Amr al-Bidh: Warum die Huthi sich aus dem Iran-Krieg heraushalten
Interview
«Die Huthi denken über ihre eigenen Grenzen hinaus», sagt einer ihrer grössten Gegner
Amr al-Bidh setzt sich für ein unabhängiges Südjemen ein. Im Interview warnt er vor den Verbindungen der Huthi nach Afrika – und erklärt, warum sich die islamistische Miliz aus dem Iran-Krieg bislang eher herausgehalten hat.
18.07.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Unterstützer der Huthi bei einer Kundgebung in Sanaa: Die islamistische Bewegung kontrolliert seit mehr als zehn Jahren weite Teile des Landes.
Khaled Abdullah / Reuters
Wegen der iranischen Angriffe auf Schiffe in der Strasse von Hormuz exportieren Golfstaaten wie Saudiarabien ihr Erdöl verstärkt über das Rote Meer. Doch auch diese Route könnte wieder unter Beschuss geraten – sollten die jemenitischen Huthi auf iranischer Seite in den Konflikt eingreifen. Nach einem Bericht von Reuters hat Teheran seine Verbündeten in Jemen bereits aufgefordert, im Fall von amerikanischen Angriffen auf iranische Infrastruktur erneut im Roten Meer zuzuschlagen.
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Amr al-Bidh ist Sonderbeauftragter des Präsidenten des südjemenitischen Übergangsrats (STC). Die politische und militärische Bewegung kämpft seit 1994 für ein unabhängiges Südjemen – und gegen die Huthi, die seit ihrem Vormarsch vor gut zehn Jahren den bevölkerungsreichen Nordwesten des Landes kontrollieren. Bis Jahresbeginn wurde der STC von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützt. Doch seit deren Rückzug aus Jemen hat er keine einflussreichen Partner mehr. Bidh will deshalb nach neuen Unterstützern suchen.
Herr Bidh, im Gaza-Krieg stellten sich die Huthi klar auf die Seite Irans und beschossen Schiffe im Roten Meer. Warum hält sich die islamistische Bewegung seit Beginn des Krieges gegen Iran weitgehend zurück?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits brauchte Iran die Huthi bisher noch nicht. Die Strasse von Hormuz reicht ihnen als Druckmittel für die Verhandlungen mit den USA. Aber wenn die Iraner die Huthi einsetzen wollen, werden sie das tun.
Teheran sieht die Huthi als Verbündete, die Schiffe in der strategisch wichtigen Meerenge Bab al-Mandab attackieren und damit den Schiffsverkehr durch das Rote Meer und den Suezkanal beeinträchtigen können. Andererseits will das iranische Regime die Huthi aber auch nutzen, um neue Milizen in den afrikanischen Staaten aufzubauen.
Und es gibt noch einen dritten Grund: Die Huthi erhalten viel Geld aus Saudiarabien. Das funktioniert für sie perfekt: Die Huthi nehmen das Geld, halten sich aus dem Krieg heraus, werden nicht angegriffen, strukturieren sich um und vergrössern ihren Einfluss.
Die Huthi erhalten Geld von Saudiarabien dafür, dass sie sich aus dem Krieg gegen Iran heraushalten?
Ja, das ist ein offenes Geheimnis. Allein in diesem Jahr haben sie schon 300 Millionen Dollar von Saudiarabien erhalten. Die Saudi haben 2023 ein Abkommen mit den Huthi unterzeichnet. Dieses Abkommen wurde aber wegen des Gaza-Krieges ausgesetzt. Um die Huthi davon abzuhalten, Saudiarabien anzugreifen, zahlen die Saudi den Huthi trotzdem Geld.
Der internationalen Gemeinschaft sagen die Saudi, es gehe um die Meerenge Bab al-Mandab. Aber die Zahlungen sorgen auch dafür, dass die saudiarabische Armee nicht von den Huthi angegriffen wird.
Zur Person

PD
Amr al-Bidh ist der Sonderbeauftragte des Präsidenten des Südlichen Übergangsrats (STC).
Saudiarabien unterstützt aber auch die jemenitische Regierung. Wie gross ist Riads Einfluss?
