten. Es steht 2:2, alle denken sich, da passiert nichts mehr, das ist gegessen. Dann schießt Mahrez das 3:2 für Algerien, später sagt er fast entschuldigend, er konnte nicht anders, weil er dem Spiel verpflichtet sei. Alle denken, das ist es jetzt für Österreich. Aber: Flanke Sabitzer, Kopfball Gregoritsch, Tor Kalajdžić. Das ist eine in sich schon sehr originelle, einzigartige Geschichte. Natürlich wird sie als Episode oft wiederholt werden. Was ihr wahrscheinlich fehlt, ist das erzählerische Sahnehäubchen. Das wäre anders, wenn Österreich gegen Spanien gewonnen hätte. So hat Österreich die nächste Runde erreicht, ist dann aber ausgeschieden.
STANDARD: Ich könnte dem entgegenhalten, dass es beim 3:2 Österreichs gegen Deutschland 1978 in Córdoba auch kein Sahnehäubchen gab. Da gab es nicht einmal ein weiteres Spiel, Österreich flog nach dem Match, halt gemeinsam mit den Deutschen, nach Hause.
Müllner: Aber es gab einen größeren Rahmen. Córdoba war außergewöhnlich, weil es einer dieser raren Erfolge über Deutschland war. Dazu das "I wer narrisch" von Radioreporter Edi Finger. Beim "I wer narrisch" kommt auch noch dazu, dass es damals eine Tabuverletzung war im Sinne dessen, was in einem öffentlichen Medium überhaupt sagbar war. Heute ist die Tabuverletzung ein gezielt eingesetztes Werkzeug, um ein Mehr an Aufmerksamkeit zu erzielen.
STANDARD: Wenn wir die österreichische Brille ablegen: Was bleibt von dieser WM?
Müllner: Das Bemerkenswerte ist ihre unfassbare Ausdehnung, die Gigantomanie. Die drei Veranstalterländer, das auf 48 Nationen ausgedehnte Teilnehmerfeld, die Medienpräsenz, die überwältigenden Stadien sowie die Millionen Flugkilometer. Die USA als Hauptgastgeber und vor allem Präsident Donald Trump haben von der WM massiv profitiert.
STANDARD: Trump wird sich bei der Siegerehrung wieder in den Vordergrund drängen. Während der WM trat er selten in Erscheinung, eigentlich nur ein einziges Mal, als er Fifa-Präsident Gianni Infantino anrief, um eine Spielberechtigung für den gesperrten US-Angreifer Balogun zu erwirken. Hat Trump mit diesem Skandal nicht großen Schaden angerichtet?
Müllner: Vielleicht hat Trump damit dem US-Team geschadet, das bis dahin sehr gut performt hatte. Aber innenpolitisch war die Aktion für Trump ein großes Asset. Er hat vermittelt: Ich, der draußen in der Welt die Kriege führt, kümmere mich quasi an allen Fronten um die amerikanische Nation, sogar auf dem Terrain des Fußballs. Nach außen hin war diese politische Einmischung ein riesiger, noch nie dagewesener Tabubruch. Und damit, dass er das Telefonat zugegeben hat, hat er noch mehr Aufmerksamkeit erregt. Die gezielte Grenzüberschreitung ist sein politisches Alltagsgeschäft. Damit kennt er sich aus.
STANDARD: Da Trump bei der Fifa damit durchgekommen ist, war zumindest in Europa die Empörung über Infantino riesig.
Müllner: Na ja. Andererseits wundert man sich, dass es innerhalb der Uefa nicht mehr Geschlossenheit gegenüber Infantino gibt. Die WM ist ja insgesamt klar europäisch dominiert, Europa sollte doch viel Gewicht haben. Doch da gibt es nur Einzelne, die ihre Stimme erheben, allen voran Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness. Mit Abstrichen die Deutschen. Was der ÖFB-Chef Josef Pröll gesagt hat, klang schon relativ diplomatisch, das war nicht wahnsinnig scharf.
STANDARD: Infantino betont oft, dass ihm jedes Land, also jedes Fifa-Mitglied, gleich viel wert sei. Und tatsächlich hat bei Abstimmungen jedes Mitgliedsland eine Stimme, egal ob es jetzt Aruba oder Argentinien, San Marino oder England heißt. Infantino hat sich die Stimmen vieler kleinerer Verbände gesichert, dem Vernehmen nach ist seine Wiederwahl 2027 praktisch schon fix.
Müllner: Die Fifa macht aus dem Ablauf ihrer Generalversammlungen gar kein Geheimnis, davon gibt es Videos, das kann man sich ansehen. Aber das sind mächtige Inszenierungen, alles ist orchestriert. 2022 in Katar hat Klaveness eine berühmte, nicht einmal besonders angriffige Rede gehalten, Klaveness hat sich für Menschenrechte eingesetzt und deren Bedeutung in Katar hinterfragt. Ihre Rede wurde nicht besonders gut aufgenommen. Der ihr folgende Redner hat sie geradezu abgekanzelt. Klaveness wurde von den anderen Europäern ziemlich allein gelassen. Das Problem liegt aber tiefer und ist ein grundsätzliches.
STANDARD: Nämlich?
