„Ich habe Angst vorm Sterben – ich bin aber auch neugierig“: Ein Tag auf der Palliativstation
Stand: 30.08.2026, 15:01 Uhr
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Ein paar Schritte über den Flur, ein Besuch am Bett, ein Wassereis am Nachmittag – auf einer Palliativstation wird Gewöhnliches besonders wertvoll. Für die Mitarbeiter gehört der Tod zum Arbeitsalltag.
Starnberg – Friederike Reiter (Name geändert) freut sich aufs Golfspielen. „Am Mittwoch gehe ich wieder nach Hause“, sagt sie. Zurück ins Haus mit Garten östlich des Starnberger Sees. Zurück zu ihrem Jagdhundmischling Laura. Zurück zu ihren Töchtern. Es wird ihr letzter Besuch daheim werden, vielleicht – nein, sogar sehr wahrscheinlich – werden es auch die letzten Tage in ihrem Leben sein. Seit etwas mehr als einer Woche liegt Reiter im Starnberger Klinikum auf der „Palliativ“ – dem Teil der Station B3 im Flügel des Klinikums, in dem die Menschen nicht mehr geheilt, sondern nur noch begleitet werden.
„Schließlich stirbt man nur einmal“ – Friederike mit besonderem Blick auf den Tod
Reiter sitzt auf ihrer Bettkante im ersten Obergeschoss und schaut aus dem Fenster. Keine hundert Meter weiter, am anderen Ende des Klinikparks, befindet sich die Geburtenstation. Der Kreißsaal ist im Erdgeschoss. Reiter, auf der Zielgeraden ihres Lebens, sieht regelmäßig junge Familien mit Kindern, die gerade erst an die Startblöcke gehen. „Ich bin eingebettet in den Kreislauf des Lebens“, sagt sie. In der Mitte des Gartens steht ein Apfelbaum, der schon erste Blätter abwirft. Den Wechsel der Jahreszeiten wird die 77-Jährige nicht mehr erleben.
„In der letzten Woche sind elf Menschen verstorben“, sagt Dr. Wolfgang Schweiger. Er ist 58 Jahre alt, Facharzt für Innere Medizin am Starnberger Klinikum und Leiter der Palliativstation. „Die Sommerhitze spielt da sicherlich eine Rolle.“ Stirbt ein Patient auf seiner Station, zündet das Pflegeteam eine Kerze an, die für 24 Stunden im Eingangsbereich brennt. Auch heute flackert hier ein Licht. Übers Wochenende sind zwei Menschen gestorben.
Ich habe Angst vor dem Sterben. Ich bin aber auch neugierig, wie es ist. Schließlich stirbt man nur einmal.
Jeden Montagmorgen kommt das ganze Team der Station zusammen und hält kurz inne. Schweiger liest die Namen der jüngst Verstorbenen aus einem gebundenen Buch vor. Ein Moment der Stille. Erst dann bespricht das Pflegeteam den Tagesplan und den Zustand der Patienten. „Ich hätte nicht gedacht, dass Herr Gruber (Name geändert) das Wochenende überlebt“, sagt Schweiger.
Der Facharzt ist vierfacher Familienvater. 1996 startete er mit seiner Arbeit als Arzt – damals beim Rettungsdienst. Während eines mehrjährigen Aufenthalts in Tibet lernte er über den Buddhismus das Konzept der Sterbebegleitung kennen. Seit 1998 ist er im Starnberger Klinikum beschäftigt, hat die Palliativstation mit aufgebaut und ist bis heute deren ärztlicher Leiter. „Die Arbeit ist eine ständige Erinnerung an die Vergänglichkeit“, sagt er. Die Zeit, die einem bleibe, solle man sinnvoll nutzen.
Leidensweg als „Karriere“ – Bösartiger Tumor in der Bauchspeicheldrüse entdeckt
Vor etwas mehr als zwei Jahren saß Friederike Reiter beim Hausarzt zur Vorsorgeuntersuchung. Es war der Start ihrer „Karriere“, wie sie selbst ihren Leidensweg nennt. Die Diagnose: Pankreaskarzinom, ein bösartiger Tumor der Bauchspeicheldrüse. Krebs im Bauch, obwohl ihr zuvor jahrelang nie etwas gefehlt hatte. Zum 60. Geburtstag schenkte ihr die Versicherung einen Urlaub in Antalya, so wenig Leistungen hatte sie in Anspruch genommen. 15 Jahre später sagte ihr ein Arzt, dass ihr Krebs nicht geheilt werden könne.

„Ich war fix und foxy“, erzählt Reiter. Damals sei sie zusammengebrochen, mittlerweile habe sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden. „Ich bin zufrieden mit meinem Leben“, sagt sie. „Und ich bin dankbar, dass ich hier bin.“ Als sie vor wenigen Wochen in der Station ankam, sei sie ein Haufen Elend gewesen. Keine drei Schritte habe sie gehen können, erzählt sie und lächelt beim Gedanken an den Spaziergang, den sie am Vormittag gemeinsam mit einer Pflegerin unternommen hat: einmal bis zu den Stühlen im Eingangsbereich und zurück.
„Es ist hier wie in einer Großfamilie“, sagt sie. Auf der Palliativstation kann sie lesen, wenn sie Lust hat, trinken, wann sie möchte, und ein Wassereis essen, wenn ihr nach einer Abkühlung zumute ist. „Heute hatte ich zwei“, erzählt sie und grinst. Schließlich ist es warm.
