Studieren in der Rente: Das bieten Hessens Universitäten
Beinahe jeder Platz im Seminarraum ist belegt, gut 40 Zuhörer sind gekommen. Rainer Erd bewegt sich vor und zurück im Raum, er spricht mit klarer Stimme. Auf dem Whiteboard sieht man jetzt die Abbildung eines Kunstwerks: die „Häuser in L’Estaque“ von Georges Braque. Landschaft und Gebäude sind auf dem Gemälde noch klar auszumachen, abstrahiert dargestellt sind sie dennoch. „Die Naturformen lösen sich auf“, sagt Erd über die Malerei. Und über den Künstler: „Er weiß, er muss etwas Neues erfinden, aber es ist noch nicht da.“
Im Seminarhaus der Goethe-Universität spricht Rainer Erd über den Kubismus. Er beschreibt, wie Künstler wie Braque, Pablo Picasso, Robert Delaunay und Juan Gris die Kunst auf den Kopf stellten, wie sie mit Farben und Formen experimentierten, aber auch, wie sie miteinander zechten und gegeneinander intrigierten. Und er erzählt, warum das Pariser Stadtviertel Montparnasse zum Zentrum der jungen wilden Maler wurde. Die „Soziologie einer Weltkulturhauptstadt“: Darum dreht sich Erds Veranstaltung.
Die Veranstaltung unterscheidet sich deutlich von anderen Seminaren an der Frankfurter Universität. Erstens: Der Dozent ist kein Experte für sein Thema. Normalerweise unterrichtet Erd in seinem Fachgebiet, der Rechtswissenschaft. Dass er nun über Kunst, Kultur und die Feinheiten des Pariser Lebensstils doziert, ist auch für ihn ein Experiment. Und zweitens: Die Zuhörer in Erds Seminar sind deutlich älter als der durchschnittliche Goethe-Uni-Student. Die meisten von ihnen haben das Rentenalter schon vor Längerem erreicht.
Wer im Alter noch studiert, bleibt fit im Kopf
Nun nutzen sie ein Angebot, das den Namen Universität des 3. Lebensalters, abgekürzt U3L, trägt. Ein Verein mit rund 400 Mitgliedern, der eng mit der Goethe-Universität zusammenarbeitet, stellt das Programm zusammen. Lebenslanges Lernen: Dieses Prinzip hat viele Fürsprecher. Wer sich im Alter weiterbildet und Neues erfahren möchte, bleibt fit im Kopf. Und wer den Austausch sucht, mit anderen in Kontakt tritt und sich mit ihnen auseinandersetzt, leidet auch seltener unter Vereinsamung.

An der Universität des 3. Lebensalters werden Vorlesungen und Seminare angeboten, außerdem gibt es Projektgruppen von U3L-Studenten, die gemeinsam zu einem Thema forschen. Mehr als 80 Dozenten unterrichten an der Senioren-Uni, gut 100 Veranstaltungen stehen in der Regel auf dem Lehrplan. 175 Euro Kursgebühr werden je Semester fällig, um die Seminare zu besuchen. Mehr als 3000 Menschen nehmen an dem Programm teil, 56 Prozent sind Frauen, 44 Prozent Männer.
Die Frankfurter Universität des 3. Lebensalters ist nicht die einzige Möglichkeit, sich im Alter im akademischen Rahmen weiterzubilden. Auch an den „klassischen“ Hochschulen lernen nicht wenige Menschen im Rentneralter – vor allem als Gasthörer. 442 solcher Studierender, die mehr als 65 Jahre alt sind, waren im Wintersemester 2025/2025 an hessischen Hochschulen eingeschrieben. 284 von ihnen waren Männer, 158 Frauen.
Damit wurde innerhalb der vergangenen zehn Jahre ein Höchststand erreicht. Aber auch davor lagen die Zahlen meist nur knapp darunter. Eine Delle gab es nur während der Corona-Pandemie: Im Wintersemester 2020/2021 fiel die Zahl auf 144 Gasthörer in der Gruppe „65 plus“. Doch kaum war die Pandemie überstanden, stieg sie wieder an.
Geschichte ist am beliebtesten
Bei Gasthörern im Rentenalter mit Abstand am beliebtesten ist das Fach Geschichte (88 Gasthörer im Wintersemester 2025/2026), auf Platz zwei liegt die Philosophie (34 Gasthörer). Es gibt übrigens auch noch einige Senioren, die sich an einer Promotion versuchen: Immerhin sechs Doktoranden, die mehr als 65 Jahre alt sind, wurden im Jahr 2025 an Hessens Hochschulen gezählt.
Rainer Erd, der an der Frankfurter U3L sein Seminar zum Pariser Kulturleben abhält, hat das sogenannte Renteneintrittsalter auch schon lange erreicht: 81 Jahre alt ist der Jurist mittlerweile. Ihn habe es „fürchterlich geärgert“, als er seinen Job habe quittieren müssen, erzählt er beim Cappuccino im Studentencafé auf dem Campus Westend der Goethe-Universität. „In Pension wurde ich gegen meinen Willen geschickt.“