Saudiarabien kontrolliert die jemenitische Regierung, die seit dem Vormarsch der Huthi nach Sanaa vor zehn Jahren in Aden sitzt. Man kann dort nichts tun, ohne es Riad zu melden. Selbst bei kleinen Verwaltungsentscheidungen muss man Riad informieren. Die Saudi haben also direkten Einfluss auf die jemenitische Regierung.
Iran und seine Verbündeten in der Region, also auch die Huthi, funktionieren anders. Sie arbeiten strategisch zusammen, behalten aber gewisse Freiheiten. Sie kooperieren also, aber auf eine unkonventionelle Art und Weise.
Die Huthi wurden lange als jemenitische Bewegung gesehen, die eigene Interessen verfolgt und unabhängige Entscheidungen trifft. Was ist ihr wichtigstes Ziel?
Den Huthi geht es vor allem darum, Jemen als Ganzes zu kontrollieren, ihren Einfluss im Nahen Osten auszuweiten und auch dort eine wichtige Rolle einzunehmen. Die Huthi sind eng verbunden mit der extremistischen Miliz al-Shabab in Somalia. Sie denken also über die eigenen Grenzen hinaus. In Jemen wissen wir schon seit zehn Jahren, dass die Huthi expandieren und sich die gesamte Küste am Arabischen Meer unter den Nagel reissen wollen. Das ist eines ihrer Hauptziele, und ich fürchte, dass ihnen das auch gelingen wird – wenn sie international nicht stärker bekämpft werden.
Sie selbst kämpfen für ein unabhängiges Südjemen. Bedeutet das, dass Sie den Kampf zur Befreiung des Rests des Landes von den Huthi aufgegeben haben?
Wir existieren seit 1994 als Befreiungsbewegung. Unser Ziel ist die Unabhängigkeit Südarabiens und damit die Wiedererlangung unseres Staates, der 1990 mit Nordjemen vereinigt wurde. Nach dem Vormarsch der Huthi haben wir uns 2015 einem saudisch geführten Bündnis angeschlossen, um unsere Gebiete und auch den Norden des Landes wieder von den Huthi zu befreien.
Es gab aber keine echte Strategie dafür. Denn ganz offensichtlich wollen die Saudi die Huthi gar nicht bekämpfen. Wir waren fest entschlossen, ihnen dabei zu helfen, die Huthi zurückzudrängen. Aber wenn sie nicht wollen, kann man sie nicht dazu zwingen.
Wir sind im Moment nicht mehr Teil der saudisch geführten Koalition, wir sind kein Teil der jemenitischen Regierung, wir sind an nichts gebunden. Wir sind nur unserem Hauptziel verpflichtet und verteidigen unsere Gebiete gegen die Huthi.
Der STC hat mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zu Jahresbeginn seine wichtigsten Unterstützer verloren. Könnte sich ein unabhängiges Südjemen überhaupt verteidigen?
Mit der Unabhängigkeit würde die Verteidigung unserer Gebiete einfacher, weil man an den Grenzen entsprechende Verfahren einführen könnte. Wir verteidigen unser Gebiet nun schon seit zehn Jahren. Das ist uns zum grossen Teil auch ohne Unterstützung aus der Luft gelungen. Wenn wir unabhängig wären, könnten wir aber auch den Schmuggel unterbinden, der über unsere Gebiete zu den Huthi führt.
Einen unabhängigen Staat zu führen, wäre allerdings eine grosse Herausforderung. Die Wirtschaft im Süden Jemens ist extrem schwach, die Infrastruktur völlig veraltet. Wie wollen Sie sicherstellen, dass das besser wird?
Das Land ist ohnehin schon geteilt: in einen Huthi-Staat und das, was die internationale Gemeinschaft im Süden vorfindet. Im Süden lag die Macht bislang nicht beim STC. Und das ist eines der Hauptprobleme, die wir hier haben. Wir wollen Jemen nicht ab sofort unwiderruflich spalten. Wir wollen nur unser Gebiet entwickeln.
Haben Sie seit Jahresbeginn neue Partner gefunden?
Die Menschen konzentrieren sich im Moment stark auf Iran. Es scheint, als würde kaum jemand über die Situation in Jemen nachdenken. Selbst die Saudi haben ihre Aufmerksamkeit und ihren Fokus auf Jemen verloren. Internationale Unterstützung haben wir zurzeit leider nicht – nur Menschen, die mit uns sympathisieren und die Situation verstehen. Aber echte, konkrete Unterstützung fehlt uns.
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