Ist Japan ein Paradies für russische Spione? Das Land will seine Abwehr stärken
Japan hat den Ruf, ein Paradies für Spione zu sein – den will es nun loswerden
Russische Agenten umgehen im grossen Stil Japans Exportverbot von Dual-Use-Technologien. Das ist relativ einfach, weil Tokio keine schlagkräftige Spionageabwehr hat.
18.07.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Russische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen richten in der Ukraine massive Schäden an – hier ein Angriff auf einen Wohnblock in Kiew. 90 Prozent dieser Waffen sollen japanische Bauteile enthalten.
Valentyn Ogirenko / Reuters
Als Russland im Februar 2022 seinen Grossangriff auf die Ukraine startete, reagierte Japan überraschend schnell und entschieden. Tokio schloss sich verschiedenen internationalen Sanktionen an. So schränkte es den Export von Dual-Use-Gütern ein, also von Gütern, die sowohl für zivile wie für militärische Zwecke verwendet werden können. Japans Hightech-Industrie produziert viele Komponenten, die für Waffenproduzenten interessant sind.
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Nun, mehr als vier Jahre später, zeigt sich, dass diese Sanktionen in grossem Stil umgangen werden. 90 Prozent der von Russland gegen die Ukraine eingesetzten Marschflugkörper, ballistischen Raketen und Drohnen enthalten laut der Nachrichtenagentur Kyodo japanische Komponenten. Sie beruft sich auf ukrainische Quellen.
Das Aeroflot-Büro als Nest für Spione
Zwar versucht Russland weltweit kriegswichtige Komponenten zu beschaffen, in Japan haben seine Agenten aber ein besonders einfaches Spiel. Denn Japans Spionageabwehr ist schwach aufgestellt. Es gibt keinen Inlandgeheimdienst, der ausländische Agenten überwacht.
«Die Polizei hat zwar ein Auge auf Agenten, die aus den ausländischen Botschaften heraus agieren», sagt Ken Kotani, Professor an der Nihon-Universität in Tokio und Experte für Nachrichtendienste. Solche, die aber zum Beispiel bei Tarnfirmen arbeiteten, hätten ziemlich freie Hand. Unter Experten trägt Japan schon lange den wenig schmeichelhaften Titel eines Paradieses für Spione.
Genau diese Schwäche scheint Moskau ausgenutzt zu haben, wie eine detaillierte Recherche der «New York Times» zeigt. Putin habe Japan in ein Nest von Spionen verwandelt, schreibt die Zeitung. Als Deckung diente offenbar die lokale Niederlassung der staatlich kontrollierten Fluggesellschaft Aeroflot in Tokio.
Über dieses Büro und mithilfe eines japanischen Partners wurden Hightech-Komponenten nach Russland geliefert, teilweise via Vietnam. Die Technologie stammt von bekannten Namen wie NEC, Panasonic, Toshiba – doch es gibt laut der «NYT» keine Anzeichen dafür, dass diese Firmen wissentlich nach Russland geliefert haben.
Dass Japans Nachrichtendienst veraltet ist, ist seit längerem bekannt. Nach dem Bericht der «New York Times» erklärte der Regierungssprecher Minoru Kihara, Japan müsse sich besser gegen ausländische Spionage schützen. Die Regierung hat den Handlungsbedarf also erkannt.
Denn die Bedrohungen sind vielfältig – allein schon in der Nachbarschaft, wo die drei Atommächte Russland, China und Nordkorea liegen. Mit Russland hat Japan einen Territorialstreit um einen Teil der Inselkette der Kurilen. China beansprucht die von Japan kontrollierten Senkaku-Inseln, macht militärisch Druck und rüstet rasant auf. Nordkorea entwickelt sein Atomwaffenarsenal weiter. Dazu kommt, dass Moskau, Peking und Pjongjang zunehmend enger zusammenarbeiten. Um sich zu schützen, benötigt Japan eine verlässliche Faktenbasis und Analyse dieser Entwicklungen.
Japan kann und will sich nicht mehr auf die USA verlassen
Der Experte Kotani sieht einen zweiten Grund, warum Japan dringend seine nachrichtendienstlichen Fähigkeiten ausbauen muss. Tokio habe bisher 90 Prozent seiner nachrichtendienstlichen Erkenntnisse über das Ausland von den USA erhalten. «Unter Trump wissen wir nicht, was morgen ist. Japan kann sich nicht mehr so stark auf Washington verlassen.» Diese Abhängigkeit sei aber schon früher problematisch gewesen, fügt er an. Denn die USA hätten allein entschieden, was sie mit Japan teilen wollten und was nicht. Tokio wusste häufig gar nicht, was es nicht wusste.
Bisher beschäftigten sich verschiedene Ministerien und Agenturen mit der Beschaffung von nachrichtendienstlichen Informationen. Doch diese blieben in den Silos, es fehlte ein schlagkräftiges Koordinationsgremium. Ende Mai hat das Parlament nun einen Gesetzesvorschlag von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi verabschiedet, der die Gründung eines Rats für Nachrichtendienste vorsieht.
Dieser Rat wird von der Regierungschefin direkt geleitet. Er fungiert als nachrichtendienstliche Kommandozentrale und soll die verstreut gesammelten Informationen zusammenbringen und analysieren. Laut Medienberichten soll er schon in den nächsten Wochen zum ersten Mal tagen.
Daneben entsteht ein neuer Nachrichtendienst, der operativ tätig sein wird, also aktiv Informationen beschafft. Zuerst im Inland, später auch international. Heute sammeln japanische Botschaften im Ausland keine geheimen Informationen. Künftig werden mit japanischem Diplomatenpass wohl auch Spione unterwegs sein.
In Vorbereitung ist auch ein Gesetz zur Spionageabwehr im Inland. Es liefert die Grundlage für die Bekämpfung ausländischer Agenten wie im Aeroflot-Büro. Die Regierung will den Vorschlag noch dieses Jahr ins Parlament bringen. Unklar ist, wie sie mit Bedenken umgeht, dass die Privatsphäre japanischer Bürger verletzt werden könnte. Die Details sind noch nicht bekannt.
Der Widerstand gegen einen Geheimdienst schwindet
Bereits frühere Regierungen hatten Anstrengungen unternommen, den Nachrichtendienst zu stärken. 1985 etwa musste die Regierung einen Gesetzesvorschlag zur Spionageabwehr zurückziehen, weil der Widerstand im Parlament zu gross war. Takaichi hat grössere Gestaltungsmöglichkeiten: Ihre persönlichen Popularitätswerte sind hoch, und sie verfügt im Parlament über eine solide Mehrheit.
Dazu kommt, dass sich die japanische Gesellschaft gewandelt hat. Ein Grund dafür, dass der Geheimdienst schwach aufgestellt war, lag in der autoritären Geschichte. In der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs diente die Spezielle Höhere Polizei, kurz: Tokko, vor allem auch dazu, die eigene Bevölkerung zu überwachen und die politische Opposition zu unterdrücken.
Befürchtungen, dass ein neuer Geheimdienst ähnlich missbräuchlich eingesetzt werden könnte, gibt es zwar, doch der Widerstand dagegen wird nur von kleinen Oppositionsparteien geäussert. Aufgrund der gegenwärtigen Bedrohungslage unterstützt die japanische Bevölkerung heute in grossen Teilen einen Ausbau der militärischen Fähigkeiten. Der Geheimdienst wird in diesem Licht gesehen.
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