Iran beansprucht Hormus: USA als Weltpolizist in Frage gestellt
Publiziert16. August 2026, 04:33
WasserstrasseIran-Kontrolle über Hormus: Versagen die USA als Weltpolizist?
Die USA griffen den Iran wegen dessen Nuklearprogramm an. Jetzt dreht sich der Konflikt aber vor allem um die Strasse von Hormus, weil der Iran die Kontrolle über diese für sich beansprucht. Was das bedeutet.

Darum gehts
- Der Iran plant eine Maut für die Durchfahrt durch die Strasse von Hormus – die USA lehnen das strikt ab.
- Der Konflikt kann als ungewollte Konsequenz des US-Angriffs auf die regelbasierte Weltordnung gelesen werden.
- Ironischerweise könnte der Iran-Krieg in einer regionalen Lösung enden.
Die USA griffen den Iran an, um zu verhindern, dass er eine Atommacht wird. Plötzlich dreht sich der Konflikt jedoch um die Kontrolle über die Strasse von Hormus: Berichten zufolge nähern sich der Oman und der Iran einem Abkommen zur Kontrolle. Trump dürfte dies nicht gefallen, vor allem auch, weil eine Maut für die Durchfahrt diskutiert wird.
«Bis zu diesem Jahr funktionierte die Welt so, dass die Vereinigten Staaten den internationalen Handel sicherten», schreibt das US-Magazin «Foreign Policy» und fährt fort: «Trump hat das weggeworfen, ohne etwas dazuzugewinnen.»
Stimmt das? Welche Bedeutung hat eine «geschlossene» Wasserstrasse für die Weltordnung und die Vormachtstellung, die die USA darin geniessen? 20 Minuten fragte beim Center for Security Studies an der ETH nach.
«Hegemoniale Feindlichkeit» zerstört Ordnung
«Ich würde die Situation, die wir im Moment erleben, ‹Hegemonic Hostility› nennen», erklärt Dr. Gesine Weber, Senior Researcher für globale Sicherheit am CSS. Denn es sei der Hegemon – also der einflussreichste Staat in der Weltgemeinschaft –, der sich plötzlich feindlich gegenüber der Weltordnung verhalte, die er massgeblich aufgebaut und getragen hatte.
«Es waren die USA, nicht der Iran, die die Eskalationsspirale dieses Mal überhaupt erst in Gang gesetzt haben. Der Angriff auf den Iran – gerechtfertigt mit dem Narrativ, eine feindliche Atommacht zu verhindern – hat die regelbasierte internationale Ordnung durch Verletzung des zentralen Prinzips territorialer Integrität ignoriert.» Der Konflikt um die Strasse von Hormus sei eine unbeabsichtigte Konsequenz davon, die den ursprünglichen Konflikt überschatte.

Mittelmächte müssen neue Hebel nutzen
Mit dem Angriff der USA habe der Iran sich nun gezwungen gesehen, Hebel zu nutzen, mit denen er hohen Druck auf einen deutlich mächtigeren Staat ausüben kann. «Ohne regelbasierte Ordnung gilt die Macht des Stärkeren. Und eine Mittelmacht kann durch Geografie oder Ressourcen eine gegenseitige Abhängigkeit als Waffe einsetzen», erklärt Weber.
«Über Jahre hinweg hatten wir relative Stabilität in der Strasse von Hormus.» Das sei bemerkenswert. «Der Iran hat vergangene Konflikte bewusst nicht so sehr eskaliert, dass er die vollständige Kontrolle über die Strasse ausüben musste, um die Oberhand zu gewinnen.» Jetzt aber habe Teheran durch den Krieg seine tatsächliche Macht entdeckt. «Der Konflikt hat aufgedeckt, wie mächtig der Iran gegenüber den USA ist, und die Strasse von Hormus wurde zum Symbol dieser Macht.»
Mussten sich die USA gegen die Weltordnung wenden?
Trump und seine Anhänger sehen sich nicht mehr als Hauptprofiteure der bisherigen Weltordnung. Insbesondere kritisierte Trump immer wieder, dass China zu viel davon profitiert. China selbst sieht sich ebenfalls als aufsteigende Macht, während es die USA als absteigend ansieht. Blieb den USA also nichts anderes übrig, als sich gegen ihre eigene Ordnung zu wenden, um dieser Dynamik zu entkommen?
Nicht wirklich, meint Weber. «China will sicherlich einige der Institutionen der Weltordnung abändern, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Aber die Idee, dass China eine ganz neue Weltordnung schaffen und dafür bestehende Institutionen komplett zurückbauen will, ist falsch. China profitiert massgeblich von der jetzigen internationalen Ordnung.» Die beiden Staaten hätten in der existierenden Weltordnung nebeneinander existieren können, ohne dass die USA zwangsläufig stark an Einfluss verloren hätten.

