HIV-Fälle beiben im Kreis Göttingen eine Seltenheit
Stand: 19.09.2026, 06:00 Uhr
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Die Zahlen des Gesundheitsamts bleiben niedrig. Die niedersächsischen Aidshilfen wollen nun letzte Lücken bei der Prävention schließen.
Landkreis Göttingen – Sexuelle Erkrankungen, wie Tripper, Syphilis oder Chlamydien, haben im vergangenen Jahrzehnt bis 2024 in Europa um mehr als 300 Prozent zugenommen, wie aus Zahlen der EU-Gesundheitsbehörde hervorgeht. Auch das Robert Koch-Institut schätzt eine Zahl von 5580 Menschen, die Ende 2024 mit Aids in Niedersachsen gelebt haben: ein Plus von 150 Neuinfektionen. Grafische Darstellungen zum Bericht zeigen in beiden Fällen eine leichte Aufwärtskurve.
Queere Menschen sind doppelt gefährdet
Dass queere Menschen häufiger von sexuellen Erkrankungen betroffen sind, hat nicht mit ihrer sexuellen Orientierung zu tun. Biologische Gründe, wie die Tatsache, dass die analen Schleimhäute empfindlicher sind und die Netzwerke der queeren Gemeinschaft aus kleineren Personenkreisen bestehen, sind hier laut dem Gesundheitsamt ausschlaggebend. Mit dem Bekanntwerden von HIV in den 1980er Jahren wurde die Krankheit öffentlich vor allem mit Homosexualität verbunden.
Regionale Zahlen des Gesundheitsamts für Stadt und Landkreis Göttingen zeigen das nicht: „Positive Antikörpersuchtests wurden durch unsere Statistik in den vergangenen Jahren nur vereinzelt erfasst“, erklärt die Behörde. Dabei weist das Gesundheitsamt auch darauf hin, dass HIV selbst nicht gesetzlich meldepflichtig sei, nur die anonymisierten Labortests. Demnach habe es einen positiven Aids-Fall in zwei Jahren gegeben, davor ein bis zwei Fälle pro Jahr. „Somit gibt es keine für uns sichtbare dynamische Entwicklung, die für einen Anstieg der HIV-Infektionen in der Stadt und den Landkreis Göttingen spricht.“
„Um Menschen mit höherem Infektionsrisiko bestmöglich zu schützen, bieten wir gezielte Unterstützung an“, erklärt das Gesundheitsamt. Dazu bietet es im Rahmen einer wöchentlichen HIV‑Sprechstunde am Göttinger Hauptsitz montags von 10 bis 12 Uhr und donnerstags von 13 bis 15 Uhr Aufklärung und Bluttests an. Zielgruppe ihres Angebots sind im Besonderen Männer, die Geschlechtsverkehr mit anderen Männern haben, sowie trans- und nicht-binäre Personen. In diesen Gruppen zeige sich statistisch ein höheres Vorkommen von Infektionen. Berufsgesetzlich sind auch Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter zu Tests auf Erkrankungen verpflichtet. Die Zahl der Tests pro Jahr bewege sich im unteren dreistelligen Bereich.
Beratung, Tests und Prävention gehören auch zu den Aufgaben der Aidshilfen. In Südniedersachsen hat diese ihren Sitz in Göttingen, bietet aber auch bei Bedarf Treffen für die Betroffenen vor Ort an. Sie folgen dabei einer landesweiten Entwicklung: „Seit Corona setzen wir verstärkt auf mobile Beratungen und Tests im ländlichen Raum“, erklärt Koordinator Pascal Vergne von der Aidshilfe Niedersachsen.
Ein Teil der Präventionsarbeit findet dabei auch im Rahmen der Sexualaufklärung an Schulen im ganzen Kreis statt: Hier gibt es neben Angeboten des Gesundheitsamts und der Aidshilfen auch weitere Vereine, die eigene Workshops und Schulungen anbieten. „Liebesleben“ heißt eines der Projekte, in welches das Gesundheitsamt seine früheren Veranstaltungen überführt hat. Dabei werden Lehrkräfte fortgebildet, um anschließend sexuelle Gesundheit im Unterricht behandeln zu können.
Aidshilfen sehen Gefahr durch Lücken im System

Rund um das Thema sexuelle Gesundheit haben sich die niedersächsischen Aidshilfen am Freitag bei einer Fachtagung in Göttingen getroffen. Mehr als 70 Vertreterinnen und Vertreter von Gesundheitsämtern und Aidshilfen in Niedersachsen, sowie Gäste aus Rheinland-Pfalz, Bayern und Hamburg waren dort vertreten. Als Vertreter der Landespolitik sprach auch Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) ein Grußwort – im Gegenzug konnten ihm die Anwesenden Anliegen vorbringen und Fragen stellen.
Dass queere Lebenswelten – etwa Menschen mit schwuler, lesbischer oder bisexueller Orientierung, sowie transsexueller Geschlechtsidentität – bei der Fachtagung im Mittelpunkt standen, erklärt Pascal Vergne von den Aidshilfen damit, dass diese statistisch häufiger betroffen seien. Entsprechend würden diese auch schneller merken, wenn es Probleme bei der medizinischen Versorgung gäbe.
„Es gab zuletzt 2023 einen Engpass bei der PrEP-Versorgung. Wir wollen nun hören, was der Plan der Politik gegen solche Situationen ist“, sagt Vergne. PrEP steht für Prä-Expositions-Prophylaxe: ein tablettenförmiges Medikament, das HIV-negative Menschen nehmen können, um eine Ansteckung bei HIV-positiven Kontakten zu vermeiden. Der Nutzung von PrEP sei es zu verdanken, dass die HIV-Zahlen in Deutschland konstant bleiben, erklärt Aidshilfen-Landesgeschäftsführerin Christin Engelbrecht. Etwa 40.000 Menschen nutzen laut einer Schätzung der Deutschen Aidshilfe das Medikament.
Die PrEP-Versorgung berührte Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippis Vortrag unter dem Gesichtspunkt sichere Lieferketten. „Es ist erfreulich, dass die Versorgung aktuell sicher ist“, erklärte der SPD-Politiker. Dennoch müsse auch in Zukunft die Produktion solcher Medikamente in Europa bleiben.
Ein anderer wichtiger Punkt ist aus Sicht der Aidshilfen, dass Gruppen wie Geflüchtete oder Häftlinge erschwerten Zugang zu jenem Schutz vor sexuellen Erkrankungen haben. „Solche Lücken ermöglichen die Ausbreitung“, beschreibt Vergne das Problem. Auch von der Landespolitik wird das als Problem wahrgenommen: Philippi versprach dazu, eine Verbesserung der Minimalversorgung in der Gesundheitsministerkonferenz zum Thema zu machen.
Die Erwartungen dämpfen musste der Minister hingegen im Hinblick auf mehr Geld vom Land für die Aidshilfen. Zwar sei die Landesregierung dankbar für das Engagement, allerdings sei es bei der derzeitigen Haushaltslage nicht ohne Weiteres möglich, noch mehr Geld für weitere Beratungsstellen bereitzustellen, wie es Beiträge aus dem Publikum anregten.
Auch der restliche Tag stand weiter im Licht jener Themen: Bei weiteren Inputs und Workshops sollten die Anwesenden die Möglichkeit erhalten, dazu die Diskussion fortzusetzen.
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