Auf der Kippe


Stand: 05.08.2026, 13:49 Uhr

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Eine Hand in Gummihandschuh hält die Hand eines Säuglings.

Babys und Kinder brauchen spezielle Pflege. © Werner Krüper/epd

Die Ausbildung für Gesundheits- und Kinderkrankenpflege steht vor dem Aus. Wie ein Säuglingsbett bedient oder ein schwer krankes Kind versorgt wird, lernen die Auszubildenden dann nicht mehr. Die junge Pflegerin Pauline Marie Hense will das nicht hinnehmen.

Von Philipp Schulte

Es ist 7.35 Uhr im Kinder- und Jugendkrankenhaus „Auf der Bult“ in Hannover, Intensivstation. In Zimmer 4 liegt ein mehrfach behinderter Jugendlicher, der an einer Lungenentzündung leidet. Er kann nicht aufstehen und nicht reden, rekelt sich immer wieder. Zuvor musste er in einer anderen Klinik reanimiert werden, im rechten Nasenloch steckt ein Tubus, seine Beatmung erfolgt künstlich. Heute arbeitet Pauline Marie Hense, 22, am Bett des Sechzehnjährigen. Sie verabreicht Medikamente.

Hense ist examinierte Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin und auf junge Menschen spezialisiert. Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger – das ist ein Berufstitel, den es bald nicht mehr geben könnte. Das hängt mit dem 2020 eingeführten Pflegeberufegesetz zusammen, das nur noch allgemein ausgebildete Pfleger:innen vorsieht: den Pflegefachmann, die Pflegefachfrau. Die große Mehrheit der bisherigen Absolvent:innen trägt diesen Titel. Pauline Marie Hense nicht. Sie hat ein Wahlrecht ausgeübt und sich auf Kinder spezialisiert. Doch dieses Wahlrecht steht nun auf der Kippe. Ob es erhalten oder abgeschafft wird, darüber entscheidet in den nächsten Monaten der Bundestag. Ein Termin steht noch nicht fest.

Die Kinderkrankenschwester steht also vor dem Aus. So hieß der Beruf seit dem 19. Jahrhundert; Kollegen von Pauline Marie Hense tragen diesen Titel noch. Das Krankenpflegegesetz veränderte ihn zu 2004 zum Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger.

Das Kinder- und Jugendkrankenhaus „Auf der Bult“ in Hannover ist einer der wenigen Träger, die diesen speziellen Abschluss noch anbieten. Dort hat Pauline Marie Hense ihre Ausbildung im September abgeschlossen, seit Oktober arbeitet sie auf der „Elf“, wie die Kinderintensivstation genannt wird. Sie hat sich in den Beruf verliebt, sagt sie – auch wenn er oft belastend ist. „Eigentlich wollte ich Kinderärztin werden.“ Nach einem Schulpraktikum in einer Kinderarztpraxis stand für sie fest: Sie möchte mit Kindern arbeiten. Doch ein Abiturschnitt von 1,6 reichte nicht für ein Medizinstudium. Schon während ihrer Ausbildung setzte sie sich dafür ein, das Wahlrecht für die Spezialisierung zu erhalten. Vergangenes Jahr startete sie eine Petition beim niedersächsischen Landtag und wurde angehört. Der Ausschuss war sich einig, dass das Thema behandelt werden müsse. Henses Anliegen wurde an den Bundestag weitergeleitet. Um dem Nachdruck zu verleihen, rief die Pflegerin eine deutschlandweite Petition ins Leben. Mit Erfolg. Es kamen bis Mitte Januar rund 60.000 Unterschriften zusammen. Deshalb befasste sich der Petitionsausschuss des Bundestages im April mit dem Thema.

Kinderkrankenschwester Pauline Marie Hense.

Pauline Marie Hense sagt, sie habe sich in den Beruf verliebt. © Philipp Schulte

Fünf nach neun in Zimmer 4. Über dem Bett steht eine Tonie-Box. Auf die stellt Pauline Marie Hense eine Gorilla-Figur. Es ertönt das Lied „Das singende Känguru“. „Ein bisschen Party-Musik“, sagt sie. Dem Jugendlichen scheint das zu gefallen: „Da habe ich ein Lächeln bekommen.“ Über ihrem Kasack trägt sie einen blauen Schutzkittel, dazu eine Atemschutzmaske und Handschuhe, eine große Spange hält ihr langes, dunkles Haar zusammen. Bei einem anderen Lied singt sie mit: „Das ist das Lied über mich.“ Sie beginnt, den Patienten zu waschen.

