Hitze gefährdet Reisernte stärker als gedacht


Klimaerwärmung

Weltweite hitzebedingte Ernteverluste bei Reis wurden bisher offenbar um rund die Hälfte unterschätzt, wie neue Studiendaten zeigen. Denn Hitzewellen und andere extreme Hitzeereignisse wurden in den Modellen bis dato kaum berücksichtigt.

Online seit heute, 8.34 Uhr

Reis ist das Grundnahrungsmittel für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Wie stark die steigenden Temperaturen im Zuge des Klimawandels die weltweiten Ernteerträge gefährden, war bisher aber unklar – Schätzungen aus verschiedenen früheren Untersuchungen lagen oft weit auseinander. Eine neue Studie im Fachjournal „Science Advances“ liefert nun deutlich präzisere Zahlen.

Doppelt so viel Verlust

Das zentrale Ergebnis der Studie: Pro Grad Celsius globaler Erwärmung sinken die Reiserträge im weltweiten Durchschnitt um rund 8,1 Prozent. Bisherige Ertragsmodelle kamen lediglich auf 3,8 Prozent – also knapp die Hälfte. Der Grund für die Diskrepanz: Bisherige Modelle haben Hitzeschäden durch extreme Hitze – etwa durch langanhaltende Hitzewellen – schlicht nicht ausreichend erfasst. „Diese Modelle haben gar keinen Prozess, der so einen Hitzeschaden abbildet, weil der in der Vergangenheit schlicht nicht so wichtig war“, erklärt Koautor Christoph Müller vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Gespräch mit ORF Wissen.

Anders ist das im Modell der aktuellen Studie: Die Forscherinnen und Forscher werteten 214 Beobachtungen aus Freilandexperimenten weltweit aus und verglichen sie mit Simulationen von sieben globalen Ertragsmodellen – mit dem Ergebnis, dass die bisherigen Modelle die Empfindlichkeit der Reispflanze gegenüber extremer Hitze deutlich unterschätzten.

Gefährliche Temperaturen

Aber ab wann genau wird Hitze für Reispflanzen problematisch? Laut Müller bereits bei Temperaturen, die in vielen Anbaugebieten längst Alltag sind: „Ab 30 Grad Tageshöchsttemperatur finden tatsächlich signifikante Reduzierungen des Ertrags statt. Und ab 35 Grad noch deutlich mehr.“

Entscheidend sei dabei die Tageshöchsttemperatur und nicht die Tagesdurchschnittstemperatur. Bereits ein zusätzlicher Hitzetag über 30 Grad kann den Reisertrag laut Studie um 1,1 bis 1,8 Prozent reduzieren – bei einer mehrtägigen Hitzewelle summieren sich diese Verluste entsprechend schnell.

Hitze zur falschen Zeit

Wesentlich ist auch, zu welchem Zeitpunkt Hitze auftritt. Denn die Reispflanze ist nicht in allen Wachstumsphasen gleich empfindlich. „Da ist vor allem die Reproduktionsphase besonders sensitiv. Das ist im Prinzip die Phase, in der die Körner angelegt werden, also in der die Pflanze blüht", erklärt Müller. Sowohl in der Blütephase als auch in der Phase, in der die Körner gefüllt werden, reagieren Reispflanzen deutlich empfindlicher auf Hitze als in der vegetativen Phase davor – also jenem Zeitraum, in dem sich Blätter und Stängel entwickeln.

Größte Einbußen in Asien

Besonders gravierend sind die Auswirkungen extremer Hitze laut der Studie in den großen Reisanbauregionen Süd- und Südostasiens. Für Pakistan, Indien und Bangladesch steigt der geschätzte Ertragsverlust durch die neuen Erkenntnisse von 2,1 auf 6,6 Prozent. Für Thailand, die Philippinen und Myanmar erhöht er sich von 3,7 auf 7,7 Prozent. „Das sind ja bereits Gebiete, die sowieso schon deutlich wärmer sind. Und da sind die Pflanzen insgesamt schon dichter an dem Temperaturmaximum, das sie ertragen können. Bei Hitze-Events kommen sie viel schneller in kritische Temperaturgebiete", so Müller.

Eine Frage der Verteilung

Was bedeutet das aber für die Ernährungssicherheit von Hunderten Millionen Menschen, für die Reis ein Grundnahrungsmittel ist? Müller differenziert hier: Zwar sei die Landwirtschaft gefordert, weiterhin die nötigen Kalorien zu produzieren – die eigentliche Ursache von Hunger und Ernährungsunsicherheit liege aber woanders. Denn auch in Anbetracht der steigenden Temperaturen und zunehmenden Ernteverluste wird es laut Müller möglich sein, in Zukunft insgesamt genug Nahrung für die Weltbevölkerung zu produzieren.

Das laut Müller weit größere Problem: „Wir entscheiden, andere Dinge damit zu tun" – gemeint ist: Ein Großteil der weltweit produzierten Kalorien landet nie auf dem Teller, sondern wird als Tierfutter verwendet oder geht im System verloren. Eine Änderung des Essverhaltens – weg von tierischen Produkten, hin zu einer pflanzenbasierteren Ernährung – würde laut dem Klimafolgenforscher nicht nur die Umwelt entlasten, sondern auch die globale Ernährungssicherheit deutlich verbessern.

Trotzdem seien die sinkenden Reiserträge vor allem für Menschen in einkommensschwächeren Regionen problematisch: „Wenn sich der Reispreis erhöht, weil die Reisproduktion heruntergeht, dann bedeutet das für Menschen, die an der Armutsschwelle leben, dass sie sich den Reis irgendwann nicht mehr leisten können.“

Anpassungen dringend nötig

Das Forschungsteam betont daher auch die Notwendigkeit rascher Anpassungsmaßnahmen – insbesondere solcher, die den Reis während seiner Reproduktionsphase schützen. Dazu zählen die Entwicklung hitzetoleranter Reissorten, angepasste Pflanztermine, optimierte Bewässerung und eine Verbesserung der Bodenqualität.

Die neue Studie unterstreicht jedenfalls, dass die bisherigen Ertragsmodelle dringend nachgebessert werden müssen – und dass Risikoabschätzungen für die globale Ernährungssicherheit auf Basis der neuen Erkenntnisse neu bewertet werden sollten. Denn je wärmer es wird, desto schmaler wird auch das Zeitfenster, in dem Reis, aber auch viele andere landwirtschaftlich relevante Pflanzen, gut gedeihen können.