An der Hochschule Darmstadt hatte Erd von 1993 bis 2010 eine Professur, dort hat er auch den Studiengang Informationsrecht gegründet und geleitet. Seine Arbeit an der Hochschule hätte er gerne im Alter weitergeführt, sagt er. Zwei Jahre hat er nach der Pensionierung dann noch für eine Kanzlei gearbeitet („Da saß ich meist allein im Zimmerchen“), ehrenamtlich engagierte er sich für zwei Stiftungen.
„Meine Frau ist froh, dass ich nicht den ganzen Tag zu Hause bin“
Und bald schon übernahm er auch wieder einen Lehrauftrag: An der University of Applied Sciences in Frankfurt unterrichtet Erd bis heute Studenten der Rechtswissenschaft. Als er davon erfuhr, dass auch für die U3L ein Jurist als Dozent gesucht wurde, meldete er sich direkt. „Ich will damit weitermachen, solange es geht.“ Der Austausch mit anderen sei ihm wichtig, er bringe ihm auch Zufriedenheit. „Und meine Frau ist froh, dass ich nicht den ganzen Tag zu Hause herumsitze.“
Aber warum hat er an der U3L nun drei Semester lang über Paris und dessen Künstler gesprochen statt über juristische Fragen? „Weil ich selbst auch etwas Neues lernen möchte“, antwortet Erd. Paris fasziniere ihn schon seit Ewigkeiten, er habe deshalb mehr herausfinden wollen über diese Stadt, ihre Geschichte und die Menschen, die sie geformt und geprägt haben. „Locker acht Stunden“ stecke er in die Vorbereitung einer Seminardoppelstunde, sagt Erd. Und dass er diese Zeit genieße, dass es ihm wichtig sei, intellektuell nicht stehen zu bleiben. „Das hält mich in Schwung.“

Das merkt man seinem Seminar an. Mit einer klassischen Vorlesung hat es wenig gemein. Zu Beginn der Veranstaltung berichtet Erd regelmäßig, was sich gerade Neues in der französischen Metropole tut, welche Kulturereignisse anstehen, welche Debatten geführt und worüber getratscht wird. Dafür liest er zahlreiche Medien, treibt sich aber auch in den sozialen Netzwerken herum. Seine Seniorenstudenten fordert er auf, mitzudiskutieren und eigene Beobachtungen zu teilen. Es wird viel gelacht und diskutiert in Erds Seminar – gelegentlich auch etwas laut und chaotisch. Den Dozenten stört das kein bisschen. „Das ist eine Fun-Veranstaltung“, sagt er.
Im Wintersemester wird Erd nun aber erst einmal mit seinem Paris-Programm pausieren und an der U3L wieder ein juristisches Seminar anbieten. Er müsse sich jetzt intensiver mit den Entwicklungen in der Rechtswissenschaft beschäftigen, sagt er zur Begründung. „Die KI verändert gerade alles, da muss ich am Ball bleiben.“ Im nächsten Frühjahr aber will er dann wieder über Paris sprechen. Die Stadt wird ihn weiter begeistern, da ist er sich sicher.
Die Vorlesungen des Wintersemesters der U3L an der Frankfurter Universität beginnen am 12. Oktober. Für die Kurse anmelden kann man sich vom 1. September an, Informationen dazu finden sich unter u3l.uni-frankfurt.de.