Hamburger Mutter: „Wie schön wäre es, ein Wochenende mit meinem Sohn zu verbringen“
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Iris Vobbe ist in Hamburg bei der Zollverwaltung tätig, deren Arbeitsgebiete vielfältig sind. So muss z. B. Schwarzarbeit bekämpft werden, die Einfuhrumsatzsteuer auf importierte Waren (das Pendant zu unserer Mehrwertsteuer) erhoben werden, die Einhaltung von Embargos ist wichtig, und die Zollfahndung erfordert kriminalistischen Spürsinn. Auch die Erhebung der Kfz-Steuer zählt zu den Aufgaben des Zolls.

Die gebürtige Kielerin, 54, arbeitete bereits beim Zoll, als sie alleinerziehende Mutter wurde. Der Vater ihres Sohnes verließ sie bereits im Babyjahr des Kindes, und auch der Vater der heute bald volljährigen Tochter kümmerte sich nicht intensiv und verantwortungsvoll um sein leibliches Kind. Iris hat „sehr, sehr schwierige Jahre“ hinter sich.
„Wie schön wäre es, mal ein Wochenende mit meinem Sohn zu verbringen“
Jedoch: In den ersten neun Lebensjahren ihres Sohnes – beide Kinder lebten bei der Mutter – „lief es für mich als alleinerziehende, berufstätige Frau noch gut“. Der Sohn hatte eine sehr tiefe Bindung zu ihr, er war „mein Prinz“ in der kleinen Familie, der die jüngere Schwester manchmal etwas eifersüchtig beobachtete. „Ich wollte, dass der Junge unbedingt guten Kontakt zu seinem Vater haben sollte, leider war dieser anfänglich nicht sehr interessiert.“
Die damals 18 Jahre alte neue Freundin des Vaters und Mutter Iris nahmen die Kommunikation gemeinsam in die Hand. „Wir redeten vernünftig miteinander.“ Es gab regelmäßige Umgänge und Unternehmungen, auch mit allen zusammen. Als der Sohn gerade einmal zehn Jahre alt war, kam es häufiger zu Konflikten zwischen Mutter und Sohn. „Ich fühlte mich des Öfteren mit ihm überfordert.“ Sie bat darum, dass der Junge vorübergehend beim Vater und dessen späterer Ehefrau bleiben könne. Es war Ostern 2012 – und dies sollte zu einem einschneidenden Datum werden.
Der Vater forderte plötzlich Unterhalt
Iris hatte das Gefühl, Mutter und Sohn täte die zeitweilige räumliche Trennung gut. „Da ich es nicht zu einer neuerlichen Eskalation kommen lassen wollte, blieb mein Sohn noch etwas länger beim Vater.“ Doch dann kam, unangekündigt für Iris Vobbe, kurz vor den Herbstferien ein Schreiben des Jugendamtes: Der Vater wolle nun auch Unterhalt für den Sohn. „Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich wollte gerade mit beiden Kindern in den Urlaub fahren, und danach sollte mein Sohn zu mir nach Hause zurückkehren.“
Seitdem hat der Sohn sein ursprüngliches Zuhause bei der Mutter nie wieder betreten, geschweige denn dort übernachtet. Ihr wurde fortan das Gefühl vermittelt: „Ich kann einfach nichts mehr richtig machen.“ Die juristische und familienpolitische Maschinerie setzte sich in Gang: „Anwälte, Gerichte, Verfahrensbeistände, das Jugendamt, ein Gutachten musste erstellt werden.“ Iris fühlte sich, wie viele Menschen in einer Entfremdungssituation, wie gelähmt.
Wenn Eltern Feinde werden: Zwei Jahre lang gab es keinen Kontakt zwischen Mutter und Sohn
Es kam dazu, dass man sich gleichwohl einigte: Mutter und Sohn könnten zumindest stundenweise Umgang miteinander haben, allerdings ohne Übernachtungen. Mal klappte das gut, oft klappte es nicht. „Mein Eindruck war, wir sollten keinen Spaß miteinander haben.“ Schließlich „kam ich an meinen Sohn nicht mehr ran“, er blieb der Mutter gegenüber verschlossen. Ob der dann „abrupte Kontaktabbruch“ etwas damit zu tun hatte, dass die Partnerin des Vaters ebenfalls eine sehr intensive Beziehung zum Sohn aufgebaut hatte, der sie beim Vornamen nannte, vermag Iris nicht zu sagen.
Zwei Jahre lang gab es zwischen Mutter und Sohn überhaupt keinen Kontakt mehr. „Es gab so viele schlaflose Nächte, in denen ich durchgeweint habe“, berichtet Iris Vobbe im Abendblatt-Podcast „Wenn Eltern Feinde werden“. Zum Glück hatte sie aber eine neu gewonnene Freundin, die sich in einer ähnlichen Lebenslage befand und ihr zur Seite stand.
