Karlsfeld: Zittern bei Parkinson-Patient gestoppt – „ein Wunder“


Stand: 31.08.2026, 13:50 Uhr

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Karl Walter und Klaus Englert

Karl Walter (li.) und Klaus Englert haben sich beide einer MRgFUS-Therapie unterzogen. © Marcus Schlaf

2018 gründet der Karlsfelder die Selbsthilfegruppe Karlsfeld-Dachau. Die MRgFUS kostet rund 20.000 Euro, die Krankenkasse zahlt nach Widerspruch.

Karlsfeld – Den Löffel mit Obstsalat zum Mund führen, eine Tasse Tee einschenken oder Knöpfe am Hemd schließen – für Karl Walter war das, was für andere Menschen selbstverständlich ist, eine tägliche Herausforderung. Vor neun Jahren bekam der ehemalige Berufsoffizier die Diagnose Parkinson. Der Tremor wurde immer stärker. „Doch seit drei Jahren bin ich zitterfrei“, freut sich der Karlsfelder (83). Er hat sich 2023 mit der MRgFUS erfolgreich therapieren lassen.

Diagnose Parkinson

2015 wurde bei Karl Walter von seinem Münchner Neurologen die Krankheit „tremorbetonter Parkinson“ diagnostiziert. „Das war für mich ein Schock, denn ich wusste, dass Parkinson nicht heilbar ist.“ Durch die Auseinandersetzung mit der Nervenkrankheit erkannte er: „Einerseits kann der Krankheitsverlauf mit hoher Selbsteinbringung und vielseitigen Therapien verlangsamt werden. Andererseits aber bleibt den meisten Patienten diese Erkenntnis mangels Aufklärung verborgen.“ Um dem entgegenzutreten, gründete Walter 2018 mit seinem ebenfalls an Parkinson erkrankten Bekannten Klaus Englert die Parkinson-Selbsthilfegruppe Karlsfeld-Dachau (SHG). „Mit Unterstützung von Neurologie-Experten erfuhren wir schließlich auch von der magnetresonanzgesteuerten Ultraschalltherapie MRgFUS.“

Die beiden Karlsfelder organisierten Expertenrunden, Bewegungsangebote oder auch den Anti-Tremor-Tag in der SHG. Doch mit den Jahren sei Karl Walter in ein Stadium gekommen, „in dem ich mich geschämt habe, öffentlich etwas zu essen, weil alles daneben ging“. Trinken habe nur noch mit einem Strohhalm geklappt. „Nicht mal mehr Strümpfe konnte ich alleine anziehen.“ Seinem Freund Klaus Englert ging es nicht viel besser. Deshalb stand für beide fest: „Die MRgFUS ist für uns wie auf den Leib geschneidert.“

Nur wenige Kliniken

Das Problem: „Es gab und gibt nach wie vor kaum Kliniken hierzulande, die diese Therapie anbieten.“ Untersucht wurden beide schließlich an der Uniklinik Kiel. „Die Ärzte haben danach entschieden, dass die Therapie anstelle der tiefen Hirnstimulation bei uns angewendet werden kann.“

Woman with trembling hands, nervous gesture

Viele Parkinson-Betroffene leiden unter Zittern. © smarterpix

Ende März 2023 unterzog sich Walter der Behandlung, Klaus Englert (63) folgte im Mai. „Ich war so überzeugt von der Kompetenz der Ärzte, dass ich keine Angst hatte“, sagt Walter. „Erst wurde ich kahl geschoren, damit sich zwischen den Ultraschallquellen und der Schädel㈠oberfläche keine Luftbläschen bilden. Dann bekam ich den Ultraschall-Helm aufgesetzt.“ Anschließend sei er auf einer Liege mit dem Helm voraus in die MRT-Röhre gefahren. „Man bekommt zwar eine lokale Betäubung, bleibt aber wach.“ Der Arzt steuert die Ultraschallwellen so, dass sie sich punktgenau im Zielgebiet bündeln. „Für die Behandlung war ich sechsmal in der Röhre“, erinnert sich Karl Walter. Zweieinhalb Stunden später wurde er auf einen Stuhl platziert und blickte staunend auf seine Hand. „Ich habe nicht mehr gezittert. Das war wie ein Wunder für mich!“

MRgFUS

Bei der MRgFUS‑Therapie erhalten Patienten eine Art Helm. © insightec

Die Kosten für seine Therapie: etwa 20.000 Euro. „Das ist ungefähr die Hälfte der Kosten einer tiefen Hirnstimulation. Meine Versicherung lehnte den ersten Antrag auf Vergütung ab, musste aber, nachdem ich auf die europäischen Leitlinien verweisen konnte, die Kosten übernehmen“, sagt Walter und betont: „Es empfiehlt sich auch heute noch, den Eingriff im Voraus mit der Krankenkasse abzuklären.“

Kein Rückfall

Bis heute sei der Tremor nicht zurückgekehrt. „Ich habe mit schwacher Medikation wieder die Kontrolle über meinen Alltag.“ Um die Therapie auch anderen Betroffenen näherzubringen, hält er Vorträge und erstellte einen Businessplan über den Nutzen von MRgFUS-Zentren, den er im Gesundheitsausschuss des Bayerischen Landtags vorstellte. „Allein in Bayern leben 45.000 Menschen mit Parkinson und etwa 118.000 mit essenziellem Tremor. Über 25 Prozent werden zum Pflegefall. Im Großraum München kostet ein Pflegeplatz aber monatlich 6000 Euro.“ Walters Rechnung: „Da ich nicht zum Pflegefall geworden bin, wurden allein bei mir in den vergangenen drei Jahren 200.000 Euro Pflegekosten eingespart.“ Eine Spezialklinik könne also nicht nur Lebensqualität zurückbringen, sondern auch Kosten senken. „In Japan gibt es bereits 18 MRgFUS-Zentren, in Spanien 14.“ Diese Anzahl wünscht er sich auch hier. „Jeder, der an starkem Zittern leidet, sollte auch bei uns die Chance auf ein besseres Leben bekommen.“

Hier gibt es Hilfe

Sie haben die Diagnose Parkinson: Hilfe bieten Karl Walter und das Leitungsteam der Parkinson-Selbsthilfegruppe Karlsfeld-Dachau, z. B. mit wöchentlich stattfindenden Bewegungsprogrammen wie Nordic Walking und Tischtennis. Jeden letzten Donnerstag im Monat werden von Experten für Betroffene und Angehörige sowie Interessenten therapie-relevante Themen vorgestellt und diskutiert. Ort: Bürgertreff Karlsfeld, Rathausstraße 65, 85757 Karlsfeld. Ferner besteht über das Landratsamt Dachau eine Vernetzung mit sozialen Einrichtungen. Mehr Infos online: www.parkinsontreff-karlsfeld.jimdofree.com/