„Jetzt sind wir wirklich ein Land“


Stand: 03.10.2026, 08:00 Uhr

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Haben die Wende sehr unterschiedlich erlebt: Warngaus Bürgermeister Andreas Beilhack und seine aus Dresden stammende Frau Daniela.

Haben die Wende sehr unterschiedlich erlebt: Warngaus Bürgermeister Andreas Beilhack und seine aus Dresden stammende Frau Daniela. © THOMAS PLETTENBERG

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 war Deutschland wieder vereint. Doch es hat eine Weile gedauert, bis aus „Ossis“ und „Wessis“ Deutsche wurden. Anlässlich des Tags der Deutschen Einheit sprachen wir mit Warngaus Bürgermeister Andreas Beilhack (50) und seiner Frau Daniela (50). Der Bayer und die gebürtige Sächsin sind seit bald 25 Jahren verheiratet.

Warngau – Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 war Deutschland wieder vereint. Doch es hat eine Weile gedauert, bis aus „Ossis“ und „Wessis“ Deutsche wurden. Anlässlich des Tags der Deutschen Einheit sprachen wir mit Warngaus Bürgermeister Andreas Beilhack (50) und seiner Frau Daniela (50). Der Bayer und die gebürtige Sächsin sind seit bald 25 Jahren verheiratet.

Was gibt‘s im Hause Beilhack zum Frühstück: Nudossi oder Nutella?

Daniela Beilhack: Beides. Nudossi wird in Sachsen produziert. Aber es ist nicht so, dass ich bei jedem Besuch ein Glas kaufe! (lacht) Wir mögen die Abwechslung.

Gibt es bei Ihnen daheim interkulturelle Hürden?

Andreas Beilhack (überlegt): Mei, eigentlich nicht. Meine Frau ist schon mit 17 Jahren nach Bayern gekommen und hat sich brutal schnell an das Bairische akklimatisiert.
Daniela Beilhack:Ich musste ja! (lacht) Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, das Bairische zu verstehen und bestenfalls eines Tages auch zu sprechen. Aber mit 17 ist man noch in der Entwicklung. Die Menschen, die ich in der Ausbildungszeit und darüber hinaus kennenlernen durfte, haben mich geprägt. Unterstützt in allen Bereichen hat mich der Anderl. Wir sind den Weg gemeinsam gegangen.
Andreas Beilhack:Die Liebe hat alle Hürden überwunden.

Abgesehen von der Sprachbarriere: Welche Unterschiede fielen Ihnen auf?

Andreas Beilhack: Mir sind eher die Gemeinsamkeiten aufgefallen. Es hat mich überrascht, dass Bayern und Sachsen sich in ihrer Grund-DNA sehr ähnlich sind. Das Fleißige haben beide. Und das Ehrliche: Sie sind geradeheraus. Aber auch das Sture, dieses „Mia san Mia“. Übrigens: König Ludwig I. war auch mit einer Sächsin verheiratet. Wir bewegen uns also auf historischen Spuren (lacht).

Wie reagierte Ihre Familie damals auf Ihre Partnerwahl?

Andreas Beilhack: Der Opa meiner Frau hat erst gesagt: „Um Gottes Willen, ein Bayer, hast du keinen Gescheiten finden können!“ Umgekehrt war’s genauso. Es hat gedauert, bis Akzeptanz da war.

War Religion ein Thema?

Andreas Beilhack: Ich muss da an unsere Hochzeit denken. Ich bin römisch-katholisch, meine Frau konfessionslos. Also bin ich zum Pfarrer, habe gesagt, dass ich gern kirchlich heiraten möchte, aber meine Frau leider nix ist. Daraufhin der Pfarrer: „Das stimmt so nicht. Ihre Frau ist eine sehr liebenswerte Person, sonst würden Sie sie nicht heiraten wollen.“ Daniela Beilhack: Zu mir hat der Pfarrer gesagt: „Mädel, würdest du deine Kinder römisch-katholisch erziehen?“ Sage ich: „Selbstverständlich.“ Sagt er: „Dann kriegt ihr den Segen.“

Wie haben Sie die Zeit der Wende und der Wiedervereinigung erlebt?

Daniela Beilhack: Im Osten war alles im Umbruch. Die Menschen waren damit beschäftigt, neue Wege für sich und ihre Familien zu finden. Da herrschte große Unsicherheit. Für meine Mutter war das schlimm. Ich als Jugendliche wollte eine Perspektive haben. Deshalb habe ich meine Koffer gepackt und bin nach Bad Tölz gegangen, wo ich eine Ausbildungsstelle im Hotelfach gefunden hatte. Andreas Beilhack: Ich war damals 14, 15 Jahre alt und habe die Wende mehr oder weniger verschlafen. Man hat’s natürlich über die Nachrichten mitbekommen, aber zu dieser Zeit hat mich das nicht berührt. Erst durch die Beziehung zu meiner Frau, die ich mit 17 Jahren auf der Geburtstagsparty eines gemeinsamen Freundes kennengelernt habe, war ich mit dem Thema konfrontiert.

Frau Beilhack, sind Ihnen die Menschen im Westen damals mit Vorurteilen begegnet?

Ja, als ich mit 17 Jahren gekommen bin. Da kamen Sprüche wie: „Du nimmst unseren Jugendlichen den Ausbildungsplatz weg.“ Ich hatte große Schwierigkeiten, ein Zimmer zu finden. Wenn ich gesagt habe, woher ich komme, wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das war nicht schön. Diese Zeit hat mich geprägt. Ich bin dadurch der Mensch geworden, der ich heute bin. Ich setze mich an der Berufsschule, an der ich unterrichte, für die Jugendlichen ein, denen es ähnlich geht wie mir damals. Viele Auszubildende kommen aus fernen Ländern. Andreas Beilhack: Hätte ich es damals nicht miterlebt, hätte ich es nicht geglaubt. Viele haben gesagt: „Na, Ossis wollen wir nicht.“ Das war erschreckend. Seither hat sich Gott sei Dank vieles gedreht. Jetzt sind wir wirklich ein Land!