Kein Deal bei den Löwen: So erfolgreich ist Lungenkrebs-Startup „Dogscan“ heute
Am 1. August ist Weltlungenkrebstag. Für Alexander Maßen, der seinen Vater an Lungenkrebs verloren hat, heißt dieser Tag: Aufmerksamkeit schaffen. Zusammen mit Florian Wienen hat er der Erkrankung den Kampf angesagt und in Erkelenz das Startup Dogscan gegründet. Durch speziell ausgebildete Spürhunde kann Dogscan Lungenkrebs im Frühstadium erkennen. Kunden erhalten eine Atemmaske, atmen fünf Minuten hinein und senden diese bei Maßen und Wienen ein. Die Hunde erschnüffeln anhand der Probe, ob eine Krebserkrankung im Frühstadium vorliegt. 2024 machten sie damit bei der Show „Die Höhle der Löwen“ mit, doch es kam kein Deal zustande. Trotzdem halten sie weiter an der Idee fest. Und es läuft. Die Gründer im Interview.
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In den letzten zwei Jahren haben über 50 Menschen durch Dogscan die Diagnose Lungenkrebs erhalten…
Florian Wienen: Ja, 51 bisher erkannten Fällen haben wir es ermöglicht, frühzeitig eine Diagnose zu erhalten. Lungenkrebs hätten sie auch ohne unsere Hilfe gehabt, hätten ihn nur leider viel zu spät entdeckt, nämlich erst, wenn Symptome auftreten. In der Regel werden 80 Prozent der Erkrankungen erst im letzten Stadium entdeckt. Bei uns sind mehr als die Hälfte in den ersten frühen Stadien erkannt worden und hatten damit wirklich eine sehr gute Chance auf Heilung.
Wir hatten zum Beispiel einen 38-Jährigen, der in seinem Leben noch nie geraucht hat, positiv erkannt in Stadium zwei. Der Tumor ist operativ entfernt worden. Und er hat sein ganzes Leben vor sich, kann sein Kind jetzt aufwachsen sehen. Oder einen 74-Jährigen aus Hilden, der im Stadium eins entdeckt wurde. Es war ein sechs Millimeter großer Tumor, der operativ entfernt wurde. Ihm blieben die Chemo und die Immuntherapie erspart. Er sagt selbst, das hätte sein Körper mit 74 nicht mitgemacht. Das ist genau der Grund, warum wir es machen.
Wie werden die Leute auf Sie aufmerksam?
Florian Wienen: Für alles im Leben gibt es ein Morgen, für Vorsorge immer nur ein Heute. Wir wollen Awareness dafür schaffen, dass es eine Vorsorge für Lungenkrebs gibt, ähnlich wie auch bei einer Hautkrebsvorsorge, einer Brustkrebsvorsorge, einer Gebärmutterhalskrebsvorsorge oder Darmkrebsvorsorge. All das macht man klassischerweise ohne Symptome. Nur bei der Lunge ist das bisher nicht möglich, weil es immer mit einem CT verbunden ist. Das bedeutet, der Arzt kann einen erst in eine Diagnostik überführen und in ein CT schicken, wenn man Symptome hat. Doch dann ist es bei Lungenkrebs meistens schon zu spät. Wichtig ist einfach, dass man sich seines eigenen Risikos bewusst ist. Das heißt nicht unbedingt, dass man geraucht haben muss. Schreiner und Friseure sind Risikogruppen, aber auch Menschen, die in der Großstadt wohnen oder familiäre Vorbelastung haben.
Wie sieht es inzwischen mit der Übernahme der Krankenkassen aus? Haben Sie da Neuigkeiten?
