Interview Dr. Martin Andree: Medienforscher warnt: „Digitale Monopole gefährden Pressefreiheit“


Interview Dr. Martin Andree Medienforscher warnt: „Digitale Monopole gefährden Pressefreiheit“

Interview | Berlin · Der Medienwissenschaftler an der Universität Köln beschäftigt sich mit der Frage, wie digitale Medien unsere Öffentlichkeit prägen.

14.09.2026 , 19:00 Uhr

Die digitale Welt gewinnt rasant an Macht. Die Demokratie stellt das vor wachsende Herausforderungen.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Millionen Webseiten, Apps und Medienangebote vermitteln den Eindruck grenzenloser Auswahl. Der Medienwissenschaftler Martin Andree kommt bei seiner Vermessung der digitalen Welt zu einem anderen Ergebnis: Ein großer Teil unserer Aufmerksamkeit konzentriere sich auf wenige Tech-Konzerne – und daran habe auch die europäische Regulierung bislang wenig geändert. Im Interview erklärt Andree, warum er darin nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein demokratisches Problem sieht, wie Künstliche Intelligenz die Entwicklung verschärft und was Politik und Medien seiner Ansicht nach dagegen machen müssten.

Herr Andree, Sie haben für Ihr neues Buch die digitale Welt erneut vermessen. Was hat Sie dabei am meisten erschreckt?

ANDREE Dass die massive Monopolisierung mathematisch quasi identisch ist wie vor sechs Jahren – obwohl der Digital Markets Act der EU genau das eigentlich regeln sollte. Überrascht hat mich das allerdings nicht. Wir sehen ja täglich, wie unabhängige Anbieter von den Tech-Konzernen immer mehr an die Wand gedrückt werden.

Dabei scheint die Auswahl im Internet grenzenlos zu sein. Millionen Websites, Apps und Medienangebote sind nur einen Klick entfernt. Wie vielfältig ist unsere digitale Welt tatsächlich?

ANDREE Genau deshalb ist das Problem so schwer erkennbar: Bei 18 Millionen unterschiedlichen Angeboten scheint Vielfalt mehr als gewährleistet zu sein. Entscheidend ist aber nicht, was irgendwo theoretisch existiert, sondern was tatsächlich genutzt wird. Und da stellen wir fest, dass vor allem die Tech-Monopole stark genutzt werden.

Nun sind Google, Youtube, Instagram und andere Plattformen auch deshalb so groß, weil Millionen Menschen sie freiwillig nutzen und offenbar nützlich finden. Warum wird dieser wirtschaftliche Erfolg zu einem Problem für die Demokratie?

ANDREE Medienmonopole sind grundsätzlich abzulehnen. Das gilt bei staatlicher oder autokratischer Kontrolle. Es gilt aber auch dann, wenn Privatkonzerne die Monopole kontrollieren.

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Aber jeder kann Google oder Instagram verlassen, andere Angebote nutzen oder Informationen direkt bei unterschiedlichen Quellen abrufen. Überschätzen Sie die Macht der Plattformen nicht?

ANDREE Die digitalen Medien kontrollieren etwa 60 Prozent der massenmedialen Aufmerksamkeit und damit das Fundament der politischen Meinungsbildung in unserer Demokratie. Die Plattformen bestimmen wesentlich mit, was die Menschen zu sehen bekommen – vor allem durch algorithmische Feeds und jetzt sogar durch KI-Zusammenfassungen.

Die öffentliche Debatte dreht sich häufig um Desinformation, Hass und strafbare Inhalte. Sie sehen das grundlegende Problem aber schon im Geschäftsmodell der Plattformen. Warum?

ANDREE Beide Aspekte hängen miteinander zusammen. Das Kernproblem ist für mich das Haftungsprivileg: Wir haben Wirtschaftsakteure entstehen lassen, die unermessliche Profite mit Geschäftsmodellen machen, für die sie weitestgehend von der Haftung befreit sind.

Nun kommt Künstliche Intelligenz hinzu. Google und andere Anbieter beantworten Fragen zunehmend selbst, statt Nutzerinnen und Nutzer zu den ursprünglichen Quellen weiterzuleiten. Was verändert das?

ANDREE Unsere aktuellen Messungen zeigen ein dramatisches Bild. Google beispielsweise kann die Nutzungsdauer massiv erhöhen. Das dürfte sicher auch mit „Zero Click Content“ zusammenhängen: zunächst waren es Übersichten und Snippets, inzwischen zusätzlich KI-Zusammenfassungen. Die redaktionellen Anbieter der Inhalte werden dabei quasi enteignet – und Google frisst sich auf deren Kosten noch voller.

Was heißt das konkret für Journalismus?

ANDREE Wir erleben gerade eine massive Krise der Pressefreiheit. Die Spiegel-Affäre von 1962 ist ein Klacks dagegen. Pressefreiheit ist nämlich nicht nur dann bedroht, wenn staatliche Akteure intervenieren wie damals. Sie ist auch gefährdet, wenn Journalismus unter den Bedingungen digitaler Monopole seine Sichtbarkeit und damit seine Stimme verliert – und unter den Bedingungen von Polarisierungsalgorithmen auch noch inhaltlich unfrei wird. Im Gegensatz zu 1962 gibt es allerdings keinerlei Protest. Nirgends.

Die äußeren Bedingungen sind das eine. Aber was können Zeitungen, Rundfunk und andere journalistische Medien selbst besser machen? Haben auch die Medien Fehler im Umgang mit den Plattformen gemacht?

ANDREE Unter Monopolbedingungen ist das Problem unternehmerisch oder durch Innovationen nicht lösbar. Erstaunlich ist, dass die redaktionellen Medien über die Zerstörung der Pressefreiheit selbst kaum berichten. Journalisten sagen oft, man dürfe sich nicht „mit einer Sache gemein“ machen – aber ich halte es für grundfalsch, sich nicht mit der Pressefreiheit „gemein zu machen“. Bei der Spiegel-Affäre hat man das auch getan – zum Glück für Rudolf Augstein. Zuletzt könnten redaktionelle Medien viel stärker alternative Plattformen wie Mastodon oder BlueSky nutzen – und aktiv in den Beiträgen darauf verweisen.

Europa hat mit dem Digital Markets Act und dem Digital Services Act Regeln für große Plattformen geschaffen. Sie halten das für unzureichend. Was müsste die Politik konkret tun?

ANDREE Tragisch ist, dass Monopole regulatorisch prinzipiell leicht für Wettbewerb zu öffnen wären. Das haben wir in Deutschland bei der Deutschen Telekom selbst bewiesen. Ähnliche Mechanismen könnte man beispielsweise über den Medienstaatsvertrag umsetzen.

Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wenn wir im Jahr 2035 zurückblicken – woran würden Sie erkennen, dass wir die digitale Öffentlichkeit zurückgewonnen haben?

ANDREE Wir werden es daran erkennen, ob Deutschland noch ein demokratischer Staat ist. Denn demokratische Souveränität ist langfristig nur mit digitaler Souveränität auf dem Feld der Medien möglich. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“, heißt es im Grundgesetz. Aber das Volk informiert sich in Medien. Die digitalen Medien werden von außen, aus dem Silicon Valley, beherrscht. Das heißt: Die demokratische Gemeinschaft hat die eigene Stimme bei der Gestaltung ihres demokratischen Forums längst verloren. In einer fremdbestimmten Öffentlichkeit kollabiert aber auch die demokratische Souveränität.