Kaum einer liest Zeitung – fast alle Jugendlichen informieren sich auf TikTok


Stand: 08.09.2026, 07:20 Uhr

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TikTok ist eine der beliebtesten Nachrichtenquellen bei Jugendlichen.

TikTok ist eine der beliebtesten Nachrichtenquellen bei Jugendlichen. © Imago

Ein Chefredaktionsmitglied erklärt einer achten Klasse, wie Journalisten Fake News entlarven. Er bringt dafür konkrete TikTok-Beispiele mit in den Unterricht.

Offenbach – „Wer von euch liest die Zeitung?“ Als diese Frage im Klassenraum der Albert-Schweitzer-Schule (ASS) fällt, schnellt kein Finger nach oben. Ganz anders sieht es aus, als die Jugendlichen gefragt werden, ob sie sich über TikTok informieren. Nahezu jeder der 13- bis 14-Jährigen hebt die Hand. „Auf einer Ü50-Veranstaltung sähe das Ergebnis wohl anders aus“, merkt Jörg Moll belustigt an.

Das Schulprojekt „Medienkompetenz heute!“ soll Jugendliche auch mit der Zeitung und dem Beruf des Journalisten vertraut machen. Jörg Moll, Mitglied der Chefredaktion, in der Albert Schweitzer Schule in Offenbach.

Auf Social Media gehen oft Inhalte viral, die starke Emotionen wecken sollen. Fakten werden dabei nebensächlich. © Leonie Schäfer

Als Mitglied der Chefredaktion und Leiter der Sportredaktion gibt er den Schülerinnen und Schülern einen Einblick in den Redaktionsalltag in einem Zeitungshaus. Erzählt, wie Journalisten Fake News entlarven, Schlagworte einordnen und wie Printmedien langsam aber sicher Fuß in der digitalen Welt fassen. Denn wer auch für eine junge Zielgruppe relevant sein will, muss mit der Zeit gehen.

Redakteur zu Besuch in der Offenbacher Klasse: Schüler der Albert-Schweitzer-Schule können Fragen stellen

Anstatt Deutschunterricht steht an diesem Vormittag „Medienkompetenz heute!“ auf dem Stundenplan der achten Klasse von Lehrerin Felicitas Peetz-Schuldenzucker. KI-generierte Inhalte auf Plattformen wie TikTok und Instagram sind oft kaum von echten Bildern und Videos zu unterscheiden, während Fakten, Meinungen und Fiktion in kurzen Clips schnell verschwimmen.

Informiert über Social Media – zwischen Fakenews und Quellencheck

Den Durchblick zu behalten, ist da nicht immer leicht. Umso wichtiger sind der 37-jährigen Lehrerin Schulprojekte wie das unseres Verlags. In Zusammenarbeit mit dem Bad-Homburger Start-up „Digital School Story“ sollen Jugendliche lernen, Inhalte zu hinterfragen, Quellen zu prüfen und Fakten von Meinungen und populistischen Aussagen zu unterscheiden. „Kann man Fake News auch Propaganda nennen?“, will ein Schüler wissen. Nicht zwingend, antwortet Moll.

Auch dieses Jahr findet das Unterrichtsprojekt „Medienkompetenz heute!“ statt. Lehrkräfte können ihre Klassen noch bis zum 1. Juni anmelden.

Auch dieses Jahr findet das Unterrichtsprojekt „Medienkompetenz heute!“ statt. Lehrkräfte können ihre Klassen noch bis zum 1. Juni anmelden. © Medienkompetenz heute!

Allerdings können Fake News, also gezielt verbreitete Desinformation, zu Propagandazwecken genutzt werden. Als Beispiel nennt der Redakteur den russischen Angriffskrieg in der Ukraine. Die Bundesregierung beobachtet dort verstärkt pro-russische Desinformation und Propaganda. Fakten- und Quellenchecks sind heutzutage deshalb unverzichtbar.

Doch ein Blick auf die Pisa-Studie des vergangenen Jahres zeigt, dass das Identifizieren seriöser Quellen für die Mehrheit der 15-Jährigen in Deutschland herausfordernd ist. Weniger als die Hälfte der Befragten fühlt sich in der Lage, die Qualität einer Quelle zu beurteilen. Wie das geht, erklärt Jörg Moll, schließlich gehört das für Redakteure zum Tagesgeschäft. Dabei gibt er Einblick in einen wichtigen Grundsatz des Journalismus: das Zwei-Quellen-Prinzip, nach dem wichtige Informationen durch unabhängige Quellen bestätigt oder widerlegt werden.

Algorithmen auf Instagram und TikTok bevorzugen Inhalte, die Emotionen wecken

Wer weiß, worauf es bei einem richtigen Quellencheck ankommt, läuft weniger Gefahr, auf Desinformation hereinzufallen oder sie gar weiterzuverbreiten. Gerade Plattformen wie TikTok, die laut jüngster JIM-Plus-Studie von den 14- bis 17-Jährigen besonders häufig genutzt werden, bieten einen Nährboden für die schnelle Verbreitung von Falschinformationen und populistischen Inhalten.

Ein Beispiel hat Moll der Klasse mitgebracht: Auf dem Vorschaubild eines TikToks der AfD-nahen Influencerin „Eingollan“ prangen die Schlagworte „Sommer, Sonne, Remigration“. Der eingängige Dreiklang, gepaart mit den visuellen Symbolen einer Deutschlandflagge und einer farblich abgestimmten Trainingsjacke, zielt darauf ab, die Aufmerksamkeit der Nutzenden auf sich zu ziehen und in der Flut an Videos herauszustechen. Denn genau darauf reagieren die Algorithmen: Inhalte, die starke Emotionen auslösen und bei denen Nutzer lange verweilen, werden als interessant eingestuft und häufiger ausgespielt.

„Populismus entlarven“ – Redakteur Jörg Moll über die Aufgaben eines Journalisten

„Unsere Aufgabe ist es, solchen Populismus zu entlarven“, erklärt Moll. Für Lokaljournalisten bedeutet das etwa, Aussagen, die im Stadt- und Gemeindeparlament fallen, für die Öffentlichkeit einzuordnen. Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, findet die Berichterstattung unserer Zeitung deshalb auch auf Instagram statt. In Kürze, aber faktisch richtig. „Glauben Sie, dass der Journalismus bald von der KI übernommen wird?“, will ein Schüler wissen.

Für Moll ist sie gerade im Lokaljournalismus keine Bedrohung: „KI ist nicht vor Ort, kann nicht mit Leuten sprechen, Emotionen einfangen und einordnen.“ Gleichzeitig kann sie den Redaktionsalltag erleichtern. Denn wer Polizeimeldungen mit etwas KI-Hilfe auf die wichtigsten Informationen kürzt, hat mehr Zeit, den Geschichten vor der Haustür nachzugehen.

Diese Sponsoren unterstützen das Projekt.

Medienkompetenz heute_Logoleiste_OP 2026.pdf © privat