Krankenkassen steigen wieder: Warum Patienten nicht allein schuld sind

Kommentar
Die Krankenkassenprämien steigen erneut. Allein den Patienten die Schuld zu geben, greift zu kurz
Wer für die Krankenversicherung viel Geld ausgeben muss, will auch etwas davon haben. So wird Medizin zum Konsumgut. Spitäler und Ärzte heizen diese unheilvolle Entwicklung zusätzlich an.
29.09.2026, 14.00 Uhr
6 Leseminuten

Das Operationsbesteck liegt bereit: Im Gesundheitswesen gibt es viele Instrumente, um die richtigen Anreize für eine koordinierte und effiziente Versorgung zu setzen. Sie werden nur noch nicht konsequent genug eingesetzt.
Pius Amrein / CH Media
Die Schweiz hat eines der besten Gesundheitswesen der Welt. Den verwöhnten Schweizern wird das spätestens bewusst, wenn sie im Ausland ein gesundheitliches Problem haben. Wer während seiner Ferien in Bella Italia im Spital landet, stellt fest: Die Pflegenden haben für die Patienten weniger Zeit als Schweizer Pflegefachleute. Denn der Personalmangel ist im südlichen Nachbarland noch viel grösser. Italienische Pflegefachfrauen müssen daher mehr Patienten auf einmal betreuen als ihre Schweizer Kolleginnen.
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Die Schweizer könnten sich glücklich schätzen. Wäre da nicht der jährliche Anstieg der Krankenkassenprämien. Auch im kommenden Jahr bezahlen die Versicherten im Schnitt wieder 5 Prozent mehr. Bereits für dieses Jahr waren die Prämien um 4,4 Prozent gestiegen, 2024 sogar um 8,7 Prozent. Die Gesundheitsausgaben sind laut dem UBS-Sorgenbarometer die grösste Sorge der Bevölkerung. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) rechnet damit, dass die Kosten bis im Jahr 2027 fast 110 Milliarden Franken erreichen werden. Das ist ein Plus von rund 16 Milliarden innert vier Jahren.
Dagegen hilft nur eines: den Blick auf das grosse Ganze richten und nicht nur auf sich selbst. Und bevor wieder alle mit dem Finger auf die Patienten zeigen, sollten sich auch Ärzte und Spitäler fragen, wie sie das Kostenwachstum bremsen können. Gerade bei ihnen gibt es noch viel Potenzial.
Beschwerden richtig einordnen
Klar, die Leute gehen zu oft zum Arzt. Und je mehr die Prämien steigen, desto mehr stellt sich die Haltung ein: «Sei’s drum, für etwas gebe ich ja jeden Monat so viel Geld aus!» Das macht sich bei der Anzahl Konsultationen in den Hausarztpraxen längst bemerkbar. Laut dem Tarifmonitoring des Ärzteverbands FMH sind sie zwischen 2018 und 2025 um fast 30 Prozent gestiegen.
Eine Erhöhung der Mindestfranchise von 300 auf 400 Franken, wie sie der Bundesrat vorschlägt, setzt daher die richtigen Anreize: Wenn sich die Menschen an ihren Gesundheitskosten stärker beteiligen müssen, überlegen sie es sich zwei Mal, ob sie wegen eines Schnupfens zum Arzt gehen. Oder ob sie es zuerst mit Tee und Meersalz-Nasenspray aus der Apotheke versuchen sollen. Doch die Linke droht bereits mit dem Referendum. Sie argumentiert, dass Geringverdiener weniger zum Arzt gingen, auch wenn es nötig wäre.
Das zeigt, wie schwierig es politisch ist, selbst eine moderate Erhöhung der Mindestfranchise durchzusetzen. Der damalige Krankenkassenverband Santésuisse forderte bereits im Jahr 2015 eine Erhöhung der Mindestfranchise auf 500 Franken. Zehn Jahre später sind wir bei einem Vorschlag von 400 Franken, und das obwohl die Franchise seit 2004 nicht mehr angepasst wurde.
Auch eine Erhöhung auf 500 Franken wäre durchaus vertretbar, zumal der Staat Geringverdiener heute schon mittels Prämienverbilligungen entlastet.
Gleichzeitig sollten Bund und Kantone die Hausarztmedizin konsequenter stärken, damit die Patienten überhaupt Zugang zu einer kostengünstigen medizinischen Versorgung haben. Vor allem in ländlichen Regionen spitzt sich der Ärztemangel zu, weil sich die Mediziner der Babyboomer-Generation in die Pension verabschieden. Wer weder einen Hausarzt noch eine Permanence in der Nähe hat, der fährt wegen eines Schnupfens womöglich sogar in die Notfallstation des nächstgelegenen Spitals. Spätestens dann laufen die Kosten für nicht dringliche Fälle völlig aus dem Ruder.
Damit sich Patienten wegen eines Schnupfens gar nicht erst in ärztliche Behandlung begeben, müsste die Gesundheitskompetenz bereits in der Schulzeit stärker gefördert werden. Im Schweizer Lehrplan ist der Erwerb von solchem Wissen zwar verankert. Laut einer Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) aus dem Jahr 2023 ist der Unterricht in diesem Bereich aber noch zu wenig gut.
Menschen mit einer hohen Gesundheitskompetenz können Beschwerden besser einordnen. Denn es kommt immer wieder vor, dass Leute sogar wegen Muskelkater in die Notfallstation fahren. Das mag absurd klingen. Aber der GLP-Nationalrat und Pflegefachmann Patrick Hässig berichtet, dass er bei seiner Arbeit auf der Notfallstation mit solchen Fällen konfrontiert sei.
