Industrien kämpfen gegen den Abstieg – was Lenzing, Kapsch und Co erschüttert
Problemzone
Industrien kämpfen gegen den Abstieg – was Lenzing, Kapsch und Co erschüttert
Der oberösterreichische Faserhersteller Lenzing kappt weltweit 2000 Jobs und sperrt sein Werk im Burgenland zu. Auch andere Industriegrößen kämpfen mit heftigem Gegenwind
Regina Bruckner Alexander Hahn Renate Graber
Vor nicht einmal einem Jahr kam die erste Hiobsbotschaft: Der oberösterreichische Faserkonzern Lenzing kündigte den Abbau von bis zu 600 Arbeitsplätzen in der Verwaltung an. Jetzt wird der Sparkurs verschärft. Am Montagabend hat der Konzern bekanntgegeben, bis Ende 2027 weltweit rund 2000 Jobs streichen zu wollen. Betroffen ist unter anderem der Standort Heiligenkreuz im Bezirk Jennersdorf im Südburgenland.
Über ein Vierteljahrhundert gab es diesen Standort im Burgenland, im Sommer 2022 hatte man das unter Anwesenheit von viel Prominenz – unter anderem Landeshauptmann Hans Peter Doskozil – gebührend gefeiert. Man bedankte sich bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und lobte sich für seine weitsichtige Strategie: Das Lyocell-Werk im Lafnitztal habe seit seiner Inbetriebnahme wesentlich zum Unternehmenserfolg der Lenzing Gruppe beigetragen. Zudem dürfe sich der Standort über die erfolgreiche Produktion von einer Million Tonnen holzbasierter, biologisch abbaubarer Lyocellfasern freuen. Kreislaufwirtschaft war damals Hoffnungsträger, das Textilgeschäft ein wichtiger Baustein in der Unternehmensstrategie.
Damit ist es vorbei. In den vergangenen Jahren hätten die Eigentümer dort viel Geld investiert, der erwünschte Erfolg sei aber nicht eingetreten. Man habe "es probiert, es hat aber nicht geklappt", sagt ein Unternehmenskenner zur Entwicklung. Wobei das Land Burgenland einspringen könnte. Am Dienstag gab Landeshauptmann Doskozil bekannt, den Standort im Bezirk Jennersdorf erhalten zu wollen. Man könne sich auch eine Beteiligung vorstellen, sollte sich kein Investor finden.
Rund zwei Drittel des Umsatzes erzielt Lenzing mit Ware für die Modebranche – ein heiß umkämpftes und nicht eben margen- und gewinnträchtiges Feld. Seit Jahren kommt der Konzern kaum vom Fleck: Im Billigsegment wird der Markt aus Asien überschwemmt; auch in etwas höherpreisigen Segmenten – Lenzing-Fasern kommen etwa in den Öko-Editionen von Modeketten wie H&M zum Einsatz – schauen die Menschen mehr aufs Geld. Und nach der Corona-Krise sei das Geschäft mit Spezialfasern nicht mehr angesprungen, was vor allem dem weltweiten Nachfragerückgang nach Textilien geschuldet gewesen sei, sagt der Unternehmenskenner.
Jetzt will man sich auf Standorte konzentrieren, wo Geld zu verdienen ist. Lenzing sperrt nicht nur das Werk in Heiligenkreuz bis Ende 2026 zu. Ein Jahr später wird jenes im britischen Grimsby folgen, ein Werk in Indonesien wird verkauft. Für die 285 Beschäftigten in Heiligenkreuz existiere ein Sozialplan, und Lenzing suche einen Käufer, um möglichst viele Jobs zu halten, heißt es. Das Land Burgenland will Doskozil zufolge den Standort erhalten und kann sich, sollte kein Investor gefunden werden, dafür auch eine Beteiligung vorstellen. Das Unternehmen will sich künftig stärker auf Vliesstoffe konzentrieren. Der Standort Lenzing, an dem man für die Faserproduktion wenig externe Energie braucht, soll durch weitere Investitionen aufgewertet werden.
Und wie erklärt man bei der B&C Gruppe, kontrollierende Aktionärin von Lenzing, die jüngsten Entwicklungen? Wolfgang Hofer, der Sitz und Stimme in der B&C Privatstiftung hat: "Wir glauben, dass jetzt endlich der große Schritt getan wurde. Wir investieren bei der geplanten Kapitalerhöhung um bis zu 300 Millionen Euro noch einmal rund 100 Millionen – im Vertrauen darauf, dass das die Situation von Lenzing auf dem Weltmarkt stärkt." Dass das gelingt, scheint nicht allen einzuleuchten: Die Aktie von Lenzing stürzte am Dienstag an der Börse kräftig ab.
