Jeder dritte Euro auf Pump: Ratingagenturen warnen vor Klinbgeils Schuldenkurs


Stand: 06.09.2026, 12:18 Uhr

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Im Bundestag beginnt eine heikle Haushaltsdebatte. Neue Schulden, höhere Zinsen und scharfe Warnungen setzen Finanzminister Klingbeil unter Druck.

München – Jeder dritte Euro, den Deutschland 2027 ausgibt, ist geliehen. Mit dieser Zahl beginnt im Bundestag eine der heikelsten Haushaltsdebatten seit Jahren. Der Haushaltsentwurf von Finanzminister Lars Klingbeil sieht Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro vor. Die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt soll bei 118,7 Milliarden Euro liegen – nach geplanten 98 Milliarden Euro im laufenden Jahr 2026.

Lars Klingbeil: Der Bundesfinanzminister bringt den Haushaltsentwurf 2027 in den Bundestag ein. Geplant sind Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro und eine hohe Neuverschuldung.

Lars Klingbeil: Der Bundesfinanzminister bringt den Haushaltsentwurf 2027 in den Bundestag ein. Geplant sind Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro und eine hohe Neuverschuldung. © Kay Nietfeld/dpa

Rechnet man die neuen Schulden aus den Sondervermögen für Infrastruktur und Bundeswehr hinzu, erreicht die Gesamtneuverschuldung 2027 gut 200 Milliarden Euro. Ratingagenturen, Bundesrechnungshof und Unionspolitiker warnen deshalb vor wachsenden Risiken für die Staatsfinanzen. Im Kern geht es um eine Frage, die über diesen Haushalt hinausreicht: Wie lange kann Deutschland steigende Ausgaben mit immer neuen Schulden finanzieren?

Bundeshaushalt 2027 sieht 555,4 Milliarden Euro vor

Der Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2027 markiert einen deutlichen Ausgabensprung. Nach Angaben des Bundestags sollen die Ausgaben des Bundes von 524,5 Milliarden Euro im laufenden Jahr auf 555,4 Milliarden Euro im kommenden Jahr steigen. Zugleich wächst die geplante Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt um 20,7 Milliarden Euro auf 118,7 Milliarden Euro.

Noch größer wird die Summe, wenn die kreditfinanzierten Sondervermögen eingerechnet werden. Reuters beziffert die gesamte neue Kreditaufnahme für 2027 auf 203,6 Milliarden Euro. Davon entfallen 118,7 Milliarden Euro auf den Kernhaushalt, 54,9 Milliarden Euro auf das Sondervermögen für Infrastruktur und 30 Milliarden Euro auf das Sondervermögen Bundeswehr.

Ratingagenturen warnen vor steigender Zinslast

Die Ratingagentur Fitch warnt vor den Folgen der wachsenden Kreditaufnahme. „Obwohl Deutschland weiterhin von vergleichsweise günstigen Finanzierungskonditionen profitiert, verteuern höhere Kapitalmarktzinsen und die wachsende Kreditaufnahme den Schuldendienst“, sagte Malgorzata Wegner, Deutschland-Expertin bei Fitch, der Welt am Sonntag.

Die europäische Ratingagentur Scope sieht das Problem ähnlich. Ihr Deutschland-Analyst Julian Zimmermann erklärte, wenn ein größerer Teil des Haushalts für Zinsen aufgewendet werden müsse, stünden weniger Mittel für andere politische Vorhaben zur Verfügung. Das erhöhe den Druck, die Staatsfinanzen zu konsolidieren und Defizite langfristig zu senken.

Mehr Geld für Zinsen, weniger Spielraum für Politik

Der Schuldendienst wird damit zu einem immer wichtigeren Faktor im Bundeshaushalt. Für die Bundesschuld sind im Regierungsentwurf 2027 rund 43,6 Milliarden Euro vorgesehen. Dieses Geld steht nicht für Investitionen, Entlastungen, Verteidigung, Bildung oder Sozialpolitik zur Verfügung, sondern fließt an Gläubiger des Staates.

Für Verbraucher und Steuerzahler ist das mehr als eine abstrakte Haushaltszahl. Je stärker Zinsausgaben den Etat binden, desto kleiner wird der politische Spielraum. Auf Dauer steigen damit die Risiken für Kürzungen, höhere Abgaben oder neue Steuerdebatten. Genau davor warnen nun Ratingagenturen und Haushaltspolitiker.

Union fordert strengeren Sparkurs

Warnungen kommen auch aus den Reihen der Koalition selbst. Christian Haase, Chefhaushälter der Unionsfraktion, sagte, die steigenden Zinsausgaben würden „auf Sicht zu unserem größten Problem“. Unionsfraktionsvize Mathias Middelberg wurde noch deutlicher. „Wir leben knallhart über unsere Verhältnisse. Jeder dritte Euro, den wir ausgeben, ist auf Pump. Wir müssen noch viel strenger sparen“, sagte der CDU-Politiker der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Mit Blick auf die Neuverschuldung 2027 warnte Middelberg: „Ein so hoher Schuldenanteil ist auf Dauer brandgefährlich.“ Er mahnte zudem vor dem Verlust des erstklassigen Kreditratings. Ein schlechteres Rating könnte die Finanzierungskosten des Staates erhöhen. Das würde den Haushalt zusätzlich belasten – und könnte mittelbar auch Bürger treffen, wenn Kredite teurer werden oder Preise steigen.

Bundesrechnungshof kritisiert Schuldenkurs

Auch der Bundesrechnungshof kritisierte vor Beginn der Beratungen den Schuldenkurs der schwarz-roten Koalition. Die Prüfer sehen die Gefahr, dass Deutschland dauerhaft in eine immer schwierigere Haushaltslage gerät. Die Botschaft ist klar: Auch ein wirtschaftlich starkes Land kann sich nicht unbegrenzt auf günstige Finanzierung verlassen.

Finanzminister Klingbeil verweist dagegen auf internationale Krisen, Verteidigungsbedarf und Investitionen in die Zukunft. Aus Sicht der Bundesregierung soll der Haushalt Deutschland krisenfester machen. Die höheren Schulden werden also nicht allein als Problem beschrieben, sondern auch als notwendiger Preis für Sicherheit, Infrastruktur und wirtschaftliche Modernisierung.

Sparrunde soll neu aufgesetzt werden

Middelberg fordert dennoch, die laufende Sparrunde „zeitnah und mit mehr Ehrgeiz für die kommenden Haushalte neu aufzusetzen“. Dabei dürften auch Programme mit der Aufschrift „Klima“ kein Tabu sein. Als Beispiele nannte er die Förderung von Wärmepumpen und Elektrobussen, bei denen er keine belegbare Effizienz sehe.

Damit verschiebt sich die Haushaltsdebatte in Richtung Prioritätenstreit. Welche Ausgaben gelten als Zukunftsinvestition? Welche Programme sind verzichtbar? Und wo beginnt politisch riskanter Sozial- oder Klimakürzungskurs? Für Klingbeil wird diese Debatte heikel, weil der Etat zugleich höhere Verteidigungsausgaben, Investitionen und soziale Verpflichtungen finanzieren muss. (Quellen: Welt am Sonntag, Neue Osnabrücker Zeitung, Reuters) (mare)