Mehr Zusammenarbeit, weniger Tricksereien
Sind die Leute erst einmal in den Arztpraxen und den Kliniken, lauern dort gleich mehrere Kostenfallen. Es wird immer mehr behandelt und operiert. Das liegt keineswegs nur an den Patienten, sondern auch an den Ärzten und Spitälern, die sich zu wenig absprechen.
In den Spitälern wird andauernd von Transdisziplinarität gesprochen: Spitaldirektoren wiederholen mantraartig, wie wichtig die Zusammenarbeit über die verschiedenen Fachgebiete hinweg sei. Trotzdem gibt es noch einiges zu verbessern, wie der Bundesrat in seiner gesundheitspolitischen Strategie 2030 festhält.
Die älter werdende Bevölkerung verleiht dem Thema zusätzliche Dringlichkeit. Sie ist einer der Hauptgründe für die Mengenausweitung bei den Gesundheitsleistungen. Gerade bei älteren Patienten mit mehreren Krankheiten und chronisch Kranken ist deshalb ein regelmässiger Austausch zwischen den involvierten Spezialisten unerlässlich.
Ein 75-jähriger Patient mit Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, verengten Herzkranzgefässen und einer Nierenkrankheit ist bei mindestens vier verschiedenen Ärzten in Behandlung. Er nimmt zahlreiche Medikamente ein, die Wechselwirkungen haben könnten. Sprechen sich Hausarzt, Endokrinologe, Kardiologe und Nephrologe nicht ab, dann machen sie ähnliche Bluttests und merken auch nicht, dass eine Behandlung des Herzens vielleicht für die Niere nicht gut sein könnte. Es kommt zu Über-, Unter- oder Fehlversorgung. Alle drei Varianten gefährden den Patienten und verursachen kurz- oder langfristig Kosten.
Mangelnde Koordination kann zwar gravierende Folgen haben, dahinter steckt aber zumeist keine böse Absicht. Ärzte sind grossem Stress ausgesetzt, sie müssen unglaublich viel Administration bewältigen und haben überdurchschnittlich lange Arbeitstage. Die Toleranz endet aber, wenn der Verdacht auf Betrug bei den Abrechnungen im Raum steht. Die meisten Ärzte rechnen richtig ab. Aber es gibt auch Tricksereien. Und das zeigt sich seit ein paar Monaten wieder einmal deutlich.
Auslöser war die Einführung des Tarifsystems Tardoc Anfang Jahr. Ein neues Tarifmodell bringt neue Schlupflöcher mit sich. Und ein paar wenige Ärzte wissen diese zu nutzen, um Geld aus dem System abzuschöpfen.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sah sich im Sommer daher gezwungen, einen Brief an die Verbände der Krankenkassen, Spitäler und Ärzte zu schicken. Etwas verzweifelt schreibt die BAG-Direktorin Anne Levy: Es gebe Hinweise auf «opportunistisches Verhalten einiger Leistungserbringer, die darauf abzielen, ihre Abrechnungen zu optimieren». Das könne zu zusätzlichen Kosten für das Schweizer Gesundheitssystem führen.
Ein Beispiel dazu liefert die Behandlung einer Makuladegeneration in der Augenheilkunde. Das ist eine Erkrankung der Netzhaut, welche die Sehfähigkeit im Alter einschränkt. Eine Injektion kann Linderung bringen. Neu rechnen die Ophthalmologen diese Spritze ins Auge über eine Pauschale von zirka 1500 Franken ab. Inbegriffen sind alle Behandlungsschritte, das Medikament und das Material. Bisher wurde die Behandlung an einem Tag durchgeführt. Offenbar gibt es aber Ärzte, welche die Behandlung neu auf zwei Tage strecken, etwa indem sie die Voruntersuchung an einem Tag machen und die Injektion an einem anderen. Die Pauschale rechnen sie dann bewusst oder unbewusst zweimal ab.
Transparenz bei den Medikamentenpreisen
Auch bei den Medikamentenrabatten sind Ärzte, Spitäler und Apotheken in den vergangenen Wochen in die Schlagzeilen geraten. Manche erhalten von den Pharmafirmen Rabatte auf Medikamente und andere Vergünstigungen. Einen Teil dieser Gelder müssten sie an die Krankenkassen weiterleiten, wo sie den Versicherten in Form von niedrigeren Prämien zugutekämen.
Doch das geschieht offenbar noch zu wenig. Das geht aus einem Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) vom August hervor. Von Hunderten Millionen Franken ist die Rede, die den Versicherten entgehen.
Allerdings sind die Zahlen sehr vage. Die EFK musste Schätzungen und Hochrechnungen machen, weil es nur wenige und teilweise veraltete Daten gibt. Zudem lässt sich bei den Grossisten nicht nachvollziehen, ob, wie und in welchem Umfang sie Rabatte an Arztpraxen weitergeben, die ihre Medikamente bei ihnen beziehen.
Das liegt daran, dass Informationen zu Medikamentenpreisen, Rabatten und Vergütungen von Pharmafirmen an Gesundheitsversorger bis heute nicht klar ausgewiesen werden. Eigentlich wäre das BAG seit dem Jahr 2020 für die Kontrollen zuständig, hat aber zu wenig Personal dafür. Nun hat das Amt wohl einen Rüffel kassiert, mehr Leute wird es aus Kostengründen aber nicht einstellen können, um die Kontrollen zu intensivieren. Auch deshalb müssen die Geldflüsse transparenter werden. Nur so lassen sich Missstände aufdecken und Kosten sparen.
Patienten, die wegen eines Schnupfens sofort zum Arzt gehen, sind zwar ärgerlich. Aber die wirklich grossen Kostenblöcke sind die Spitäler und Arztpraxen. Umso wichtiger ist es, dass der Bund und die Kantone die richtigen Anreize setzen, um die Gesundheitsversorgung effizient, koordiniert und transparent zu organisieren.
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