„Neuordnung der gesamten Rechten“: Die PiS zerlegt sich in Polen – was die Folgen sein könnten


„Neuordnung der gesamten Rechten“: Die PiS zerlegt sich in Polen – warum das kein Grund zum Aufatmen ist

Stand: 28.07.2026, 12:59 Uhr

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In Polens rechtem Lager knirscht es allerorten. Die PiS steht vor der Spaltung. Doch ein Experte sieht darin keine Entwarnung für die Mitte. Eine Analyse.

Warschau – Es ist gar nicht so lange her, da waren Polen und Ungarn die großen Troublemaker der EU – Hochburgen der Schleifarbeit am Rechtsstaat. Aber in Budapest hat Viktor Orbáns Fidesz zuletzt die Wahl krachend verloren. Und in Warschau ist zwar noch ein der PiS verbundener Präsident im Amt und blockiert Reformen – aber die Parlamentsmehrheit hat die Partei von Jarosław Kaczyński schon 2023 eingebüßt. Nun scheint die einst stolze PiS auf offener Bühne zu zerbrechen. Offen scheint aber, ob das letztlich eine gute Neuigkeit für Freundinnen und Freunde des Europa- und des Rechtsstaatsgedankens sein wird.

Mateusz Morawiecki (li.) und Jarosław Kaczyński. vor einer polnischen Fahne auf einem Bildschirm

Gehen künftig wohl getrennte Wege: Mateusz Morawiecki (li.) und Jarosław Kaczyński. (Archivbild) © Hubert Mathis/picture alliance/dpa/ZUMA Wire

Was die PiS angeht, könnte der Dienstagabend erste Gewissheit bringen. Ein Parteiausschuss soll den von Kaczyński schon postulierten Rauswurf von Mateusz Morawiecki und 30 bis 40 Unterstützern aus der PiS bestätigen. Und Morawiecki, einst lange Jahre Ministerpräsident, hat für den späteren Dienstagabend eine Art Partei-Gründungstreffen angesetzt, wie der Sender TVP berichtet. Es wird wohl die nächste Spaltung in der bereits zersplitterten politischen Rechtsaußen-Landschaft Polens. „Möglicherweise erleben wir derzeit den Beginn einer Neuordnung der gesamten polnischen Rechten“, erklärt Experte Bastian Sendhardt vom Deutschen Polen-Institut der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Ex-Regierungschef Morawiecki ärgert Kaczyński – was folgt auf eine PiS-Spaltung?

Der akute Anlass des Zoffs: Morawiecki hat eine Art innerparteiliche Plattform mit dem Namen „Entwicklung plus“ gegründet. Nur um einen Machtkampf geht es nicht, wie Sendhardt meint. Natürlich spiele die Frage nach der Nachfolge des alternden Kaczyński eine Rolle. „Dahinter steht aber auch ein Streit darüber, mit welcher Strategie die polnische Rechte 2027 wieder an die Regierung kommen kann.“ Dabei geht es um eine auch aus deutscher Sicht hochspannende Frage: Die, wie man erstarkenden Rechtsradikalen den Wind aus den Segeln nehmen kann. Denn rechts von der PiS ist viel Bewegung.

PiS-Chef Kaczyński rief im März Przemysław Czarnek als Kandidaten für die Ministerpräsidentschaft aus, nicht etwa Morawiecki. Sendhardt betrachtet Czarnek als „ausgesprochen national- und kulturkonservativ“. „Czarnek sollte der PiS offenbar Wähler zurückbringen, die zu den Parteien rechts von ihr abgewandert sind“, sagt er. „Das ist bisher nicht gelungen.“ Das zeigen die Umfragen. Vor der Spaltung rangierte die PiS bei etwa 23 bis 25 Prozent. Bei der Wahl 2023 hatte das PiS-Lager noch 35 Prozent eingefahren. Noch frappierender: Zuletzt lag sie etwa gleichauf mit den besagten „Parteien rechts von ihr“.

Konkret sind das die „Konfederacja“ um Sławomir Mentzen und Krzysztof Bosak. Und die noch einmal radikalere Konfederacja Korony Polskiej (KKP), die „Konföderation der polnischen Krone“, des Antisemiten Grzegorz Braun. Bis Anfang 2025 war Brauns KKP selbst noch Teil der Konfederacja. 2023 holte das noch geeinte Rechtsaußenbündnis knapp 7,2 Prozent der Wählerstimmen. Aktuell liegt die Konfederacja bei rund 13 Prozent, die KKP rangiert um die 10 Prozent – ziemlich unabhängig davon, ob auch Morawieckis mutmaßliche neue Partei in der Sonntagsfrage als Option angegeben wird.