Müllner: Die Fifa ist eine Mitgliederorganisation, die aus einem freiwilligen Zusammenschluss von Landesverbänden entstanden ist. In der Zwischenzeit ist sie jedoch ein milliardenschwerer, global operierender Entertainmentkonzern geworden, indem die internen und externen Steuerungs- und Kontrollmechanismen nicht entsprechend mitgewachsen sind. Darüber hinaus verfügt sie über eine Monopolstellung. Die Fifa hat, wie der britische Sportwissenschafter Alan Tomlinson nachweist, sowohl die regulatorische als auch die finanzielle Kontrolle über das Spiel. Daraus entsteht diese Schieflage zwischen ethischem Anspruch an den Sport und der ökonomisch politischen Verwertung des Spiels. Historisch kann man das etwa schon an der Ära João Havelange von 1974 bis 1998 studieren. Havelange brachte das große Geld in die Mitgliederorganisation und gleichzeitig auch 22 Millionen Dollar illegaler Zahlungen auf die Privatkonten von sich und seinem Schwiegersohn Ricardo Teixera.
STANDARD: Auch die Kritik wegen der Trump-Einmischung perlte an der Fifa einfach ab. Hat der eine Präsident, Infantino, einfach den anderen, Trump, kopiert? Kann auch Infantino tun und lassen, was er will?
Müllner: Da gibt es eine Verwandtschaft im Geiste. Beide wirken extrem rücksichtslos im Durchsetzen ihrer Interessen. Sie haben eine neue Qualität der Schamlosigkeit etabliert, die manche als taktisches Geschick interpretieren. Insofern ergänzen sie sich gut. Infantino hat Trump einiges aufgelegt. Sie haben enorm viel Macht und enorm viel Geld. Aber sie haben auch viele Feinde.
STANDARD: Wird sich Trump am Sonntag bei der Siegerehrung irgendwann aus dem Bild begeben?
Müllner: Die Siegerehrung wird spannend – vor allem, wenn Spanien gewinnen sollte. Man erinnere sich, wie Trump über die Spanier hergezogen ist, wie er sie als "hopeless" und "bad people" attackiert und ihnen gedroht hat. Ich nehme an, im Falle eines spanischen WM-Titels würde er da locker drübermoderieren. Aber vielleicht wird auch interessant, wie die Spanier ihm begegnen.
STANDARD: Sind die von der Fifa als Hydration Breaks titulierten Werbepausen und die Halbzeitshow beim Finale einfach nur eine logische Entwicklung?
Müllner: Darüber kann man sich aufregen, wie man will. Da geht es um wirtschaftliche Interessen, die beinhart durchgesetzt werden. Drei Minuten in jeder Spielhälfte, das ist enorm viel Zeit, diese Pausen bringen so viel Geld! Natürlich kann man sagen: Das ist nicht mehr unser Fußball. Natürlich kann man zum Wiener Sportclub, zur Vienna und zu Austria Salzburg gehen. Aber wenn wir den Fernseher aufdrehen, wenn wir zusehen und wenn wir darüber reden, sind wir schon Teil davon. Das zweite Semifinale haben mehr als eine Milliarde Menschen gesehen.
STANDARD: Die Fifa und Infantino werden die WM als großen Erfolg verkaufen.
Müllner: Aus seiner Sicht hat er damit ja sogar Recht. Die WM war die global größte Show, die es je gegeben hat. Es gibt aktuell kein anderes Ereignis, das annähernd so viele Menschen betreffen oder interessieren würde – auch keinen Krieg.
STANDARD: Die WM 2030 findet hauptsächlich in Spanien, Portugal und Marokko statt, aber auch in Uruguay, Argentinien und Paraguay soll gespielt werden. Sprich: auf drei Kontinenten. Wahrscheinlich wird das Feld auf 64 Länder aufgestockt. Wohin führt das alles noch?
Müllner: Die Fifa kann von einer wunderbaren Inszenierung der globalen Eintracht reden. Dass es viele gute Partien gab und sich auch einige Außenseiter gut verkauft haben, sind Argumente für eine weitere Vergrößerung. Was die Kommerzialisierung angeht, ist die WM der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die vor einem Jahrhundert begann. Damals gab es einerseits ein olympisches Fußballturnier, andererseits die Professionalisierung des Fußballs, die nicht zuletzt der österreichische Teamchef Hugo Meisl vorangetrieben hat. In Folge löste sich der Fußball aus dem olympischen Amateursport heraus, deshalb kam es 1930 zur ersten WM in Uruguay. Und die WM 1934 in Italien hat Mussolini dann schon in einer Form für sich benutzt, die den Trump von 2026 klar in den Schatten stellt.
STANDARD: Wie lautet Ihre Kurzbeschreibung der WM 2026?
Müllner: Die WM ist eine Riesenerzählung mit vielen Suberzählungen. Eine Riesenerzählung, die Milliarden Menschen berührt – von der Akademikerin bis zum Arbeiter. Alles, was die menschliche Existenz ausmacht, wird auf dieser Bühne gespielt: Glück, Unglück, Politik, Taktik, Spannung, Leistung. Diese Erzählung ist zur Ware und zum politischen Kalkül geworden, aber nicht erst jetzt.
STANDARD: Eine Suberzählung aus österreichischer Sicht ist, dass Österreich nur gegen den Weltmeister und gegen den Vizeweltmeister verloren hat.
Müllner: Das ist unser i-Tüpfelchen. Eine klassische österreichische Erzählung, die so beginnt: Wenn wir nur etwas mehr Auslosungsglück gehabt hätten, dann … ja, dann hätten wir jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit auch keinen zusätzlichen Feiertag. (Fritz Neumann, 18.7.2026)
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