Mit der Quaggamuschel wächst ein Alien in Österreichs Seen – leider kein freundliches
Biologische Invasion
Mit der Quaggamuschel wächst ein Alien in Österreichs Seen – leider kein freundliches
Die Quaggamuschel verstopft Rohre und kann einen Badetag zu einer schmerzhaften Erfahrung machen. Ein Lokalaugenschein zeigt, warum sie sich so schwer aufhalten lässt
Reportage
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Lukas Kapeller
Christina Hainzl schreitet energisch ans Ufer. Die Wirtin ruft über den See: "Liebe Stand-up-Paddler! Verboten! Runter vom See!" Zwei Sekunden Stille. Dann paddeln die zwei Männer reumütig zum Ufer und verlassen das Wasser. Hainzl, Wirtin der Jausenstation am Südufer des Offensees, ist zufrieden. Zumindest vorläufig. Der kleine Offensee in Oberösterreich ist, anders als sein Name vermuten lässt, für Bootsfahrer und Stand-up-Paddler nicht mehr offen. Der Grund: die Invasion der Quaggamuschel.
Das Land Oberösterreich hat Bootfahren und Stand-up-Paddeln in kleinen Bergseen wie dem Offensee mittlerweile verboten. Denn Boote und Sportgeräte gelten als Träger für die Quaggamuschel. Seewirtin Hainzl hilft tatkräftig mit, dass der Offensee frei von der invasiven Muschel bleibt. "Wenn die Quaggamuschel den Seegrund überzieht, kippt der See", befürchtet sie. "Dann muss ich meine Jausenstation zusperren."
Problemmuschel
Was ist die Quaggamuschel eigentlich – und warum bereitet sie Österreichs Tourismus ebenso wie Forschenden so große Sorgen? Ursprünglich lebte sie in Zuflüssen zum Schwarzen Meer, wohl über Schiffe wurde sie in den 2010er-Jahren nach Österreich eingeschleppt. Entdeckt wurde sie bisher in Seen in Kärnten, Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg – zuletzt auch in der Alten Donau in Wien.
Für Badegäste bedeutet die Quaggamuschel, dass sie sich an ihrer scharfen Oberkante leicht die Füße aufschneiden können. Für Betriebe, die Seewasser nutzen, kann die Muschel große Kosten verursachen, weil sie etwa Rohre verstopft.
Die Quaggamuschel greift tief ins Ökosystem eines Sees ein – und sie vermehrt sich ständig, solange das Wasser nicht kälter als fünf Grad Celsius wird. Die invasive Muschel filtert so viel Plankton aus dem See, dass dieses zum Beispiel Wasserflöhen als Nahrung fehlt. Diese Tierchen sind wiederum Futter für Fische, weshalb die Fischbestände in heimischen Seen zu sinken drohen.
In tiefen Seen ergeht es der Muschel am besten – dort wird sie nur in kleiner Zahl von Wasservögeln und Fischen gefressen. Piet Spaak, pensionierter Wissenschafter der Schweizer Wasserforschungsanstalt Eawag, warnt: "Wo die Muschel sich ansiedelt, beginnt sie, das Ökosystem zu dominieren."
Kleine Seen oft noch verschont
Nikolaus Schobesberger, Gewässerökologe beim Land Oberösterreich, reißt sich das T-Shirt vom Körper und hüpft in den Traunsee. Beim Lokalaugenschein mit dem STANDARD will er vor Augen führen, wie verbreitet die Muschel im Traunsee schon ist. Und tatsächlich: Innerhalb von zwei Minuten holt Schobesberger mehrere Handvoll der dunklen Muscheln aus dem Wasser.
Das Land Oberösterreich führt seit 2023 in 23 Seen ein Monitoring der Quaggamuschel durch. Die Erkenntnis: In den meisten großen Seen wuchert die Muschel schon, aber viele kleine Seen sind noch verschont.
Abwehrkampf
Das Land Oberösterreich unternimmt einiges, damit das so bleibt: Social-Media-Postings, Verbotsschilder an den Ufern; an starken Badetagen am Wochenende kommt sogar die Naturwacht vorbei und schaut, ob eh keine Paddel-Boards, Boote oder auch Luftmatratzen in die kleinen Seen gleiten. Denn über die winzigen Larven an der Ausrüstung kann die Muschel von See zu See geschleppt werden. Sportgeräte, Tauchanzüge und Badesachen sollten mit heißem Wasser sorgfältig gereinigt und an der Sonne getrocknet werden, rät das Landwirtschaftsministerium.
Im Prinzip darf "kein Tropfen Wasser" von einem See in einen anderen gelangen, sagt der niederländische Quaggamuschel-Experte Spaak. Ist der Kampf gegen die Ausbreitung der invasiven Muschel nicht aussichtlos? "Natürlich ist es ein bisschen ein Kampf gegen Windmühlen, aber Nichtstun ist keine Option", sagt Gewässerökologe Schobesberger. Dass einige Seen inzwischen mehrere Sommer von der Muschel freigeblieben sind, bestärke sein Team. Auch Monika Berger von der Abteilung Naturschutz des Landes Oberösterreich sagt: "Wir müssen unser Bestes geben."
Spaak sagt, alle Parteien könnten sich auf den Kampf gegen die Quaggamuschel einigen, das sei ein Vorteil. Wenn man eher am linken Flügel stehe, wolle man deren Ausbreitung verhindern, um das Ökosystem und die Biodiversität zu schützen. "Wenn man eher am rechten Flügel steht, will man die Muschel stoppen, weil sie schlecht für das Portemonnaie ist", sagt er.
Belasteter Bodensee
Besonders schlimm ist die Lage am Bodensee. Im Anrainerstaat Deutschland gefährdet die Muschel die regionale Trinkwasserversorgung, weil sie Leitungen und Rohre bevölkert. Dies ist in Vorarlberg zwar nicht der Fall, dennoch arbeitet das Bundesland am internationalen Monitoring der Quaggamuschel im Bodensee mit.
In den übrigen Seen Vorarlbergs und auch im Alten Rhein sei die Muschel noch nicht nachgewiesen worden, heißt es vom Umweltinstitut des Landes Vorarlberg. Wegen der Nähe zum Bodensee bestehe aber grundsätzlich das Risiko einer Verschleppung. Die Schweiz, Deutschland und Österreich planen für den Bodensee nun eine Schiffsreinigungspflicht, die zumindest Einschleppungen neuer Arten verhindern soll.
Blick in die Zukunft
Wie stark sich die Quaggamuschel weiter ausbreiten wird, können Wasserforschende recht gut berechnen. Ein Blick in die Zukunft heimischer Seen ist zugleich ein Blick in die Großen Seen Nordamerikas. Dort wurde die Muschel bereits 20 Jahre früher eingeschleppt. Die Biomasse der Quaggamuschel werde etwa im Bodensee bis zum Jahr 2045 um das Neun- bis 20-fache zunehmen, berechneten Forschende der Schweizer Eawag im Jahr 2023.
Eine mechanische Bekämpfung der Muschel, wie sie zu Lande gegen invasive Arten wie den Japanischen Staudenknöterich versucht wird, gilt als aussichtslos. Neue Zahlen zeigen, warum: Das Nassgewicht der Quaggamuscheln im Bodensee liegt laut Berechnungen der Eawag bei 190.000 Tonnen. Die Muschel ist gekommen, um zu bleiben. (Lukas Kapeller, 18.7.2026)
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