Israelische Doku „Naza“: Sie sind Helden
In Israel ist eine Film-Doku über das brutale Vorgehen des Militärgeheimdienstes im Gazastreifen verboten. Eine offene Debatte wird unterdrückt.
V on „menschlichen Tieren“ sprach der israelische Verteidigungsminister Joav Galant nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023. Wer nur einige Bilder aus dem Kibbuz Be'eri, wo ein Zehntel der Bevölkerung innerhalb weniger Stunden ermordet wurde, gesehen hat, wird zustimmen, dass hier blutrünstige Monster am Werk waren. Ohne die Schrecken vom 7. Oktober hätte es keinen Krieg im Gazastreifen gegeben.
Mit dem einen Unrecht lässt sich ein anderes allerdings nicht zu Recht machen. Schließlich hatte auch der 7. Oktober eine Vorgeschichte von Vertreibung, Besatzung, Menschenrechtsverletzungen und Blutvergießen. Doch nichts davon kann die Gräueltaten der Terroristen rechtfertigen.
Mit den grauenhaften Szenen aus den Kibbuzim und vom Nova-Musikfestival vor Augen, in Trauer um Freunde und Sorge um die Geiseln, ziehen die 24 Soldaten, die in dem Dokumentarfilm „Naza“ zu Wort kommen, hasserfüllt und auf Rache sinnend in den Krieg. Nicht ins Schlachtfeld, sondern an die Rechner, mit denen sie die tödlichen Drohnen in den Gazastreifen schicken. Allesamt sind sie Angehörige der Eliteeinheit 8200 des Militärgeheimdienstes.
Nahost-Debatten
Der Israel-Palästina-Konflikt wird vor allem in linken Kreisen kontrovers diskutiert. Auch in der taz existieren dazu teils grundverschiedene Positionen. In diesem Schwerpunkt finden Sie alle Kommentare und Debattenbeiträge zum Thema „Nahost“.
Es sind Computerfreaks, die zum Teil selbst die Software der Todesmaschinerie mitentwickelten und für die die Jagd auf Terroristen „wie ein Spiel“ war, so sagt einer der befragten Männer in dem Film. An die Opfer unter Zivilisten, die bei den Angriffen in Kauf genommen werden, habe er keinen Gedanken verschwendet: „Es war ein großer Spaß.“
Kaum einer der überwiegend noch sehr jungen Soldaten scheint wirklich verinnerlicht zu haben, welches Leid er so unfassbar vielen Familien zugefügt hat. Mit augenscheinlicher Gleichgültigkeit berichten die Männer, wie „völlig normal es war“, ganze Häuser dem Erdboden gleichzumachen und „Naza“ (hebräisches Initialwort für Kollateralschaden), den Tod von bis zu mehreren hundert Unschuldigen, einzukalkulieren. „Wir hatten eine Mission zu erfüllen“, heißt es an einer Stelle, und: „Wenn ich es nicht getan hätte, wäre es ein anderer gewesen.“
Bis kurz vor Ende der Dokumentation verzichten die zwei RegisseurInnen Rachel Szor und Yuval Abraham auf Bilder aus dem Gazastreifen. „Ein übles Stück Propaganda“, so kommentierte die Jüdische Allgemeine. Tatsächlich aber bleibt der Film völlig unspektakulär, sachlich, er geht auf die Nerven; man hat das Gefühl, sehr schnell kapiert zu haben, worum es geht, und will gar nicht noch mehr hören. Doch Abraham, der die Interviews führt, stellt unnachgiebig immer wieder die unbequemen Fragen nach den Ungeheuerlichkeiten, die sich im Gazastreifen abgespielt haben und bis heute abspielen.
Szor und Abraham sind Patrioten, die ihr Land lieben und um dessen Zukunft sie sich sorgen
Von „nützlichen Idioten der Hamas“, die ihr „von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen“, schreibt die Jüdische Allgemeine. Naza sei seit langer Zeit „der manipulativste Film“, der in den Kinos läuft. Damit übernimmt das Blatt nahezu wörtlich die Pressemitteilung aus dem Büro des israelischen Militärsprechers. Der Film liefere „substanziell falsche Fakten“, heißt es dort. Man kann nur mit dem Kopf schütteln.
Der Versuch, das systematisch völkerrechtswidrige Vorgehen der Armee im Gazastreifen zu vertuschen, ist allein angesichts der Zahl von über 70.000 Todesopfern, die selbst Israel einräumt, in einem Gebiet von zwei Millionen Einwohnern völlig absurd. Die Toten, die Verletzten und die Zerstörung – UN-Experten schätzen, dass im Gazastreifen 55 Millionen Tonnen Trümmer liegen – sprechen für sich. „So schnell wie möglich, so viel wie möglich zerstören“, sei sein Auftrag gewesen, sagt einer von Abrahams Interviewpartnern. Von einer „gezielten Tötung“ auch von Kindern, spricht ein anderer.
In Israel verboten
Für die palästinensischen Opfer spielt es keine Rolle, ob sie Kollateralschaden sind und ihr Tod bedauerlicherweise in Kauf genommen wurde oder ob man sie mit voller Absicht jagte. Es sind die Täter, die der Film meint, die israelische Bevölkerung, in deren Namen die Regierung das Kommando zum Massenmord gab. Endlich, nach drei Jahren, eine Debatte in Gang setzen wollte Abraham. Doch ausgerechnet in Israel darf die Dokumentation nicht gezeigt werden. Ist ja klar – wenn man sich die Konstellation der Koalition anschaut.
Premierminister Benjamin Netanjahu erwägt neue Gesetze gegen BürgerInnen, die Israel verleumden. Der Entzug der Staatsbürgerschaft für die beiden RegisseurInnen ist im Gespräch. Zudem soll die Identität der 24 Soldaten recherchiert werden, die in der Dokumentation mit gutem Grund anonym aussagen. Vor dem Elternhaus Szors versammeln sich Rechtsnationale, die die FilmemacherInnen als „Verräter“ beschimpfen. Sogar Morddrohungen soll es gegeben haben.
Entmündigte Bevölkerung
Eine offene Debatte über das weltweit als „unproportional“ geächtete Vorgehen der israelischen Armee im Gazastreifen darf es in Israel so wenig geben wie eine Untersuchung zum Versagen von Regierung und Militär im Vorfeld vom 7. Oktober, am Tag des Massakers und danach. Die Bevölkerung soll in Unwissenheit bleiben, sie wird regelrecht entmündigt, darf nicht selbst darüber entscheiden, ob sie „Naza“ sehen will oder nicht. Sinnvollerweise wird der britische Guardian, der den Film produziert hat, „Naza“ ab November kostenfrei online zur Verfügung stellen. So weit, das Internet abzustellen, ist es dann doch noch nicht.
Szor und Abraham sind alles andere als Nestbeschmutzer, wie ihnen vorgeworfen sind. Sie sind die echten Patrioten, die ihr Land lieben und sich um seine Zukunft sorgen. Sie sind Helden, denn sie wussten, was auf sie und ihre Familien zukommen würde. Schon die Reaktionen auf ihren letzten Film „No Other Land“ ließen nichts anderes erwarten.
Zu hoffen bleibt, dass sich die Mehrheit der Israelis, wenn sie am 27. Oktober ihren Stimmzettel für die kommende Regierung abgibt, nicht länger für dumm verkaufen lassen will, sondern für aufrechte PolitikerInnen entscheidet. Alles andere wäre eine Katastrophe.
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