7,4 Prozent erhielt dessen „Entwicklung plus“ zuletzt in einer Umfrage für die Zeitung Rzeczpospolita. Diese Stimmen dürften vor allem aus dem Reservoir der PiS kommen – in der Erhebung verlor die PiS fast 6 Prozentpunkte. Morawiecki habe in der PiS einen „vergleichsweise gemäßigten und vor allem stärker wirtschaftsorientierten Kurs“ vertreten, sagt Sendhardt. Verglichen mit Czarnek spreche er stärker Unternehmer, jüngere Wähler und ein bürgerlich-konservatives Publikum an. Zu einem Politiker der Mitte mache das Morawiecki, der als Regierungschef die Abbrucharbeiten am Rechtsstaat mitverantwortete, aber nicht. Dass Morawiecki Wähler aus der liberalen Mitte erreicht, hält der Experte für „eher unwahrscheinlich“.

Wahl 10/2023Umfrage 7/2026
PiS35,4%PiS17,3%
--Entwicklung Plus7,4%
Bürgerkoalition30,7%Bürgerkoalition30,1%
Dritter Weg14,4%-Wahlbündnis aufgelöst--
--PSL2,8%
--Polska 20500,5%
Linke8,6%Linke7,0%
-Razem1,6%
Konfederacja7,2%Konfederacja12,3%
--KKP10,9%
Sonstige3,7%unentschlossen10,1%

Quellen: Polnische Nationale Wahlkommission/Institut IBRiS für Rzeczpospolita, 1.000 Befragte von 24. bis 25. Juli 2026.

Auch deshalb könnten sich Polens nächste Wahlen am Ende an der Fünfprozenthürde entscheiden. Da es auch in der Konfederacja Spannungen zwischen den Köpfen Mentzen und Bosak gibt, könnten „im äußersten Fall 2027 fünf relevante rechte Parteien“ antreten, meint Sendhardt. Das sei allerdings eher „ein mögliches Szenario als eine Prognose“. Aktuell sieht es nach einem Nullsummenspiel aus: Für das rechte Lager ist theoretisch eine Parlamentsmehrheit in Reichweite – aber nur mit den Stimmen von Morawieckis Anhängern. Aber alle Parteien zusammenzubringen, das wäre eine zunehmend schwierige Aufgabe, wie Sendhardt meint.

Hilft all das also am Ende die gemäßigten Konservativen um Premier Donald Tusk? Tusks Bürgerkoalition könne von der Zerstrittenheit der Gegenseite durchaus profitieren, meint Sendhardt. Bei der Sitzverteilung helfe die Zersplitterung aber erst, wenn einzelne rechte Parteien an der Fünfprozenthürde scheitern. Diese Gefahr sei aber bekannt und erzeuge Druck, „sich vor der Wahl wieder zusammenzutun“. Und Tusks Lager hat ähnliche Probleme. Seine Koalitionspartner „Trzecia Droga“ (Dritter Weg) und „Lewica“ (Linke) haben sich bereits aufgespalten. Aber während die verbliebene Linke recht stabil ist, befinden sich die beiden eher konservativ-proeuropäischen Kernparteien des Dritten Wegs im freien Fall in die Bedeutungslosigkeit.

Ein Gewinner könne am Ende Präsident Karol Nawrocki sein. Nawrocki, 2025 parteilos auf dem Ticket der PiS angetreten, sei als einziger Rechter über die PiS-Wählerschaft hinaus legitimiert – und er könne nach der Wahl als Vermittler oder „Schirmherr“ gefragt sein. Es wäre die nächste Pointe im offenbar tief gespaltenen Polen: Nawrocki hatte vor gut einem Jahr mit 50,9 Prozent der Stimmen Tusks Kandidaten Rafal Trzaskowski geschlagen. Eine knappe rechte Mehrheit für einen Politiker, der zur Leitfigur einer weiteren knappen rechten Mehrheit werden könnte. Bisher scheint aber vor allem kein Mittel gegen den Höhenflug der Rechtsradikalen gefunden. Nicht in der Mitte. Und auch nicht in der PiS – weder bei Morawiecki, noch bei Kaczyński. (Quellen: Bastian Sendhardt/DPI, TVP, Rzeczpospolita, eigene Recherchen)