Homer-Epos auf der Leinwand: Ein Held will nach Hause – So gut ist der Film „Die Odyssee“
Homer-Epos auf der Leinwand Ein Held will nach Hause – So gut ist der Film „Die Odyssee“
16.07.2026 · 20:31 Uhr
Matt Damon spielt die Titelrolle in Christopher Nolans Filmepos „Die Odyssee“.
Foto: Universal Pictures via AP/Melinda Sue Gordon
Christopher Nolan hat „Die Odyssee“ verfilmt. Dabei gelingt es dem Regie-Genie, die epische Wucht des Stoffes zu bedienen, ohne die Nähe zu den Figuren aufzugeben.
Vor fast 3000 Jahren entstanden, zählt Homers „Odyssee“ nach wie vor zur narrativen Ursuppe der abendländischen Kultur-, Literatur-und Filmgeschichte. Gerade für das Kino ist das Epos stets ein unversiegbarer Quell der Inspiration gewesen. Keine Heldensaga, kein Road-Movie, kein Science-Fiction, kein Fantasy-Film wären ohne die dichterische Vorarbeit der „Odyssee“ denkbar. Die Nachfahren Homers, so es ihn denn gegeben haben sollte, wären heute aus den Copyright-Ansprüchen gegenüber der Filmindustrie reicher als Elon Musk es je werden wird.
Nun hat sich Christopher Nolan des Urstoffs angenommen und es gibt derzeit wohl keinen Filmemacher, der geeigneter wäre, ein solch größenwahnsinniges Projekt auf die Leinwand zu bringen. Der britische Regisseur hat sich mit Filmen wie „The Dark Knight“ (2008), „Inception“ (2010) und „Oppenheimer“ (2023) als einer der letzten, visionären Cineasten im Hollywoodbetrieb bewiesen.
Wie bei Homer beginnt auch Nolans Film gleichzeitig an zwei Handlungsorten. Auf der Insel Ithaka schlagen sich die Freier im Palast die Bäuche voll. Das Gebot der Gastfreundschaft verpflichtet Penelope (Anne Hathaway) dazu, die Männer zu bewirten, die nur darauf warten, dass sie einen von ihnen zum Thron verhilft. Ihr Sohn Telemachos (Tom Holland) segelt los, um den Vater zu suchen. Derweil lebt Odysseus (Matt Damon) schon seit sieben Jahren unter dem Bann der Nymphe Kalypso (Charlize Theron) auf der Insel Ogygia. Durch stetigen Lotusblütenkonsum hat er die Erinnerung an sein früheres Leben verloren.
Aber nun kehrt das Gedächtnis fragmentarisch zurück, was zum Ausgangspunkt einer Rückblenden-Dramaturgie wird, in der die Irrfahrt des Helden kraftvoll ins Bild gefasst wird. Die klaustrophobische Angst wird haptisch spürbar, wenn Odysseus und seine Männer in der Höhle des Zyklopen Polyphem gefangen sind. Gleiches gilt für die Stürme, die der wütende Meeresgott Poseidon über die Seefahrer hereinbrechen lässt. Genial umgesetzt wurde auch die Szene, in der die Zauberin Circe (Samantah Morton) die hungrig fressenden Männer in Schweine verwandelt und sich damit für all die Vergewaltigungen und Femizide rächt, die Soldaten im Krieg begangen haben. Mit den eigenen Händen modelliert die Zauberin die Gesichter der Männer zu Schweinsköpfen um.
Nur punktuell greift Nolan in solchen Szenen auf die Mittel der digitalen Bildgestaltung zurück. Gedreht wurde hier vornehmlich an eindrucksvollen Original-Locations und auf analogem Material in einem modifizierten IMAX-Format. Als „intimes Monumentalwerk“ bezeichnet Kameramann Hoyte van Hoytema die visuelle Herangehensweise. Und tatsächlich gelingt es Nolan, die epische Wucht des Stoffes zu bedienen, ohne die Nähe zu den Figuren aufzugeben.
Für Matt Damon ist der Odysseus zweifellos die Rolle seines Lebens. Er verleiht seiner gebeutelten Figur eine ungeheure, physische Präsenz und erschafft das differenzierte Bild eines gefeierten Kriegshelden, der auf seiner Irrfahrt das eigene Tun und Sein grundlegend hinterfragt. Wenn Odysseus auf Ogygia Lotusblüten in sich hineinfrisst, will er vor allem die eigenen Schuldgefühle verdrängen.
Die Eroberung Trojas kommt im Originaltext nur am Rande vor, aber in Nolans Film wird sie in sich langsam steigernden Rückblenden in ihrer ganzen Brutalität zum alles bestimmenden Trauma. Odysseus erkennt, dass die List des trojanischen Pferdes, für die er verehrt wird, nicht nur der Ausgangspunkt für ein beispielloses Massaker war, sondern auch die regelbasierte Ordnung der Zeus‘schen Gesetze aus den Angeln gehoben hat. Wer hier Parallelen zum aktuellen politischen Geschehen ziehen will, ist herzlich eingeladen.
Aber Nolan schärft den Blick auch weit über den zentralen Helden hinaus. Das gilt insbesondere für die Frauenfiguren. Anne Hathaway führt Penelope couragiert aus dem Stereotyp der passiv Wartenden heraus. Charlize Theron verwandelt die Nymphe Kalypso in eine kompetente Therapeutin. Als echter Besetzungscoup erweist sich Lupita Nyong'o, die als schöne Helena und deren Zwillingsschwester in nur wenigen Kurzauftritten fast mit dem Film unter dem Arm davonläuft.
„Odyssee“, GB/USA 2026; 180 Minuten; Regie: Christopher Nolan; mit: Matt Damon, Tom Holland, Anne Hathaway.
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