Hitze in der Türkei: Zwischen Betonburgen und dem Bosporus


Auch in Istanbul schwitzen sich die Menschen durch die Sommerhitze. Wer kann – also die Mittel- und Oberschicht – weicht in Feriendomizile am Meer aus.

Ein Mann springt ins Wasser
Abkühlen im Bosporus: an einem Sommertag in Istanbul, 28. Juli 2026

Foto: Francisco Seco/ap

Jürgen Gottschlich

Es ist Anfang August, die heißeste Zeit im Jahr. Obwohl die Wettervorhersage 33 Grad angekündigt hatte, ist es direkt am Bosporus in Istanbul angenehm kühl. Ein starker Wind vom Schwarzen Meer, die Menschen hier nennen ihn „Poyraz“, weht den Bosporus hinunter ins Marmarameer und sorgt für Temperaturen weit unter den angekündigten. Große Platanen helfen außerdem dabei, dass es auch im Ort überwiegend schattig und angenehm bleibt.

Doch die wenigsten der bald 20 Millionen Menschen, die im Großraum Istanbul leben, erfreuen sich derart angenehmer Bedingungen. Die meisten der immer weiter ins Umland wuchernden Vororte sind Betonburgen, in denen kaum ein Baum steht und die sich in der Sommerhitze entsprechend aufladen. Der vor einem Jahr verhaftete Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu hatte schon vor Jahren versprochen, in diesen Vierteln Grünflächen und Parks anlegen zu lassen. Einige dieser Projekte konnte er realisieren – doch seit seiner Verhaftung und der Hunderter weiterer Mitarbeiter der Stadtverwaltung stocken die Projekte. Die Verwaltung der Stadt läuft nur noch im Notstandsmodus.

Die Hitze zählt da zu den kleineren Problemen. Auch wenn es dazu keine offiziellen Zahlen gib: Die Anzahl der Hitzetoten dürfte weit unter den Annahmen liegen, die es in Deutschland während der letzten Hitzewellen gab. Das liegt natürlich daran, dass sich das Leben in der Türkei seit Langem der Sommerhitze angepasst hat. Von Mitte Juni bis Mitte September schaltet das gesamte Land einige Gänge runter. Schulen und Universitäten haben drei Monate Ferien, auch die Justiz macht eine längere Gerichtspause, das Parlament tagt nicht und die gesamte öffentliche Verwaltung ist dünner besetzt. Wer arbeiten muss, tut das gewöhnlich in klimatisierten Räumen, das gilt natürlich auch für Krankenhäuser, Pflegeheime und so weiter.

Von Mitte Juni bis Mitte September schaltet das gesamte Land einige Gänge runter

Die Städte, insbesondere Istanbul, werden in dieser Zeit auch auffallend leerer. Die Massenmigration vom Land in die Metropolen ist ja oft gerade mal eine Generation her. Viele Familien haben noch enge Kontakte in die Dörfer ihrer Eltern und Großeltern und kehren im Sommer für die heißen Monate dorthin zurück. Die Mittel- und Oberschicht weicht in ihre Feriendomizile am Meer aus.

Bislang keine Monsterfeuer, aber Wassermangel

Allerdings macht sich gerade dort der Klimawandel in den letzten Jahren besonders bemerkbar. Die Orte an der Mittelmeerküste und auch in der südlichen Ägäis werden mittlerweile so heiß, dass der Aufenthalt im Juli und August dort kein Spaß mehr ist. Temperaturen von mehr als 40 Grad machen das Leben im Ferienhaus unerträglich, dann bleiben einige doch lieber in den heißesten Wochen in Istanbul.

Dazu kommen die immer stärker zunehmenden Waldbrände. In der Türkei hat es Ende Juli, Anfang August an knapp 300 Orten entlang der Mittelmeer- und Ägäisküste gebrannt. Man hat in den letzten Jahren in die Früherkennung von Bränden investiert, durch mehr Feuertürme und Drohnen werden die Wälder besser überwacht als früher. Die meisten der Feuer konnten deshalb schnell gelöscht werden. Einige entwickelten sich dennoch zu Großfeuern, die tagelang brannten. Glücklicherweise kam es in diesem Jahr noch nicht zu solchen Monsterfeuern wie in Frankreich oder Spanien – aber der Sommer ist ja noch lang.

Mittelfristig das größte Problem ist aber die Wasserversorgung. Die sommerlichen Dürreperioden werden länger und die Winter und Frühjahrsregenfälle immer unregelmäßiger. Zu römischen, byzantinischen und auch noch zu osmanischen Zeiten hatte Istanbul große unterirdische Zisternen, in denen das Wasser für die Sommermonate gespeichert wurde. Die gibt es schon lange nicht mehr. Stattdessen wird die Stadt jetzt mit Wasser versorgt, dass teils über Hunderte Kilometer weit herantransportiert wird. Da das in regenarmen Jahren schon jetzt nicht mehr reicht, wird nun über eine große Meerwasserentsalzungsanlage nachgedacht.

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