Wolfgang Schweiger ist auf dem Weg zu einer seiner Visiten. Es ist die zweite am Tag. In der Früh schaut er in der Regel das erste Mal in die Zimmer seiner sechs Patienten. Zwei kurze Klopfer an die Tür, dann steckt er seinen Kopf ins Zimmer 33. „Ist alles in Ordnung?“ „Ja“, sagt Uwe Falk (Name geändert). Er ist kein normaler Patient auf der Station. Streng genommen fehlt ihm gar nichts – zumindest gesundheitlich. Trotzdem hat er zuletzt in einem der Krankenbetten übernachtet, gleich gegenüber dem Bett seiner Frau.
Ihr Atmen klingt unnatürlich tief und laut. Ihr Blick starr zur Decke, der Mund ist ständig geöffnet. Es sind ihre letzten Atemzüge. Marianne Falk (Name geändert) leidet an einem Nierenversagen. Da sie Stoffwechselprodukte nicht mehr ausscheiden kann, übersäuert ihr Blut. Der Körper versucht, dagegenzuwirken, und atmet so viel Kohlenstoffdioxid wie möglich aus. Das Resultat sind die lauten Atemgeräusche. „Sie bekommt davon nichts mit“, sagt Schweiger. Um der 66-Jährigen ihre letzten Stunden erträglich zu machen, hat sein Team ihr eine Schmerzpumpe angelegt. Kontinuierlich bekommt sie Mittel zur Schmerzlinderung verabreicht.
Die Arbeit ist eine ständige Erinnerung an die Vergänglichkeit.
Ihre Kinder seien bereits gestern da gewesen, erzählt ihr Ehemann. Abschied nehmen von ihrer Mutter. Die Angehörigen von Patienten dürfen rund um die Uhr zu Besuch kommen. Auch Haustiere sind auf der Station erlaubt. Die Patienten sollen sich nicht fühlen wie in einer Klinik, sondern wie in einem Zuhause. „Manche von ihnen bringen eigene Decken, Bilder oder Kissen von zu Hause mit“, sagt Schweiger.
Sein Team aus Therapeuten, Ärzten und Pflegern arbeitet im Schichtdienst rund um die Uhr. Sie sind Vollzeitfreunde für die Patienten und versuchen, Wünsche zu erfüllen, Fragen zu beantworten und die Angst vor dem Sterben zu nehmen. „Wir wollen den Menschen zum Schluss ihres Lebens noch einmal etwas Gutes tun“, sagt er. „Wenn jemand gut gehen kann, ist das ein Erfolgserlebnis für uns.“ Dann fühle es sich an, als hätte er ein Leben gerettet – wie bei seinen Notarzteinsätzen. In seinen zwanzig Jahren als Leiter der Station habe er so viele schöne Momente erlebt. Paare, die kurz vor dem Ableben der Braut im Wohnzimmer der Station heirateten. Familienversöhnungen, Wiedervereinigungen und eine Menge Verabschiedungen.
Einige seiner Patienten stellen ihm Fragen, wie: „Warum ich?“ Manche von ihnen leiden an Depressionen oder sind unzufrieden. „Wenn ich noch nicht gehen will, ist sterben nicht schön“, sagt Lisa Weiler, Pflegerische Leitung Personal der Station. Stimmungsschwankungen seien normal, erklärt Christina Drepper. Sie arbeitet als Seelsorgerin im Klinikum und regelmäßig auf der Palliativstation. „Oft wechseln sich auflehnen, hadern, kämpfen, akzeptieren und trauern ab“, sagt sie. Jüngere Patienten täten sich meist schwerer als ältere.
Gebundenes Buch für die Namen der Verstorbenen
„Ich habe Angst vor dem Sterben“, sagt Friederike Reiter. Ihre Augen sind noch ganz lebendig, wenn sie erzählt. „Ich bin aber auch neugierig, wie es ist. Schließlich stirbt man nur einmal.“ Für ihre zwei Mädels habe sie bereits ein paar Abschiedsworte geschrieben. Sie wünsche sich eine Feuerbestattung, erzählt sie. „Ich möchte neben meinem Sohn begraben werden.“
Davor geht es für sie aber noch mal nach Hause. „Ich denke viel an meinen Garten“, sagt sie. Die Sonnenblumen möchte sie noch mal umpflanzen. Mit ihrer Tochter ist ein Ausflug nach Kallmünz geplant. Und dann ist da ja noch die Runde Golf, auf die sie sich freut. „Wenn ich schon zwei Jahre zahle, dann will ich auch spielen“, sagt sie und lacht.
„Frau Reiter lebt bereits länger, als zu erwarten war“, sagt Wolfgang Schweiger. Er ist auf dem Weg in das Zimmer von Josef Sanktjohanser (Name geändert). Der 67-Jährige hat bösartige Tumore in den Harnwegen und Leukämie. Seit seiner Ankunft in der Station vor einer Woche leidet er an hartnäckiger Übelkeit. Sein Mittagessen hat er nicht angerührt. „Ich sehe keinen Weg für eine Krebstherapie“, sagt Sanktjohanser. Die Schultern hängen, der Blick ist müde. „Mir fällt etwas ein, Herr Sanktjohanser“, verspricht Schweiger und macht sich auf den Weg ins nächste Zimmer.
Marianne Falks Zeit ist gekommen. Zwanzig Minuten nach Schweigers letztem Besuch in ihrem Zimmer sind ihre letzten Atemzüge verklungen. Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen. Auch morgen wird die Kerze im Eingangsbereich der Palliativstation brennen. Und am nächsten Montag wird Wolfgang Schweiger auch ihren Namen aus dem gebundenen Buch der Gestorbenen vorlesen – und die Station einen Moment innehalten.