Hotel zum Goldenen Löwen in Witzenhausen war erfolgreich – dann kam nach fast 400 Jahren das Aus
Stand: 23.07.2026, 18:02 Uhr
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Ab 1888 prägt das Haus am Marktplatz das Kulturleben in Witzenhausen. 1956 kauft die Volksbank Hessisch Lichtenau das Gebäude und baut es teils zur Bank um.
Witzenhausen – Der Goldene Löwe am Witzenhäuser Marktplatz ist eines der geschichtsträchtigsten Gebäude der Stadt. Das heute baufällige Haus erlebte seine moderne Glanzzeit ab Frühjahr 1888.

Damals erwarb der aus Rotenburg stammende Hotelier Heinrich Iba das Mitte des 16. Jahrhunderts erbaute Haus im Zentrum der Kirschenstadt. Besagter Iba war ein ebenso umtriebiger wie ausgezeichneter Wirt und hatte entscheidenden Anteil daran, dass das Lokal während seiner Ägide als Löwenwirt boomte. Konzerte, Theateraufführungen, Wahl-, Tanz- und andere Veranstaltungen, offizielle Festessen der verschiedensten Institutionen und Vereine wechselten in bunter Reihe und machten die Gaststätte zum unumstrittenen Mittelpunkt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in der Stadt.
Iba bewirtschaftete den Löwen noch bis 1906, ehe er das Haus an den Gastronomen Ferdinand Tapella aus Kassel verkaufte. Von ihm ging es 1922 in den Besitz der Witzenhäuser Papiermacherdynastie Staffel über, die den Löwen 1927 für fünf Jahre an den Gastwirt Friedrich Heer aus Eschwege verpachtete. Der neue Betreiber Heer wollte das ihm doch etwas zu hausbackene Image des Löwen ganz im Stil der goldenen 20er-Jahre verändern und errichtete zusätzlich zu den traditionellen Schankräumen ein Kino, die sogenannten „Löwenlichtspiele“.
Im Clinch mit dem Capitol-Kino
Damit betrat er sozusagen „vermintes Terrain“, denn mit dem im Februar 1927 eröffneten Capitol-Kino gab es eine hochmoderne Konkurrenz, die alles daran setzte, dem lästigen Mitbewerber das Wasser abzugraben. Es entspann sich ein heftiger Konkurrenzkampf, der, von allen Seiten befeuert mit Animositäten und Halbwahrheiten, teilweise deutlich unter der Gürtellinie ausgetragen wurde. Trotz der zwischenzeitlich von Amts wegen erfolgten Schließung seines Kinos setzte sich Friedrich Heer letztlich durch – allerdings nur bis zum Sommer 1930, als er wegen Zahlungsunfähigkeit aufgeben musste.
Die folgenden Pächter führten den Löwen so, wie es die Witzenhäuser seit Jahrhunderten gewohnt waren – gediegen, ohne Experimente, als renommiertes Hotel mit gutbürgerlicher Gaststätte. Die weitere Geschichte des Löwen ist kurz erzählt. Vor allem während der Nachkriegszeit und der ebenso erlebnishungrigen Wirtschaftswunderjahre erlebte das Gasthaus seine letzte Blütezeit.
Tanz- und Musikveranstaltungen, Vereinsvergnügen und Theateraufführungen wechselten im imposanten Saal in rasanter Folge. Dem guten Ruf des Hauses als Hotel – auch und gerade für die vielen skandinavischen Gäste, die den Löwen bis in die Mitte der 1950er-Jahre als Zwischenlogis auf dem Weg in den Süden nutzten – gefährdete das nie.
Exzellentes Ansehen auch nach dem Krieg
In einem Bericht der amerikanischen Militärregierung vom 25. Februar 1947 wird das exzellente Ansehen des Hauses offiziell bestätigt und aktenkundig gemacht: „Das Hotel ist als ein ruhiges und gut angesehenes Haus anzusprechen. Schlägereien und sonstige unliebsame Vorfälle sind bis heute im Hotel Goldener Löwe noch nicht vorgekommen (…). Inhaber und Geschäftsführer dieses Hotels sind hiesigen Erachtens bemüht, den bisher guten Ruf des Hauses zu fördern und zu bewahren.“

Im Laufe des Jahres 1956 wurde der „Löwe“ von der Volksbank Hessisch Lichtenau erworben und in seinem hinteren Teil zum Bankgebäude umgebaut. Von diesem Zeitpunkt an begann das gastronomische Ende auf Raten. Das endgültige „Aus“ als Gasthaus und Hotel kam dann 1972: Das letzte Glas Bier war getrunken und der Zapfhahn wurde abgebaut – eine fast 400 Jahre währende Tradition war beendet.