Japanischer Staudenknöterich ist nicht tot zu kriegen – Forstamt testet Elektrolanze


Stand: 19.09.2026, 06:00 Uhr

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WetteraukreisJapanischer Staudenknöterich: Invasive Pflanze, verdrängt die heimische Flora.

Sarah Stark (Forstamt Nidda) steht vor dem Japanischen Staudenknöterich in Berstadt. Bevor er den Graben nebenan erobert, wird sie versuchen, ob sich die Pflanze mit elektrischem Strom abtöten lässt. © Nici Merz

Im Wetteraukreis verdrängt der Japanische Staudenknöterich heimische Pflanzen und ist kaum zu stoppen. Ein Naturexperte hat einen ungewöhnlichen Vorschlag, wie alle mithelfen könnten.

Wetteraukreis – Dem Japanischen Staudenknöterich kann man beim Wachsen zusehen. Zehn bis sagenhafte 30 Zentimeter kann die Pflanze pro Tag an Höhe zulegen. Wo man sie niedermäht, kommt sie wieder, unweigerlich, unerbittlich. Und verdrängt heimische Pflanzen, auf die Insekten angewiesen sind.

Drei bis vier Meter hoch können die Stauden mit den bambusartigen Stängeln und den cremefarbenen Blüten werden. „Wo sie wachsen, fällt kein Licht mehr auf den Boden“, erklärt der Naturexperte Frank-Uwe Pfuhl vom Nabu Wetterau. „Was dort wächst, kann keine Fotosynthese mehr betreiben und geht ein.“ Als Zierpflanze wurde der Knöterich im 19. Jahrhundert aus Ostasien nach Deutschland eingeführt, in der Wetterau ist er vor allem im Ostkreis vertreten (siehe Karte unten). Nun würde man ihn am liebsten loswerden. Aber wie?

Mähen muss regelmäßig wiederholt werden

„Die Bekämpfung des Knöterichs ist aufwendig, kostet Zeit und Geld“, sagt Sarah Stark vom Forstamt Nidda. Um sich ein Bild von einem „massiven Bestand“ zu machen, schlägt sie Wölfersheim-Berstadt vor. Gegenüber vom Hundesportplatz an der B 455 soll der Knöterich die kleine Pumpstation komplett umwuchert haben.

Japanischer Staudenknöterich in Wölfersheim-Berstadt

Kurz nachdem der Staudenknöterich am Straßenrand abgemäht wurde, wuchert er schon wieder üppig. © Julian Wessel

Doch an diesem Vormittag sind mehrere Mitarbeiter des Bauhofs dabei, die Pumpstation radikal freizuschneiden. Es ist die erste Maßnahme dieser Art, die Sarah Stark und Jagdpächter Olaf Warnke hier beobachten. Zufall? Oder hat ein Vögelchen dem Bauhof gezwitschert, dass die Zeitung kommt, um ein Foto zu machen?

Den Knöterich abzumähen und zu mulchen sei eine gängige Möglichkeit, um dessen Ausbreitung einzudämmen, erklärt Stark. „Das müsste aber fünf- bis sechsmal im Jahr gemacht werden, um die Pflanze dauerhaft zu schwächen.“

Seltene Libelle bedroht

Das Forstamt bekämpfe den Knöterich vor allem dort, wo geschützte Biotope bedroht seien. Hundert Meter weiter etwa wächst eine beachtliche Knöterich-Pflanze gleich neben dem Dorfwiesengraben. Und in dem lebt die Helm-Azurjungfer. Würde der Knöterich in den Bach ziehen, würde er die seltene Libellenart verdrängen. „Hier sollte man mal was machen“, sagt Stark.

„Glyphosat wäre relativ wirksam.“ Die Chemiekeule sei aber als „höchst kritisch“ zu bewerten, weswegen das Forstamt sie nicht einsetze. Im Wasserschutzgebiet wie hier am Dorfwiesengraben verbiete sich das Mittel von selbst.

Wölfersheim - Bauhof mäht Japanischen Staudenknöterich ab

Der Bauhof befreit die Pumpstation in Berstadt vom Japanischen Staudenknöterich. © Nici Merz

Mancherorts decke man den Knöterich mit dicken Folien ab, über Jahre hinweg. Ob das Verfahren dauerhaften Erfolg hat, muss sich noch zeigen. Immerhin kann der Knöterich in seinen Rhizomen Energievorräte für mehrere Jahre anlegen. Mit kochendem Wasser könne man die Zellstruktur des Knöterichs zerstören. Doch auch das sei langwierig und müsse mehrfach wiederholt werden.