Weber ist sogar der Meinung, die USA seien vor Trump in einer besseren Position gewesen, um Interessenkonflikte mit China auszutragen. «Dank vieler Verbündeter in den Institutionen hatten die USA mit der Ordnung einen hervorragenden Hebel, um China in Schach zu halten. Den haben sie nun nicht mehr.» Deshalb sieht Weber hinter Trumps Kurswechsel eher ideologische Gründe.
Könnten sich die USA zurückziehen?
In den USA wird die Frage, ob man sich als mächtigstes Land der Welt ins Weltgeschehen einmischen muss, seit Jahrzehnten diskutiert. Neben Interventionisten gibt es diejenigen, die daran glauben, dass es kein Engagement der USA braucht, um die Weltordnung aufrechtzuerhalten, und stattdessen auf regionale Lösungen setzen.
Donald Trump versprach während seiner Wahlkampagne, eine «America First»-Politik zu verfolgen und keine neuen Kriege anzufangen. Ein Versprechen also, die Position der USA als Hegemon nicht ausnutzen zu wollen. Seit er im Amt ist, hat er dies jedoch mehrmals getan. Der Krieg mit dem Iran war nur seine neueste Einmischung.

Ironischerweise könnte genau dieser Krieg nun jedoch in einer regionalen Lösung enden – sollte das Abkommen zwischen dem Oman und dem Iran zustande kommen und sollte sich Trump damit zufriedengeben. Ob er das tun wird, ist jedoch fraglich. «Das Aufeinandertreffen dieser zwei Strategien – Intervention und Zurückhaltung – im Iran-Krieg ist äusserst interessant zu beobachten», so Weber.
Das ist Dr. Gesine Weber

Dr. Gesine Weber ist Senior Researcher am CSS für globale Sicherheit. Ihre Forschungsinteressen umfassen europäische Sicherheit und Verteidigung im Kontext globaler Machtverschiebungen, Grand Strategy, globale Ordnung und die Beziehungen zwischen Europa und China.
Vor ihrer Tätigkeit am CSS war Gesine Research Fellow im Pariser Büro des German Marshall Fund of the United States, einem transatlantischen Think Tank, wo sie insbesondere zu europäischer Sicherheit und Verteidigung, der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU und Europas Rolle als geopolitischer Akteur arbeitete.
Gesine hat einen PhD in Defence Studies vom King’s College London, Masterabschlüsse der Sciences Po Paris und der Freien Universität Berlin sowie einen Bachelor von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie hat ebenfalls an der Beijing Foreign Studies University im Rahmen eines DAAD-Stipendiums ein Postgraduiertenprogramm absolviert und spricht Deutsch, Englisch, Französisch und Mandarin.

Simon Misteli (sim), Jahrgang 1995, arbeitet seit 2024 als Redaktor am Newsdesk. Dabei schreibt er über verschiedenste Themen mit einem Fokus auf Auslandsgeschichten.