Alexander Maßen: Eigentlich ist der Plan der Politik ja, dass man weggeht von der Reparaturgesundheit und Prävention als vierte Säule des Gesundheitssystems verankern möchte. Das finden wir natürlich gut. Wir sind weiterhin mit Krankenkassen in Gesprächen. Wir haben jetzt auch unsere eigene Studie veröffentlicht, mit der Charité und dem Lungenzentrum Havelhöhe. Dafür wurden über 60.000 Atemproben verwertet. Wir sind auch schon bei der zweiten und dritten Studie dran. Aber mit Krankenkassen ist es immer ein langer Weg, auch wenn wir durch die Früherkennung dauerhaft Behandlungskosten sparen können. Der Weg zur gesetzlichen Krankenkasse ist ein deutlich härterer und längerer Weg als zu den privaten Kassen. Aber wir bleiben definitiv dran.

Hund Aki ist Profi: Er und fünf weitere Hunde wurden ausgebildet, um Lungenkrebs anhand von getragenen Masken zu erschnüffeln.© FUNKE Foto Services | Arnulf Stoffel
Florian Wienen: Wir waren im Januar zum Wirtschaftsforum in Davos eingeladen. Dort durften wir den Generaldirektor der WHO eine halbe Stunde über Dogscan aufklären und über die Ergebnisse, die wir erzielt haben.
Herr Maßen, Ihr Vater ist an Lungenkrebs verstorben. Hilft Ihnen die Arbeit an Dogscan bei der Verarbeitung Ihres Verlustes?
Alexander Maßen: Ich habe beide Elternteile innerhalb eines Jahres unter die Erde bringen müssen. Mein Vater ist kurz nach Weihnachten an Lungenkrebs gestorben, meine Mutter ist kurz darauf an einem gebrochenen Herzen gestorben. Ich fühle mich zu jung, um meine Eltern verloren zu haben. Aber meine Eltern waren immer sehr stolz auf das, was ich getan habe, und das fehlt mir ein Stück weit. Es ist einfach etwas anderes, wenn die Eltern stolz sind. Aber aus dem Tod meines Vaters ist die Grundidee von Dogscan entstanden. Manchmal ist es wie bei einem Vulkanausbruch. Manchmal stirbt etwas, um wieder Neues aufzubauen. Und ich persönlich glaube, dass mein Vater uns immer begleitet. Wenn ich zum Beispiel große Entscheidungen treffen muss und auf einmal der Himmel aufreißt, dann fühle ich, dass er da ist.
Termine bei Fachärzten sind ein rares Gut. Empfehlen Ärzte inzwischen Dogscan, wenn sie keine Kapazitäten mehr haben?
Florian Wienen: Wir haben viele Empfehlungen von Ärzten, unabhängig davon, dass ein Kapazitätsproblem da ist. Schlichtweg gibt es keine andere Möglichkeit der Lungenkrebsvorsorge als Dogscan. Wir arbeiten sehr viel mit Präventionszentren zusammen, aber auch mit Betriebsärzten von Firmen. Das sind manchmal Abbruchfirmen und Baufirmen, aber auch Malerbetriebe und Sägewerke. Es gibt immer mehr Firmen, die auf den Obstkorb für ihre Mitarbeitenden verzichten, um dafür lieber in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Ich finde sehr schön, dass auch Firmenchefs bereiter dazu sind, da in die Verantwortung zu gehen. Dass die Arbeitgeber verstehen: Der Arbeitnehmer ist das höchste Gut, nicht das Produkt.
Alexander Maßen: Auch Feuerwehrleute haben ein viel höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, trotz Atemschutzmaske. Wir sind auch Teil eines Förderprojekts, das allen Feuerwehrleuten in der Freiwilligen Feuerwehr einen kostenlosen Dogscan-Test ermöglicht.
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Wie viele Tests führen Sie – oder besser gesagt die Hunde – denn inzwischen durch?