Mit Hochspannung gegen den Knöterich

Stark möchte demnächst eine neue Methode ausprobieren: die Elektrolanze. Vor Kurzem hat sie einen Lehrgang für das Gerät absolviert, das eine Hochspannung von bis zu 5.000 Volt durch die Rhizome jagt. Dafür müsse man das Gerät an jeden Stängel einzeln anlegen – und ebenso mehrfach wiederholen. Praktikabel also nur auf kleinen Flächen. Vielleicht wird die Staude neben dem Dorfwiesengraben als Versuchsobjekt dienen.

„Man kriegt nicht alles tot“, sagt Sarah Stark. Doch wenn man die Maßnahmen im richtigen Abstand wiederhole, über Jahre hinweg, könne man den Knöterich zumindest zurückdrängen. „Das Ziel ist, seine Verbreitung zu verhindern.“

Im Kampf gegen den Knöterich: Alle Hebel ziehen

Effektiv wäre es, die Pflanzen mit ihren zwei Meter tiefen und weitläufig verzweigten Wurzeln mit dem Bagger auszugraben, überlegt Naturschützer Frank-Uwe Pfuhl, und in der Müllverbrennungsanlage zu vernichten. Bleibe auch nur ein einzelnes Wurzelrhizom in der Erde zurück, könne sich der Knöterich daraus zurückbilden. Insofern rät er davon ab, den Knöterich auszugraben: „Dann produziert man Hunderte Ableger.“ Im Kampf müsse man „alle Hebel ziehen“, sagt Pfuhl. Bevor der Knöterich „die wenige Mini-Wildnis, die wir noch haben“, übernehme, etwa Altgrasstreifen, die Kleintieren als wichtige Rückzugsorte dienen.

Olaf Warnke schlägt vor, Knöterich-Bewuchs durch Ziegen oder Rinder beweiden zu lassen. Dafür müsste man Pächter und Gemeinde überreden, an einem Strang zu ziehen. Warum nicht einen runden Tisch mit verschiedenen Playern auf Kreisebene einberufen, um eine überregionale Strategie zu entwickeln?

Pfuhl bietet eine weitere Lösung an. Die Sprossen des Japanknöterichs sollen einen süß-säuerlichen Geschmack haben, der an Rhabarber erinnert, und sind in Maßen genießbar. Im Netz findet man Rezepte: Stauden-Knöterich als Spargelgemüse, Kompott oder Schmandkuchen. „Aber so schnell können wir gar nicht essen“, sagt Pfuhl. „Oder alle müssen mitmachen.“

Der Staudenknöterich in der Wetterau

Der Japanische Staudenknöterich verbreitet sich über unterirdische Wurzelausläufer (Rhizome) und kleinste abgetrennte Pflanzenteile, mit Vorliebe entlang linearer Strukturen wie Wegesrändern, Bach- und Flussläufen oder Eisenbahnlinien. Dafür müssen die Sprossen bewegt werden. Etwa in Erdaushub oder indem sie an Autoreifen oder im Fell von Tieren hängen bleiben. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie hat ein Meldeportal für invasive gebietsfremde Arten in Hessen eingerichtet: https://www.hlnug.de/themen/
naturschutz/tiere-und-pflanzen/arten-melden/invasive-arten.

Frank-Uwe Pfuhl interpretiert die Meldungen im Wetteraukreis (siehe Karte) so, dass sich der Knöterich zwischen Butzbach, Hungen und Bad Vilbel eher ausbreiten kann, weil durch intensive landwirtschaftliche Nutzung weniger Kleinstrukturen (Altgrasstreifen, Raine, Hecken etc.) vorkommen. Daher gedeiht der Knöterich im Osten, wo die Landschaft weniger „gepflegt“ wird, etwa in den Höhenzügen (Vogelsberg und Büdinger Hügelland sowie entlang des Taunus im Westen).

Nachweise des Staudenknöterichs im Wetteraukreis

Nachweise des Staudenknöterichs im Wetteraukreis. © Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie