Hormus-Blockade: Kapitän sieht Akt des Krieges – „auch gegen uns“
KI-Stimme. Info
Militärangriffe und diplomatische Vorstöße wechseln sich seit Monaten im Nahen Osten ab. Die Lage ändert sich seit Beginn des Iran-Krieges im Februar jedoch kaum. Mehr als tausend Schiffe sitzen noch immer im Persischen Golf fest, weil die Straße von Hormus nicht passierbar ist. Moritz Brake ist Kapitän und Reserveoffizier. Dazu leitet er als Sicherheitsexperte die Beraterfirma Nexmaris. Brake sagt, die Schiffsbesatzungen würden oft unter Lebensgefahr arbeiten.
Herr Brake, wie geht es einer Schiffsbesatzung bei Temperaturen von 40 bis 50 Grad Celsius, kaum Wind und kaum Wellen wie derzeit im Persischen Golf?
Moritz Brake: Selbst unter günstigsten Bedingungen kann das schnell sehr anspruchsvoll werden. Es kommt aber auf den technischen Zustand der Schiffe an, wenn die dort länger vor Anker liegen. Die hohen Temperaturen können die Klimaanlagen an ihre Grenzen bringen. Und das gilt nicht nur für die Handelsschiffe, sondern auch für die Kriegsschiffe.
Was heißt das?
Bei Frachtschiffen kann es sein, dass die Kühlsysteme vor allem für die Ladung gedacht sind. Und bei Kriegsschiffen ist es möglich, dass die Kühlsysteme vor allem für die Rechenkapazität der Computer und technischen Systeme gedacht sind und nicht unbedingt für die Besatzung.
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Was hat für einen Kapitän in so einer Situation die höchste Priorität?
Die allerhöchste Priorität einer Kapitänin oder eines Kapitäns ist die Sicherheit der Besatzung. Wenn ich mich entscheiden muss, wiegt das Menschenleben höher als der Sachwert des Schiffes oder der Sachwert der Ladung.

Moritz Brake ist Kapitän und Experte für maritime Sicherheit. Dazu ist er Gründer und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Nexmaris und Senior Fellow an der Universität Bonn.© Nexmaris | Privat
Welche Konsequenzen folgen daraus?
Diese Prioritäten zeigen einen Kern des Dilemmas im Persischen Golf. Wir haben Besatzungen auf Schiffen, die dazu da sind, das Schiff zu hüten, einsatzfähig zu halten und die Sachwerte zu schützen. Und das machen sie auch unter Lebensgefahr.
Was sind das für Schiffe und woher kommen die Besatzungen?
Container, Öltanker, Stückgutfrachter – es handelt sich um mehr als 1100 Handelsschiffe aller Art und Größen aus allen möglichen Ländern. Von den ursprünglich 50 deutschen Schiffen befinden sich noch rund 20 im Persischen Golf. Oft fahren sie mit deutschen Kapitänen. Die Besatzungen stammen häufig aus den Philippinen oder auch aus Kiribati oder Fidschi.
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Wie werden sie versorgt?
Von den Häfen der Golfstaaten aus kann man die Schiffe gut mit allem versorgen, was nötig ist. Nur im Hinblick auf die Sicherheit gibt es gute Gründe, diese Schiffe zu evakuieren. Dann würden sie jedoch besatzungslos vor Anker liegen. Sie wären gefährdet durch Wetterphänomene und mögliche Schäden, zum Beispiel wenn sich eine Ankerkette löst. Darüber hinaus könnte ein aufgegebenes Schiff auch jemand anders in Anspruch nehmen. Das See- und Bergerecht erlaubt das.
Die International Maritime Organization (IMO) der Vereinten Nationen hatte Ende Juni einen Evakuierungsplan herausgegeben. Was halten Sie von so einem Plan?
Das Interessante an dem Plan ist, dass es sich um einen Evakuierungsplan vor allem für Schiffe handelt, also für Sachwerte. Wenn es um die Menschen ginge, dann könnte man die einfach mit Booten oder auch mit Hubschraubern an Land bringen und ausfliegen. Man müsste deren Leben auf der Passage durch die Straße von Hormus nicht riskieren.
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Wie hoch ist der Wert eines Schiffes?