Iris Vobbe: „Es ist wahnsinnig erschreckend, wenn das eigene Kind nichts mehr mit einem zu tun haben will“
Iris Vobbe ist regelmäßige Prozessbeobachterin im Hamburger Block-Verfahren und sieht hier und da Parallelen zu ihren damaligen Lebensumständen. „Es ist wahnsinnig erschreckend, wenn das eigene Kind nichts mehr mit einem zu tun haben will.“ Elternteile, bei denen die Kinder überwiegend wohnen, neigten bisweilen zu Ängsten, die Kontrolle über sie zu verlieren. Lange war auch Iris Vobbe auf allen Kommunikationskanälen ihres Sohnes blockiert, und als fatal empfindet sie zudem den vollständigen Kontaktabbruch zur erweiterten Familie eines entfremdeten Elternteils: Plötzlich verschwinden für ein Kind alle Verwandten einer familiären Seite – komplett.
Im Jahr 2017 half Iris Vobbe ein „sehr guter Therapeut“ bei den Überlegungen, wie sie erneut Kontakt zu ihrem Sohn aufnehmen könnte, ohne dass dieser „sich zu sehr bedrängt fühlt“. Zum Jahreswechsel 2017/18 schrieb sie spontan einige liebe Zeilen an die Frau des Vaters und bekam tatsächlich eine Antwort. Die beiden Frauen tauschten sich fortan wieder miteinander aus. Verbunden war dies mit einem Brief, den Iris an den Vater ihres Sohnes schrieb, „in dem ich die ganze Schuld auf mich genommen habe“.
Namensänderung nach Eintritt der Volljährigkeit kann nur über eine Erwachsenenadoption erfolgen
Nach einigen Monaten trafen sich die leiblichen Eltern tatsächlich wieder. „Wir haben uns stundenlang unterhalten.“ Als ihr Sohn dazukam, „wollte er mir die Hand schütteln, und ich habe ihn in den Arm genommen“. Immerhin war dies „der Beginn einer Wiederannäherung. Auch als er mit 18 den Namen des Vaters übernehmen wollte, hatte ich nichts dagegen einzuwenden.“ Dann wurde ihr jedoch mitgeteilt, dass eine Namensänderung nach Eintritt der Volljährigkeit nur über eine sogenannte Erwachsenenadoption erfolgen könne. Dazu gab sie, da es ja wieder Mutter-Sohn-Kontakt gab, ihre Zustimmung.
Doch es kam zu einem bösen Erwachen: Als sie die neue Geburtsurkunde ihres Sohnes sah – „ich bin vom Gericht vorab nicht informiert worden“ –, stand darin nur noch die Frau des Vaters als Mutter ihres Sohnes. „Als hätte es mich nie gegeben!“ Bis heute ist ihr nicht klar, ob dies überhaupt seine Richtigkeit hat. Schließlich hat sie das Kind zur Welt gebracht. Heutzutage sieht Iris ihren Sohn hin und wieder, aber nicht sehr oft. Natürlich wünschte sie sich, der Kontakt würde von beiden Seiten noch intensiver gestaltet. Eine große Hoffnung der Mutter ist es, dass sie, wenn der Sohn selbst irgendwann Vater wird, vielleicht in die Rolle der Oma schlüpfen und ihren Sohn unterstützen kann.
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Entfremdung könnte durch den Block-Prozess mehr Aufmerksamkeit bekommen
Iris Vobbe ist heute als Beiständin aktiv, hilft Elternteilen, die von Entfremdung betroffen sind, und hofft, dass dieses Thema nicht zuletzt durch den Block-Prozess mehr Beachtung findet. Es tut ihr gut, wenn sie durch ihr Wirken als Beiständin „viel Wertschätzung von den Betroffenen“ erfährt. Sie wisse aus „leidvoller Erfahrung“, wie es tief im Inneren entfremdeter Mütter oder Väter aussehe. Und sie weiß: „Kinder sind nicht das Eigentum eines Elternteils. Kinder bräuchten auch nach der Trennung beide Elternteile.“
Iris kann die verzweifelten Gefühle der von Entfremdung Betroffenen nachempfinden – besonders derjenigen, die ihre Kinder gar nicht mehr sehen können, weil der andere Elternteil sie als Machtinstrument missbraucht. Da sie selbst über Jahre hinweg „sehr traurig und verletzt“ war, hat sie einen großen Wunsch: „Wie schön wäre es, mal ein Wochenende allein mit meinem Sohn zu verbringen und dann viel miteinander zu sprechen.“