Viele Einrichtungen bieten den Abschluss gar nicht an

Die neuen, allgemein ausgebildeten Pflegerinnen und Pfleger sollen überall eingesetzt werden können: im Krankenhaus bei Erwachsenen, im Altenheim, im ambulanten Pflegedienst, auf einer Kinderstation. So könne der Personalmangel in der Branche gelindert werden, heißt es. Deshalb führte man drei Ausbildungen – Altenpfleger, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger, Gesundheits- und Krankenpfleger – zu einer zusammen. Aus drei mach eins: Es entstand die sogenannte Generalistik. Doch die Pflege von Kindern komme dabei deutlich zu kurz, sagt Pauline Marie Hense. Unterstützt wird sie von Kinderkrankenpflege- und Kinderarzt-Verbänden.

Auch Wolfgang Kölfen, 69, kämpft für den Erhalt des Berufsbildes. Er war mehr als zwanzig Jahre lang Chefarzt im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Städtischen Kliniken Mönchengladbach und Vizepräsident des Verbands der Kinder- und Jugendärzte. Im Videogespräch hält er zunächst einen achtzehnminütigen Monolog zum Thema, ehe Fragen möglich sind. „Ich hätte auch Politiker werden können.“ Sein Hauptanliegen: „Wenn Eltern ihr Kind in die Kinderklinik bringen, kann es sein, dass das Kind von einer Generalistin, die 120 Stunden pädiatrische Ausbildung erhalten hat, versorgt wird – oder die Betreuung erfolgt durch eine spezialisierte Kinderkrankenschwester mit einer Ausbildungserfahrung mit bis zu 1300 Stunden Praxis.“ Die Ausbildungsstunden in Pädiatrie könnten auch in einem inklusiven Kindergarten stattfinden, sagt Kölfen. „Es ist klar, wen die Eltern auswählen würden.“

Zwischen dem allgemeinen und dem speziellen Abschluss lägen Welten. „Die eine Schwester weiß noch nicht einmal wie man ein Säuglingsbett bedienen muss und die Kinderkrankenschwester ist auch mit schwer kranken Kindern vertraut, weil sie die in ihrer Ausbildung gesehen und behandelt hat.“ Wer Pflegefachmann oder Pflegefachfrau sei, schrecke unter Umständen davor zurück, auf einer Kinderstation oder Kinderintensivstation anzufangen, weil er um seine fachlichen Defizite wisse. Das verschärfe den Personalmangel. „Schon jetzt muss man Bewerber mit einem Rolls-Royce abholen und einen Blumenstrauß auf den Tisch legen.“

Kölfen fordert nicht nur, dass die Spezialisierung erhalten bleibt, sondern auch dass alle Träger und Schulen verpflichtet werden, diese anzubieten. Das sei bisher nicht so. Ihr Wahlrecht könnten die Auszubildenden häufig gar nicht ausüben, weil die Einrichtung es nicht anbiete. Eine Studie, die die Pflegezeitschrift zitiert, stützt diese These. Der Abschluss „Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger“ wird in sechzig von 73 Einrichtungen gar nicht angeboten.

In Bayern, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern etwa gar nicht, weshalb dort auch keine spezialisierten Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger:innen mehr ausgebildet werden. Das habe Kölfen zufolge damit zu tun, dass die meisten Schulen nicht über ausreichend Lehrerinnen und Lehrer verfügten, um eine eigene Klasse zu unterrichten. „Der Träger vermeidet jedes Risiko, indem er einfach von Anfang an die Möglichkeit spezialisierte Kinderkrankenschwester gar nicht anbietet. Das spart Geld und schließt Unsicherheiten aus.“ Die Kosten einer Spezialisierung würden deren Nutzen bei Weitem übersteigen, sagt auch Christel Bässler vom Brandenburgischen Verbund der Pflegeschulen.

Bei der neuen allgemeinen Ausbildung sind die ersten beiden Jahre für alle Schüler:innen gleich. Den 120 Stunden, die für die Versorgung von Kindern vorgesehen sind, stehen je 400 Stunden im Pflegeheim, im Krankenhaus und bei einem ambulanten Dienst gegenüber. Erst im dritten Jahr erfolgt ein Vertiefungseinsatz mit 500 Stunden beim Träger der praktischen Ausbildung. Die Spezialisierung, etwa auf Kinder und Jugendliche, erfolgt im dritten Lehrjahr.