So ein großes, modernes Containerschiff kann den Wert einer kleinen Volkswirtschaft erreichen mit einem Jahresbruttoinlandsprodukt von vielleicht einer Milliarde Euro. Ein großer Tanker kann 300.000 Tonnen Rohöl laden, und daraus könnte man vielleicht 200 Millionen Liter Diesel und Benzin herstellen, was einem Tagesbedarf der gesamten Bundesrepublik Deutschland entspricht.
Ist denn irgendjemand dem Evakuierungsplan gefolgt?
Der Plan war vom 23. bis 25. Juni nur für zwei Tage aktiv. Die Gefahrensituation eskalierte schnell wieder, weil die Verhandlungen der USA und des Iran letztlich fundamental unvereinbar scheinen. Die International Maritime Organization, IMO, spricht von 57 erfolgreichen Schiffspassagen und etwa 1100 evakuierten Seeleuten in dem Zeitraum.
Warum liegen noch so viele Schiffe im Persischen Golf? Gab es nicht genügend Zeitfenster, um alle rauszubringen?
Nein, die gab es nicht. Es gab kurze Zeitfenster, in denen unter dem Schutz der US-Marine Schiffe rausgebracht wurden. Aber das reichte nur für wenige. Und das geschah unter großen Risiken, denn auch die US-Marine ist nicht in der Lage, absolute Sicherheit zu garantieren. Der Iran hat die Fähigkeit, an dem Schutzschirm eines amerikanischen Zerstörers vorbei Treffer zu landen. Dazu gibt es weiterhin die Gefahr durch Minen. Wir hatten auch Fälle, in denen Handelsschiffe mit dem Regime Deals zum Beispiel über eine Zahlung von Schutzgeld gemacht hatten und bewusst die nördliche Route dicht am Iran gefahren sind. Trotzdem wurden sie angegriffen oder festgesetzt.
Und trotzdem sind einige rausgekommen. Die Hamburger Großreederei Hapag-Lloyd teilte zuletzt mit, sie habe keine Schiffe mehr im Persischen Golf. Wie ging das?
Die US-Marine hatte zeitweilig ein System installiert, über das unter ihrem Schutz schätzungsweise bis zu 30 Schiffe am Tag ausgefahren sind – immer auf eigenes Risiko. Das deutsche Marinekommando hatte den Reedern anheimgestellt: „Wenn ihr das machen wollt, koordiniert euch mit der US-Marine, aber es ist immer auf eigenes Risiko, empfehlen können wir das nicht“. Über den genauen Ablauf ist nichts öffentlich gemacht worden.
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Welchen Beitrag kann sich die Bundesregierung zur Lösung der Situation an der Straße von Hormus leisten?
Dazu müssen wir uns fragen: Was bedeutet die Lage vor Ort für uns und unsere Interessen? Die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran ist ein Akt des Krieges, der sich auch gegen uns richtet. Das heißt, wir sind längst im Feuer. Wir haben uns aber entschieden, darauf nicht militärisch zu reagieren, genauso wie das die Golfstaaten weitgehend nicht getan haben. Aber das heißt nicht, dass wir das immer auf Dauer tun müssen. Vor allem sollten wir gucken, was die Golfstaaten machen, und uns fragen, was können wir tun, um denen zu helfen.
Womit können wir den Staaten am Golf denn helfen?
Wir haben die Möglichkeiten, sie mit Flugabwehrsystemen zu ertüchtigen, damit sie der Gefahr aus dem Iran besser begegnen können. Die Kombination aus Schwärmen von Drohnen plus Marschflugkörpern plus ballistischen Raketen ist eine Riesenherausforderung für alle modernen Flugabwehrsysteme, auch unsere. Auch wir wären nicht in der Lage, uns gegen diese Art Angriffe im Land zu verteidigen. So wie wir die Ukraine gegen die Angriffe aus Russland unterstützen, müssen wir auch die Golfstaaten gegen den Iran unterstützen in der Fähigkeit, diese Art Angriffe abzuwehren. Dazu können wir unsere Technologien zum Beispiel zur Minenabwehr in die Waagschale werfen.
Was haben wir davon?
Alles, was wir am Persischen Golf aufbauen und lernen – sozusagen live lernen –, hilft uns hier, um zu wissen, wie wir die Mittel für das Militär auch bei uns besser investieren können. Vor allem aber schafft es uns Freunde, die auch wir in der Not brauchen werden. Denn die Not kommt uns immer näher. Das sehen wir an der Straße von Hormus, das sehen wir in der Ukraine, das sehen wir an der Entwicklung in der Welt.