Florian Wienen: Wir machen zwischen 500 und 1000 Tests im Monat. Wir können allerdings 350.000 Tests im Jahr machen. Also wir sind noch bei weitem nicht da, was die Hunde leisten könnten. Für sie ist es ein schöner Freizeitvertreib, der zehn Minuten am Tag dauert. Momentan haben wir sechs Hunde, die mitarbeiten, und noch weitere in Ausbildung. Die Rasse ist nicht unbedingt ausschlaggebend, aber Mops oder Bulldogge geht zum Beispiel nicht. Je länger die Schnauze, sprich je mehr Riech-Rezeptoren, desto besser. Es muss eine schöne Ausgewogenheit zwischen einer starken Nase, aber auch einem sehr lernwilligen Charakter sein.
Alexander Maßen: Die Hunde werden immer ein Jahr trainiert. Jeder Hund muss an über 12.000 Atemproben konditioniert werden, bis er so weit ist. Dann findet eine Abschlussprüfung statt. Und erst dann werden die Hunde auch dafür eingesetzt. Aber sie haben auch ihre Work-Life-Balance. (lacht)
Manche Menschen, die ein Lungenkrebs-Risiko haben, berichten von Angst, den Test zu machen. Was würden Sie weifelnden Menschen gerne sagen?
Alexander Maßen: Ich kann verstehen, dass sie Angst haben. Mir würde der Test wahrscheinlich auch Angst machen. Deswegen machen wir am Lungenkrebstag unsere Kampagne: Diese Angst darf das Leben nicht bestimmen, sondern man muss sich vor Augen führen, dass es nichts daran ändern wird, ob man Lungenkrebs hat oder nicht. Viele verbinden Krebs auch immer gleich mit dem Tod. Aber inzwischen sind viele Krebsarten gut behandelbar, wenn sie frühzeitig erkannt werden, so ist es bei Lunge auch. Das muss in den Köpfen der Menschen noch ankommen.
Seit etwa einem Jahr ist Dogscan auch bei Apotheken gelistet. Interessierte können sich in der Apotheke ihres Vertrauens eines der Testkits bestellen, es dort abholen und für die Auswertung wieder kostenlos mit der Post an das DogScan-Team zurücksenden. Ein Testkit kostet 112 Euro. Im Internet ist das Kit unter www.dogscan-deutschland.de erhältlich.
Was ist für Sie der größte Erfolg, wenn Sie auf die letzten zwei Jahre zurückblicken? Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Florian Wienen: Nach „Die Höhle der Löwen“ hatten wir einen wahnsinnigen Aufschwung und Zuspruch. Unfassbar. Wir hätten niemals gedacht, dass wir so viel positives Feedback bekommen. Persönlich habe ich rückblickend zwei Sachen, auf die ich wirklich stolz bin: Das ist einmal die Veröffentlichung der Studie, die weltweit auch ein Alleinstellungsmerkmal ist und die es geschafft hat, in einem standardisierten Verfahren zu zeigen, dass Hunde in der Lage sind, mit einer hohen Trefferquote diagnostisch eingesetzt zu werden. Und das zweite ist, dass wir den Mut hatten, es durchzuziehen, und damit wirklich Menschen retten können. Ich glaube, wir hatten schon oft auch die Überlegung, aufzuhören, weil es uns zwischendurch nicht leicht gemacht wurde, aber ich bin froh, dass Alex und ich uns gegenseitig immer wieder gepusht haben und weitermachen.
Alexander Wienen: Ja, was wir nach „Die Höhle der Löwen“ alles erlebt haben, das hat mich persönlich sehr verändert. Ich wusste gar nicht, dass so viel Arbeit so viel Spaß machen kann. Wir arbeiten deutlich mehr, als wir es vorher getan haben, und wir merken es gar nicht. Wir haben einfach einen Traumberuf. Wir arbeiten mit Tieren zusammen und retten Menschen. Ich glaube, das hat auch viel mit der Leidenschaft zu tun, die durch meinen Vater entstanden ist. Ich persönlich musste lange darüber nachdenken, das auch einfach anzunehmen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir weitere Krebsarten auf ähnliche Weise entdecken können, wie wir es schon mit Lungenkrebs machen.