Intensivstation für Frühgeborene im Evangelischen Krankenhaus Bielefeld am 27.03.2008. Frühgeborenes im Inkubator, der die Kinder mit einer voreingestellten Temperatur und Luftfeuchtigkeit umgibt. Kinderkrankenschwester Anika Oberschild versorgt das Kind durch zwei seitliche Klappen.

Eine Kinderkrankenschwester versorgt ein Frühchen im Inkubator. © Werner Krüper/© epd-bild / Werner Krüper

In Zimmer 4 tupft Hense dem Patienten mit einem nassen Handtuch das Gesicht ab. Dann führt sie Absaugkatheter in Mund und Nasenlöcher ein, um Sekret zu entfernen. Der Jugendliche rekelt sich stark. „Ist gleich geschafft“, sagt sie und streichelt ihm über die Stirn. „Du machst das ganz toll.“ Zum Schluss macht Hense den Mund mit einem Schwamm sauber.

Hense befürchtet, dass die Parlamentarier:innen das Wahlrecht kippen könnten. Denn entscheiden müssen sie auf Grundlage eines Berichts, den die Bundesministerien für Bildung und Gesundheit bereits im Februar vorgelegt haben. Er liefert Zahlen: 2024 haben sich nur etwa ein Prozent der Auszubildenden für einen gesonderten Abschluss in Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege entschieden. Das entspricht bundesweit 324 Auszubildenden in Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie 83 in Altenpflege. Insgesamt meldeten die Länder für 2024 rund 38.700 Abschlüsse. Die Zahlen für 2023 ergeben ein ähnliches Bild. Deshalb sprechen sie „gegen das Festhalten an den gesonderten Abschlüssen nach dem Pflegeberufegesetz“, heißt es in dem Bericht. Die Ministerien schlagen eine „Diskussion zur Frage des Spezialisierungsbedarfs“ vor, etwa im Rahmen einer Anhörung von Expert:innen. Dabei gelte es auch zu klären, inwiefern flächendeckende Ausbildungsangebote für einen so kleinen Anteil der Auszubildenden effektiv vorgehalten werden könnten.

In Altenheimen ist mehr Versorgung notwendig

Die Kinderintensivstation in Hannover besteht aus einem langen Gang. An mehreren Stellen hängen Bildschirme unter der Decke. Sie zeigen die Vitalparameter der fünf Patient:innen, die an diesem Morgen versorgt werden. Auf den Zimmerschildern ist ein Faultier abgebildet, das Maskottchen der Station: Charly Schlummer. In Zimmer 3 steht eine Mutter am Bett ihres Sohnes. Er ist ein Jahr alt und schläft gerade, eine Spieluhr läuft. Ihr Sohn habe einen Gen-Fehler, sagt die Mutter, 33. Er muss ständig künstlich beatmet und beobachtet werden. Dafür sei immer ein Pfleger oder ein Pflegerin bei ihr zu Hause. Von denen habe sie bereits mehrere auswechseln lassen, weil sie kein gutes Gefühl hatte. „Die Pfleger müssen mir Fragen beantworten können, ich brauche Vertrauen. Ob jemand gut ausgebildet ist, merke ich auch an den Handgriffen.“

Kinder seien empfindlicher als Erwachsene, sagt die Frau. Da gebe es große Unterschiede. Man gehe mit seinem Kind ja auch zu einer Kinderärztin und nicht zu einem Allgemeinmediziner. Die Debatte um den Beruf des Kinderkrankenpflegers kennt die Mutter nicht. „Jeder will einen gut ausgebildeten Pfleger haben.“ Sie ist froh, dass ständig jemand da sei. Unter den Pfleger:innen für ihren Sohn habe sie auch „Lieblinge“. Sie passen auf ihn auf, verabreichen Medikamente, ernähren und bewegen ihn. Zur Kontrolle kommt die Mutter einmal im Monat für ein paar Tage hier in das Kinderkrankenhaus.

