Covid-Impfung: Für wen sie noch wichtig ist und warum sie nicht zu spät erfolgen sollte


Die deutsche Impfkommission empfiehlt die Covid-Impfung jetzt erst ab 75 Jahren. Für wen ist das Virus noch gefährlich?

Die Impfempfehlungen werden gelockert, doch das Virus bleibt für manche Gruppen eine Bedrohung. Welche das sind – und warum sie sich bereits im Spätsommer impfen lassen sollten.

18.07.2026, 05.30 Uhr

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Auch medizinisches Personal, das engen Kontakt zu Risikopatienten hat, soll sich impfen lassen.

Auch medizinisches Personal, das engen Kontakt zu Risikopatienten hat, soll sich impfen lassen.

Karin Hofer / NZZ

In den ersten beiden Jahren der Corona-Pandemie sind laut verschiedenen Studien ungefähr 15 Millionen Menschen an Covid-19 gestorben. Eine ungefähr gleich grosse Zahl von Personen konnte dagegen durch die Covid-Impfung gerettet werden – und zwar allein im zweiten Jahr der Pandemie. Seither ist einiges geschehen. Eine deutlich ansteckendere, dafür weniger gefährliche Variante des neuen Coronavirus hat sich auf der ganzen Welt verbreitet: Omikron. Zudem haben die meisten Menschen über Impfungen oder natürliche Infektionen eine breite Immunität gegen das Virus aufgebaut.

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Für Deutschland schätzt die Ständige Impfkommission (Stiko), dass dies heute bei mehr als 95 Prozent der Erwachsenen der Fall ist. Detailliertere Zahlen gibt es aus der Schweiz. Hier haben Analysen des Blutes von mehr als 17 000 freiwilligen Blutspendern gezeigt, dass schon im Januar 2024 fast alle über einen doppelten Immunschutz verfügten: Bei 99,8 Prozent konnten durch Impfungen herbeigeführte Antikörper nachgewiesen werden und bei 95 Prozent Antikörper, die auf eine natürliche Infektion zurückgingen.

Deshalb hat die Stiko vergangene Woche ihre für Deutschland geltenden Empfehlungen für die Covid-Impfung grundlegend angepasst. Die Empfehlung zum Aufbau einer Basisimmunität, die über mindestens drei Kontakte mit dem Coronavirus durch Impfung oder Infektion zustande kommen kann, entfällt. «Stattdessen legen wir den Fokus nun auf Auffrischungsimpfungen für Risikogruppen», sagt der Infektiologe Thomas Grünewald vom Klinikum Chemnitz, Stiko-Mitglied und Sprecher der Arbeitsgruppe Covid-19.

Die Zahl der Sterbefälle ist stark zurückgegangen

Die Änderung begründet die Stiko zudem mit dem stetigen Rückgang der Spitaleinweisungen und der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 seit dem Ende der Pandemie. Die Zahl der hospitalisierten Covid-Fälle hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland von Saison zu Saison nahezu halbiert. 2023/24 lag sie bei rund 135 000, in der Saison 2025/26 dagegen nur noch bei rund 50 000. Ähnlich stark sind die Covid-Sterbefälle zurückgegangen. Im selben Zeitraum fielen sie von rund 4300 auf rund 900.

Betroffen sind vor allem betagte Menschen: Inzwischen treten 81 Prozent der Todesfälle bei Menschen über 75 Jahren auf. Deshalb empfiehlt die Stiko neu die jährliche Auffrischungsimpfung gesunden Menschen erst ab 75 Jahren. Bisher hatte sie ihnen ab 60 Jahren dazu geraten.

Auch Schwangeren wird keine Impfung mehr empfohlen – es sei denn, sie sind vorerkrankt oder sie haben eine Schwangerschaftskomplikation wie eine Nierenstörung, Diabetes oder Bluthochdruck. «Bei früheren Virusvarianten war eine Schwangerschaft an sich ein Risikofaktor für schwere Verläufe von Covid-19. Das sehen wir mit den heutigen Varianten nicht mehr», erklärt Grünewald.

Dafür empfiehlt die Stiko die Impfung explizit Menschen, die in Pflegeeinrichtungen wohnen oder von bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes, einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche, chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Adipositas betroffen sind. Auch das Personal von medizinischen Einrichtungen und Pflegeheimen soll sich impfen lassen, wenn es engen Kontakt zu Risikopatienten hat.

Ein erklärtes Ziel der neuen Empfehlungen ist zudem, Long-Covid-Fälle zu verhindern. Deshalb sollen sich auch Menschen impfen lassen, die schon einmal mehr als vier Wochen anhaltende Symptome nach einer Corona- oder Grippeinfektion hatten.

Ab Mitte August steigen die Fallzahlen

Eine weitere Anpassung betrifft den Zeitpunkt der Impfung: Neu empfiehlt die Stiko, sich nicht erst gegen Ende des Jahres gegen Covid-19 impfen zu lassen, sondern bereits im Spätsommer oder im Frühherbst. In den vergangenen zwei Jahren habe sich eine Saisonalität der Infektionen ab Mitte August eingestellt, wobei die ersten Gipfel schon im September auftreten könnten, sagt Grünewald. Um einen optimalen Schutz zu gewährleisten, sei deshalb eine frühe Impfung sinnvoll.

Laut dem Infektiologen schützen die Vakzine wegen des sich stetig wandelnden Virus zwar nicht mehr so gut vor Infektionen, aber noch immer zuverlässig – und mindestens ähnlich gut wie die Grippeimpfung – vor schweren Verläufen. Die Grippeimpfung empfiehlt die Stiko ähnlichen Risikopersonen, allerdings weiterhin auch gesunden Menschen ab 60 Jahren. «Das heisst aber nicht, dass Covid-19 heute weniger gefährlich ist als die Grippe», sagt Grünewald.

Bei den Anpassungen der Empfehlungen zur Covid-Impfung gehe es vor allem darum, auf die Menschen mit dem grössten Risiko zu fokussieren. Denn es habe sich gezeigt, dass gefährdete Personen die Stiko-Empfehlungen zur Covid-Impfung in einem viel zu geringen Mass umsetzen: In der letzten Saison lag die Impfrate bei der damals noch grösser gefassten Risikogruppe bei unter zehn Prozent. Die Kommission will nun also weniger Menschen ansprechen, diese dafür deutlicher.

Und was ist mit der Schweiz, wo die Impfung neben krankheitsbedingten Risikopersonen auch gesunden Menschen ab 65 Jahren empfohlen wird? Wie das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage mitteilt, kann die eidgenössische Impfkommission derzeit keine Stellungnahme zu möglichen Anpassungen der Covid-Impfempfehlungen abgeben. Solche seien aber im September zu erwarten: Auch in der Schweiz sei eine Veränderung der Empfehlungen für Schwangere vorgesehen.

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