Heftiger Gegenwind
Es ist freilich nicht nur der börsennotierte Faserhersteller aus Oberösterreich, der derzeit Federn lassen muss. Kräftigem Gegenwind sieht sich auch Kapsch Trafficcom ausgesetzt – und das schon seit längerem. Nach drei Geschäftsjahren mit deutlich sinkenden Umsätzen schnürt der Wiener Mautsystemanbieter ein Sanierungspaket und trennt sich von Konzernteilen. Man werde "umfassende Kosteneinsparungs- und Effizienzsteigerungsmaßnahmen" ergreifen sowie Teile des Geschäftsportfolios verkaufen. Mit den wichtigsten Geldgebern habe man eine sogenannte Stand-still-Vereinbarung getroffen, um mehr Zeit für eine finanzielle Neuordnung zu bekommen. Das bedeutet, dass Banken und andere Gläubiger bis Ende März 2028 auf Forderungen wie Rückzahlungen oder Zinsen verzichten.
Zu Monatsbeginn gab Kapsch Trafficcom – die behördlichen Genehmigungen vorausgesetzt – den Verkauf der Mehrheit seiner Anteile an der deutschen Tochter Tolltickets bekannt. Zudem hat Kapsch mit dem früheren Rosenbauer-Manager Markus Richter einen neuen Finanzvorstand an Bord geholt.
Im bis Ende März laufenden Geschäftsjahr 2025/26 sanken die Erlöse um fast ein Fünftel auf 431 Millionen Euro – nach 553 Millionen Euro im Jahr 2022/23. Der Markt für Mautsysteme wurde schwieriger, neben hohen Kosten setzt auch stärkerer Wettbewerb dem Unternehmen zu. Der Börsenkurs ist innerhalb von fünf Jahren um zwei Drittel abgesackt.
Toxische Mischung
Es ist eine toxische Mischung, die vielen österreichischen Unternehmen derzeit zusetzt: hohe Energiepreise, hohe Lohnkosten, volatile Weltmärkte plus branchenspezifische Probleme. Palfinger etwa kommt besser durch die turbulenten Jahre. Der börsennotierte Salzburger Kranhersteller ist sowohl im Bezug auf seine Geschäftsfelder als auch auf die belieferten Branchen breit aufgestellt. Er liefert Spezialausrüstungen für Schienenfahrzeuge, Gabelstapler, die am Lkw mitgeführt werden, Transportfahrzeuge mit Ladekränen oder Fregattenschiffe mit Hebelösungen für die Rüstungsindustrie oder Lösungen für Großkunden in der Offshore-Wind- und Kreuzfahrtindustrie. Im zweiten Quartal bekamen die Salzburger die Auswirkungen des Irankriegs zu spüren, trotzdem sank der Konzerngewinn im ersten Halbjahr nur leicht um vier Prozent auf 48 Millionen Euro. Der Umsatz ist hingegen um zwei Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro gewachsen.
"Die Marktunsicherheit hat im zweiten Quartal 2026 spürbar zugenommen und Investitionsentscheidungen in wichtigen Märkten verzögert", sagt Palfinger-Chef Andreas Klauser. Deutschland lasse derzeit aus, China schwächle insgesamt, in den USA, wo man mit den US-Zöllen kämpfe, hoffe man auf Besserung. 25 Millionen Euro werden eingespart, sagt Klausner. Anders als bei Lenzing sind aber Standorte und Mitarbeiter nicht betroffen.
Weitere Einschnitte zu erwarten
Mit den bisher bekannten Einschnitten bei diversen Unternehmen dürfte es bei Weitem noch nicht getan sein, geht aus einer Umfrage des Beraters EY unter Kreditgebern hervor. Etwa 47 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass der Gipfel der Restrukturierungswelle erst im zweiten Halbjahr erreicht wird. Weitere 21 Prozent erwarten den Höhepunkt der Restrukturierung und Sanierung in den ersten sechs Monaten 2027. "Viele Unternehmen stehen nicht vor einem einzelnen Problem, sondern vor einer Gleichzeitigkeit mehrerer Belastungen: hohe Kosten, schwächere Nachfrage, geopolitische Unsicherheit und teils eingeschränkte Finanzierungsspielräume", sagt Jürgen Kogler, Partner bei EY in Österreich. (Regina Bruckner, Alexander Hahn, Renate Graber, 28.7.2026)
Forum: 203 Postings
Ihre Meinung zählt.
Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.