Seit Januar führt Sabine Berninger, 60, die Geschäfte des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe Südost; also für Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Sie wohnt in Augsburg, arbeitete dort als Intensivschwester für Erwachsene. Außerdem war sie von 2001 bis 2024 Pflegedirektorin an der Kinderklinik des Josefinums. Am Telefon sagt sie: „Ich finde die generalistische Pflegeausbildung super, weil sie eine fundierte Ausbildung für alle Pflegesettings bietet.“ Die medizinischen Bedarfe hätten sich verändert, die Ausbildung sei an diese angepasst, sagt Berninger. „Die Pflege von Kindern ist nur ein kleiner Teil der Pflege. Die Langzeitpflege und die Akutpflege haben zunehmend größere Schnittpunkte: In den Krankenhäusern werden mehr Menschen mit Demenz behandelt als früher.“ Und in Einrichtungen der Langzeitpflege (Altenheime) sei mehr medizinisch-pflegerische Versorgung notwendig.

Berninger findet es spannend, das Wahlrecht weiter einzufordern, obwohl es kaum genutzt werde. Sie gibt zu, dass die neue Ausbildung zwar nicht jedes Themengebiet in der Tiefe bearbeiten könne. Es gehe für Auszubildende aber besonders darum, komplexe Pflegesituationen einzuschätzen – von der Geburt bis ins hohe Alter. „In der generalistischen Pflegeausbildung wird in allen Versorgungssettings ausgebildet: Akut-, Langzeit- und ambulante Pflege.“ Dass generalistisch ausgebildete Pfleger:innen „großen Respekt“ vor einer Kinderstation hätten, weiß sie. Auf der anderen Seite „bedarf es auch einer gezielten Einarbeitung, um Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger auf einer Erwachsenenstation einzusetzen.“

Die hat etwa Lena-Marie Lenz, 26, durchlaufen. Auf der Kinderintensivstation in Hannover hat sie gerade ihren Dienst begonnen und sitzt am Dienstplatz in der Mitte des Stationsflurs, checkt ihre Mails. Über ihr hängen zwei Monitore. Vor zwei Jahren hat Lenz ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau abgeschlossen, also die allgemeine Ausbildung. Sie lernte bei „Gesundheit Nord“, einem Klinikverbund in Bremen. Für das dritte Jahr wählte sie den Vertiefungseinsatz „Pädiatrische Versorgung“ und kümmerte sich schwerpunktmäßig um Kinder. Direkt nach ihrem Abschluss fing Lenz auf dieser Kinderintensivstation an.

Die ersten Monate hatte sie einen erfahrenen Kollegen an ihrer Seite und fühlte sich deshalb sicher. Wenn man die generalistische Ausbildung gemacht habe, müsse man sich nach der Ausbildung selbst weiterbilden – ob Zuhause mit Büchern oder während der Arbeitszeit in Seminaren, sagt Lenz. „Viele Themen kommen in der Generalistik zu kurz, gerade in Bezug auf die Kinderpflege.“ Dennoch ist Lena-Marie Lenz ein Beispiel dafür, wie die neue Ausbildung funktionieren kann. Im dritten Jahr die Vertiefung in Kinderkrankenpflege zu wählen bedeutet einen Kompromiss zwischen allgemeinem und spezialisiertem Abschluss.

Um 13 Uhr findet auf der Elf die Übergabe statt. Der Frühdienst bringt den Spätdienst auf Stand, Patient:in für Patient:in. Pauline Marie Hense berichtet von dem 16-Jährigen. „Er sollte heute extubiert werden, das haben wir auch gemacht, und haben ihn dann an seine Heimbeatmung angeschlossen. Die hat er mäßig gut toleriert. Zur Zeit trägt er eine Maske mit Reservoir, über die Sauerstoff läuft. Noch ist seine Beatmungssituation nicht zufriedenstellend.“

Plötzlich ertönt ein Piepsen, Hense schaut immer wieder zum Monitor hoch, Zimmer 5. Sie ist eigentlich nicht zuständig, trotzdem steht sie auf. Ein Baby weint und strampelt. Dabei hat sich der Sättigungssensor von einem Zeh gelöst. Sie bringt ihn wieder an, das Piepsen verstummt. Die Übergabe endet und Pauline Marie Hense verabschiedet sich. Von einem Kuchenteller schnappt sie sich einen Brownie. Dann holt sie ihre Handtasche aus dem Spind und verlässt die Station. Morgen hat sie frei.