In Japan geht die Schule bis 18 Uhr und die Kinder gehen trotzdem gern hin
Stand: 14.08.2026, 20:52 Uhr
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Der japanische Schulalltag unterscheidet sich stark von dem deutscher Kinder. Ein Experte macht die Vor- und Nachteile deutlich.
Hamburg – Vor dem Unterricht bereits eine AG, nach der Schule ein Nebenjob und dann noch Hausaufgaben bis in die Nacht – so beschreibt eine Frau ihren damaligen Schulalltag in Japan. „Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich manchmal wirklich, wie wir das alles jeden Tag geschafft haben“, schreibt Miki (@miki_amels) in einem Beitrag auf Instagram.

Schon 7:30 Uhr hätten sie und ihre Mitschüler sich in einer AG betätigt. Nach Ende des Unterrichts, gegen 16:30 Uhr, hätten die Jugendlichen rund eineinhalb Stunden in weiteren AGs und Schulclubs verbracht. Zwischen 18 und 22 Uhr habe Miki dann einen Nebenjob ausgeführt oder sei bei privaten Nachhilfestunden gewesen. Dies sei in Japan „viel üblicher“ als in Deutschland. Nach 22 Uhr hätte die Schülerin dann noch ihre Hausaufgaben erledigen und weiter für die AG üben müssen. „Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, wie voll unsere Tage eigentlich waren“, berichtet die Japanerin, die mittlerweile in Deutschland lebt.
Japanologe: Soziale Funktion der Schule in Japan besonders wichtig
Dabei betrachtet sie die Zeit nicht negativ, im Gegenteil: „Dieses starke Gefühl von Zusammenhalt und Zugehörigkeit habe ich an meiner deutschen Schule so nie erlebt. Eher innerhalb von Freundesgruppen, aber nicht mit der gesamten Schule.“ Sie habe trotz des hohen Pensums den „Spaß ihres Lebens“ gehabt. Viele Deutsche zeigen sich unter dem Beitrag allerdings überrascht. „Heftig, da besteht ja gar kein Raum mehr, um einfach für sich zu sein“, schreibt ein Nutzer. Eine weitere Person kommentiert: „Den Zusammenhalt finde ich super, aber der Leistungsdruck ist viel zu hoch.“
„Ein wichtiger Unterschied zu Deutschland ist, dass Schule in Japan traditionell nicht nur als Ort des Lernens verstanden wird. Sie übernimmt wesentlich stärker auch soziale erzieherische Funktionen“, sagt Vincent Lesch, Japanologe an der Universität in Heidelberg, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Für den Experten ist der starke Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen und das hohe Pensum kein Widerspruch: „Gerade weil Schülerinnen und Schüler so viel Zeit miteinander verbringen, können enge soziale Beziehungen und ein starkes Zugehörigkeitsgefühl entstehen.“
Experte: Gemeinschaft und sozialer Druck gehören im japanischen Schulsystem zusammen
Eine besondere Rolle nehmen die bukatsu ein, die schulischen Clubs und AGs. Für viele japanische Schülerinnen und Schüler seien diese selbstverständlich. Hinzu kämen zahlreiche gemeinschaftliche Aktivitäten: Sport- und Kulturfeste, Schulausflüge, gemeinsames Mittagessen oder – insbesondere in Grund- und Mittelschulen – die gemeinsame Reinigung des Klassenzimmers. Auch die Klasse selbst habe eine wichtige Funktion. Sie sei häufig stärker als feste soziale Einheit organisiert, mit gemeinsamen Aufgaben und Verantwortlichkeiten. „Das schafft auch ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl.“
Doch die Strukturen, die so viel Zusammenhalt schaffen, haben auch eine Kehrseite. „Die gleichen Strukturen können für diejenigen problematisch sein, die nicht in die Gruppe passen oder die an sie gerichteten Erwartungen nicht erfüllen können oder wollen. Gerade da Gruppenzugehörigkeit einen hohen Stellenwert hat, kann Ausschluss besonders schwerwiegende Folgen haben“, sagt Lesch. In Japan sind ijime – Mobbing – und futōkō – Schulabsentismus – bekannte gesellschaftliche Probleme. Die Zahlen beim Schulabsentismus sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das zeigt: Die Integrationskraft des japanischen Schulsystems hat ihre Grenzen. „Gemeinschaft und sozialer Druck gehen Hand in Hand“, fasst Lesch zusammen.
Prestige der Universität in Japan immer noch wichtig
Japan und Deutschland unterscheiden sich nicht nur, was das Schulsystem angeht, sondern auch in Bezug auf den weiteren Bildungsweg. Das Land habe immer noch eine ausgeprägte Hierarchie von Bildungsinstitutionen. „Deshalb spielt traditionell nicht nur eine Rolle, welchen Abschluss jemand besitzt, sondern auch, an welcher Schule und später insbesondere an welcher Universität dieser erworben wurde“, erklärt Lesch. Besonders deutlich werde dies beim Übergang von der Universität in den Arbeitsmarkt – der Name der Universität habe eine „erhebliche Signalfunktion“ für einige Unternehmen. „Entsprechend groß ist die gesellschaftliche Bedeutung der Aufnahmeprüfung für eine prestigeträchtige Universität.“ Das erkläre wiederum einen großen Teil des schulischen Leistungsdrucks.
Auch Netzwerke könnten eine Rolle bei der späteren Karriere spielen, die etwa über Clubs, AGs oder Alumni-Strukturen entstehen. Die Bedeutung sollte heutzutage allerdings nicht überschätzt werden, sagt Lesch. Der japanische Arbeitsmarkt sei wesentlich vielfältiger geworden und das klassische Modell „gute Schule – Eliteuniversität – Großunternehmen – lebenslange Beschäftigung“, das noch in den 1980er-Jahren vorherrschte, würde zunehmend in den Hintergrund rücken. (Quellen: Instagram, eigene Recherche)